Review
von Con Trai
Spätestens wenn der Darsteller Ben Ng Chai - cheung auf dem Bildschirm auftaucht, weiss man was für eine Sorte Film man sich gerade zu Gemüte führt. Ng ist zwar kurzzeitig auch in prominenteren Filmen wie The Conman oder A True Mob Story zum Zuge gekommen, dort aber nur in stereotypen Nebenrollen. Ansonsten hält er sein relativ unverwechselbares Gesicht und besonders die artifizielle Art des Schauspielerei zumeist für C – Werke wie Die Harder, MAFIA.Com, Pursuit of a Killer, Legend of Wind zur Verfügung; in denen er bevorzugt hervorgehoben wird und dort auch als der Star fungiert.
Auch hier ist er gross auf dem Cover gehalten, wird namentlich hervorstechend genannt und ist ab den Credits omnipräsent:
Ho Jian [ Ben Ng ], ehemaliger Angesteller bei Director Fang, klaut diesem geheime Daten und will ihn damit erpressen. Fang lässt seinen Killer Chang von der Leine.
Der Prolog findet bei einem recht grossflächigen Shootout in einem wirtschaftlich längst ruinierten Trockendock statt; der Schauplatz passt perfekt als Setting und auch die Choreographie lässt kaum etwas zu wünschen über. In dem weiträumigen, staubverzierten Areal, dass nur noch aus den Überresten einstmals besserer Zeiten besteht, wird sich beidhändig aus der Drehung heraus beschossen, von luftiger Höhe mit dem Oberkörper voran auf Holzplatten geknallt und sogar einige anschauliche Schlag- und Trittkombinationen gezaubert. Bis Ho Jian der Übermacht nicht mehr standhalten kann. Und er getötet wird. Weg vom Fenster.
Das erreicht sicher nicht die Wirkung von Janet Leighs Ausscheiden in Psycho, ist aber auf kleineren Rahmen durchaus vergleichbar. Und auch ganz clever gehalten. Spielt man nämlich doch stark mit den Erwartungshaltungen des Zuschauer, lässt ihn erst tot erscheinen, aber dann doch am Leben; um ihn eben in der nächsten Minute unweigerlich den Garaus zu machen. Zwei Überraschungen auf einmal. Zwar die Gleiche, aber einmal mit dem Gefühl der Hoffnung aufgelöst und einmal mit der bitteren Erkenntnis.
Und wenn der einzige „Star“ bereits nach 10min die Segel Richtung Hades streicht, ist das schon ein Ding der dickeren Sorte. Die vorliegende Produktion ist nämlich einer der Marke „Sehr Billig“ und kann es sich normalerweise nicht leisten, auf Einen seiner gerade mal Drei überhaupt erkennbaren Darsteller zu verzichten, tut dies aber eben dennoch ohne Reue.
Nun hat selbst der mit dem Genre erfahrene Betrachter keinen grossartigen Anhaltspunkt mehr; als weitere Fixstellen sind allerhöchstens die noch mehr gealterten Ken Tong und Cheung Kwok Keung gegeben, die von der Berufskarriere her das gleiche Schicksal wie Ng auch erlitten haben. Bei der Geschichte verhält es sich genauso; die Prämisse „Action“ verschwindet und weicht über einen Grossteil einem ganz anderen Film, um sich nach und nach immer mehr vom eigentlichen Ausgang und den anfangs eingeführten Figuren zu ertfernen. Der Autor hat das Skript offensichtlich in vielen verschiedenen Sitzungen geschrieben und ist unfreiwillig vom Wege abgekommen. Oder er hat wie beim Entfernen des Zugpferdes den Zuschauer nur in die Irre führen wollen. Zumindest ist ihm das so oder so geglückt; nach einem routinierten Auftakt verfolgt man eben nicht den scheinbar geradlinigen Ablauf, sondern driftet immer weiter davon weg. Eröffnet andere Stränge und führt zuerst unwichtige Nebenfiguren plötzlich in den Kegel der Aufmerksamkeit. Der Klappentext steigt mit der Aufzählung des Inhaltes auch erst ab der Hälfte der Laufzeit ein; vorher müsste man direkt annehmen, Hülle und DVD entsprechen zwei unterschiedlichen Filmen.
Die Ungewissheit und aus dem Unvorgesehenen bezogene Spannung ist dann auch das einzige Pfund, mit dem der Regisseur wuchern kann. Die jeweils einzelnen Plots würde nicht für einen 90minüter reichen und sind abstrakt gesehen auch gar nicht so wirklich herausragend:
- - Nan Wa [ Lau Mei Kuen ], die Freundin des Ermordeten, zieht bei einer Bekannten ein, entdeckt die Diskette und versucht seinerseits eine Erpressung.
