„Dracula ´79“ klingt ein bisschen nach Disco-Ära, aber John Badhams Beitrag zum Filmoeuvre des stokerschen Beißers ist dennoch ein zeitgenössisch achtbare und relativ stilsichere Sache, die sich an durch die Kernelemente des Romans überaus sorgfältig hält, wenn man eine Neuanordnung der verschiedenen Romanteile mal außer acht lässt.
Allerdings konzentriert sich das Skript vornehmlich auf die drei namhaften Mimen in den Hauptrollen, nämlich Frank Langellas Fürst der Vampire, Laurence Oliviers van Helsing und Donald Pleasences Dr.Seward. Eine Reihe jüngerer Nebenfiguren wird aus Konzentrationsgründen eingedampft, wobei man die Figurenkonstellation auf der Basis eines Bühnenstücks etwas eindampfte. Aus Mina Harker, der zentralen weiblichen Figur und Verlobte von Jonathan Harker, Draculas Anwalt, wird in dieser Fassung die kränkelnde und leicht beeinflußbare Mina van Helsing, während ihre Freundin Lucy (Westenra im Original) hier die Tochter des Anstaltsbesitzers Seward wird. Gleichzeitig wird das Opferprinzip umgekehrt, so daß Mina das erste Opfer des Vampirs wird, während Lucy zur weiblichen Heldin aufsteigt.
Damit fällt sowohl der transsylvanische Pro-, wie auch der dortige Epilog weg, alle Szenen spielen in England. Auch Harker tritt nicht die Reise nach Rumänien an, er tritt erstmals zu Beginn in England auf. Der Film geht von Draculas Ankunft per Schiffskatastrophe aus und pendelt dann zwischen dem Heim der Harkers, Sewards „Sanatorium“ und Draculas Unterkunft ("Carfax Abbey" wird von der Ruinenabteil zum englischen Abbild eines verwunschenen Vampirschlosses) hin und her. Als Konzentration auf das Wesentliche kommt dem Film das zugute, denn die Weitschweifigkeit weicht konkretem Personendrama.
Dracula selbst wird hier mehr als Symbiose aus einem wahrhaft reißenden Tier und einem sexuell überattraktiven düsteren Fremden präsentiert, der mehr verführt als Opfer reißt. So sieht man denn auch niemals die üblichen Vampirzähne, stattdessen wickelt Langellas melancholische Erotik zusammen mit seiner übernatürlichen Präsenz seine Gegenüber stets ein. Gleichzeitig zeigen sich auch die vielen verlebten Jahre stets in Ausdruck und Rede, so dass diese Interpretation des Vampirs als eine der interessantesten angesehen werden kann.
Olivier (der auch die 70 bereits überschritten hatte), gibt den van Helsing eher zurückhaltend, sich stets auf seine ureigenste Präsenz verlassend, dennoch nicht weniger unerbittlich, aber auch nicht so vordringlich wie etwa Cushing das tat. Während Pleasence seine übliche gute Leistung abliefert, können die Harkers kaum überzeugen, zu wenig einprägsam bleiben Gesicht und Spiel, bisweilen sind beide eher unsympathisch gezeichnet, um die nötige Anteilnahme des Zuschauers zu erregen.
In ausgebleichten, fast sepiahaften Farben erweckt Badham recht gelungen die Jahrhundertwende zum Leben und spart nicht mit diversen blutigen Effekten, wobei jedoch so manche Maske oder die Verwandlung Draculas in einen Wolf per Schnitt nicht gerade dem üblichen Standard entspricht.
Die Szene, in der van Helsing und Seward jedoch die untote Lucy in den Kavernen des Friedhofs von ihrem Dasein erlösen, ist jedoch creepy deluxe, vielleicht eine der ungewöhnlichsten Untotenszenen überhaupt, in der einmal nicht vermenschlichte Vampiropfer einfach auferstehen, sondern eine bleiche, röchelnde Monstrosität Mitleid und Angst unter ihren Angehörigen erregt.
Den Originalen wird übrigens, wenn auch leicht abgewandelt, durchaus Referenz erwiesen - so ist Lugosis berühmter Satz "Ich trinke niemals Wein!" in eine Dinnerszene bei Langellas erstem Auftritt im Sewardschen Haus integriert und der berühmte Schnitt in den Finger (der Dracula erregt), widerfährt nicht Harker, sondern einem Angestellten Sewards, der den Braten schneidet.
Wirklich ungewöhnlich auch das Finale auf einem Segelschiff, bei dem sich Dracula und van Helsing letztendlich gegenseitig umbringen, obwohl ein unnötiger Kniff mit Draculas Mantel eine mögliche Fortsetzung andeutet oder einfach nur die Unsterblichkeit des Blutsaugers andeutet.
So mag man zwar keine absolut buchgetreue Verfilmung erhalten, aber in Atmosphäre und Look wird Stokers Vorlage fast exakt getroffen, so daß Badhams Variante als durchaus delektabel angesehen werden kann. (7/10)