Review

Die größte Leistung bei „Der gute Hirte“ hat mit Sicherheit die Castingabteilung in freundlicher Zusammenarbeit mit Regisseur de Niro vollbracht, denn so viele namhafte Akteure, die sich hier darum reißen in kleinen und kleineren Rollen kurz vorbei zu schauen, riechen sozusagen nach Freundschaftsdiensten.

Ansonsten hapert es bei Robert de Niros zweiter Regiearbeit aber durchaus an diversen Ecken und Enden, was aber den Film nicht in Grund und Boden verdammt, seine ersichtlichen Qualitäten aber leider stark schmälert.

Die deutsche Werbung faselt wieder einmal fröhlich am Thema vorbei, von der „Geschichte über die Entstehung der CIA“ ist da weithin zu lesen, aber wenn der Film auch das erste Vierteljahrhundert des Geheimdienstes mitprotokoliert, handelt es sich doch in erster Linie um ein Personendrama. Die Figur des Edward Wilson, portraitiert von Matt Damon, ist der Mann, der die „Agency“ in den 40er Jahren mitgründet und aufbaut, doch das Vergraben in der für die Sicherheit des Landes ach so entscheidenden Arbeit kostet ihn alles, was er sonst noch im Leben hat: seine Familie, sein Sohn, sein Vertrauen in andere Menschen, seine Seele, sein Selbstwertgefühl.

Mit großer Hingabe ließ de Niro hier einen kraftvollen Bilderbogen filmen, der die Stationen von Edwards Leben in Rückblenden visualisiert, während er selbst in der Affäre der missglückten Invasion in der Schweinebucht anno 1961 im Kreuzfeuer steht.
Das Drehbuch stellt dabei auf dem Papier die größte Stärke dar, denn Autor Roth verlässt sich nie auf äußere Effekte, sondern fokussiert auf dem politisch-intrigenhaften Versteckspiel der Geheimdienste, die nur Grauschattierungen zulassen; ein Labyrinth, in dem sich Menschen schlussendlich nur verirren können.
Edwards Hingabe, angetrieben durch ein Kindheitstrauma, ist der Schlüssel, das Zentrum des Films: ein Mann, so tief vergraben in seiner Arbeit, dass der Mensch vollkommen verschwindet, seine Identität aufgibt, nurmehr ein Chiffre in einem großen Spiel wird.

Gewürzt mit einer kräftigen Prise Historie hätte daraus ein ungemein kraftvoller Film werden können und die Bilder unterstreichen dies noch dazu. Aber an allen anderen Fronten fällt der Film leider auseinander.
Da wäre zunächst Hauptdarsteller Matt Damon, für diese Rolle sowohl gelobt als auch abgestraft, der die identitätslose Figur mit derart eindimensionaler Monotonie runterleiert, als hätte er einen Job als Statue zu gewinnen. Was einige als Intensität verstehen, kann man auch als „hölzern“ bezeichnen, denn in einigen wenigen Szenen, lässt er es hinter der Fassade aufblitzen, doch bei weit über zweieinhalb Stunden Laufzeit sind das kaum Fußnoten. Auch versäumte man es, ihn entsprechend altern zu lassen, so dass sich das fortgeschrittene Alter der Figur nur über den schleppenden Gang ausmachen ließ.

Die große Starriege schaut bei dieser Show nur hie und da mal rein, de Niro selbst gönnt sich zwei, drei amüsante Kurzauftritte, Angelina Jolie überzeugt gerade aufgrund der Edward diametral entgegengesetzten Emotionalität, ansonst heißt es „hello and goodbye“, der Auftritt von Joe Pesci nach jahrelanger Filmabstienz wirkt sogar wie nachträglich hineingeschrieben.

Fakt ist aber, dass de Niro nun mal ein Schauspieler und kein großer Regisseur ist.
Allein in der Lauflänge lässt er die Zügel schießen, bei einem Plot, den man bequem in zwei Stunden hätte unterbringen können. Ohne Gefühl für das nötige dramaturgische Tempo setzt de Niro auf brachiale Intimität, das Ergebnis ist ein unendlich zäher Film, der über die ganze Lauflänge ewige Pausen zwischen zwei Sätze baut und so vom gewollten „Kino der Blicke“ zu einer Leistungsschau in Langeweile gerät. Sorgfältig werden da die Sätze deklamiert, das inhaltlich Bedeutende in den Dialogzeilen extrabreit in Szene gesetzt, bis es auch der Letzte im Saal als Botschaft identifiziert hat. Dazu klimpert den ganzen Film über ein zusätzlich einschläfernder Klavierscore den letzten Rest an innerer Dramatik in ein kuscheliges Wachkoma.
Hier soll das ganz große Drama inszeniert werden, aber de Niro bemüht leider den größten Pferdehaarpinsel, den er kriegen kann und riskiert damit, das Publikum zwischen den Höhepunkten immer wieder eindösen zu lassen.
Wer schon Drei-Stunden-Filme inszeniert, muß auch dafür sorgen, dass sein Spannungsbogen die Stringenz aufweist, die Zuschauer bei der Stange zu halten.
Daß Damons Eindimensionalität das Thema nicht tragen kann, ist dann nur der Sargnagel zu einem Film, der gleichermaßen Kunst und Niete ist, am breiten Publikum aber vorbeispekuliert.

„Der gute Hirte“ ist ein inhaltlich überaus interessanter Film, der noch besser gewesen wäre, wenn sich jemand anderes daran versucht und ein mimisch besser aufgelegter Darsteller den Cast angeführt hätte.
So ist es nur eine verpasste Chance, die als stargespicktes Geduldsspiel einige verprellen wird. (5/10)

Details
Ähnliche Filme