- - Ein Haus weiter vermisst die Ehefrau Sue Er ihren ständig auf Geschäftsreisen befindenden Ehemann Li Jing Rue [ Ken Tong ] und spielt mit dem Gedanken des Ehebruches.
- - Chief Sun [ Cheung Kwok Keung ] wird anonym zu einem Mord gerufen, der unmittelbar in der Nähe des Hauses von Sue Er und Nan Wa stattfand. Und er ist auch hinter dem Mörder von Ho Jian her, wobei er das Pech haben wird, dass Chang ein alter Kriegskumpel ist.
Güteklasse entsteht dabei nur aus der Gesamtheit; die einzelnen Bausteine entsprechen meist Altbekanntem, Wenig Aufregendem oder gleich ganz einer harmlosen Soap. Von der Hitchcockschen Jagd auf den McGuffin über die Lindenstrasse hin zu Das Schlafzimmerfenster ist also alles vertreten, was nur irgendwie nach Bereicherung aussieht; dementsprechend sind auch für die Erzeugung von Suspense zwei auffallend unterschiedliche Methoden vorhanden.
1 ) Wann kriegt er sie ? Was sich auf den losgeschickten Killer und sein nächstes Opfer Nan Wa bezieht.
2 ) Wann kriegt er sie ? Was diesmal die vereinsamt – leidende Ehefrau und einen um sie herumscharwenzelnden Nachbarn betrifft.
Klassisch dabei ist vor allem, dass beide Mittel genau im selben Moment gesteigert werden und im exakten Parallelschnitt ihren Höhepunkt finden; der Mord findet genau vor den Augen der Schäferstündler statt.
Hierbei ist man fast schon angeregt, anerkennend zu applaudieren; jetzt müsste nur noch die Inszenierung selber ansprechend sein.
Nun ist das bereitgestellte Budget minimalst und die Optik verleitet die Meisten sicherlich zum sofortigen Ausschalten. Die federführende Dream Movie Entertainment Ltd. / Tonrock International Investment Limited ist für solch spartanisch ausgerüstete Kracher wie Thou Shall not commit, Fist of Mercy und Double Sin verantwortlich, die zwar alle auf ihrem ganz eigenen Gebiet durchaus etwas aufzubieten haben; aber eben auch eindeutig direct to video gehalten sind. Und auch dementsprechend aussehen. Also komplett unfilmischer Look, halt mit Digicam statt auf 16 oder gar 35mm. Preisgünstigst. Dazu ein Score, der auch als Untermalung eines Sexstreifens dienen könnte und verhohlene Dialoge, die unweigerlich auf die wahren Gedanken hinter all dem Smalltalk hinweisen: „Umdrehen, Ausziehen.“
Analog dazu die Ausstattung; oft wird in den Wohnungen, am Arbeitsplatz oder im ewiggleichen Restaurant gedreht, alles rein funktional und damit frugal eingerichtet. Couch und Tisch als im Preis reduzierte Einrichtung aus der Möbelstadt bekommen, dazu ein Telefon. Die präsentierten Reihenhäuser mit kleinem Vorgarten sind zwar Zweigeschosser, aber man bekommt auch nur Parterre und die fleissig begangene Treppe zu sehen. Sogar die getragene Kleidung, vor allem die Jeans, sind unförmig und offensichtlich von der hintersten Stange.
Die vorhandenen Schauspieler passen mit ihren begrenzten Künsten perfekt in diese Endstelle von nachbarschaftlicher Liebe, Begehren, Eifersucht, Betrug und Mord. Man kann sie wegen den neuen Gesichtern und der wenigen Ausdruckskraft auch nur auseinanderhalten, weil sie personenmässig ebenfalls eingeschränkt sind; vielleicht ein halbes Dutzend ist im überschneidend hauptsächlichen Geschehen verwickelt.
Dennoch ergibt sich das gewisse Etwas, dass aber wahrscheinlich auch nur Liebhaber wirklich dieser Gattung „Film“ erkennen und wertschätzen können. Die Tatsache, dass das Werk so gut wie unentdeckt ist und sich kaum bestätigte Informationen darüber finden liessen hilft dabei ebenso wie die seltsame Atmosphäre, die durch die uncinematische, stillose Fotographie entsteht. Dass die Handlung zwar stark keine Richtung findet, sich aber dennoch über Wasser halten und auch abschliessen kann, zählt zu den weiteren Vorteilen. Schade nur, dass man die Action mit dem Cameo Ben Ngs fast komplett wegfallen lässt und stattdessen so spannende Sachen wie ungewollte Schwangerschaft, Abtreibung und Scheidung als Ersatz nimmt.