Review

Den Gutachter, der diesen Film Anfang der 90er vor dem Schredder bewährt hat wurde ich zu gerne mal kennen lernen. Zum einen, weil mich brennend interessiert, ob und inwiefern dessen Interpretation über Nazivergangenheit und Wiedervereinigungskritik auf "Nekromantik 2" zutrifft (als Amateur erschließt sich mir der Bezug nicht), andererseits, um mich zu bedanken, denn die Fortsetzung zu Buttgereits Nekrophiliedrama ist definitiv eine Sichtung wert: hier bekommen wir Buttgereit kurz vor seinem "Karriereende" als Filmer (naja, es sollten noch einige Kurzfilme folgen) in Topform, künstlerisch gereift und handwerklich aufpoliert.

Beinahe hätten wir uns davon nicht überzeugen können, denn der Film wurde schon zu Premierenzeiten von den Behörden unter berechtigt großem Protest aus den wenigen Kinos geholt, die sich trauten, ihn zu zeigen. Dabei beschränkt sich das Effektwerk auf einige wenige Blut - und Siffmomente und etwas ähem... ausartenden Softsex. Ansonsten lebt der Film vor allem von Symbolismus, Romantik und wenigen, aber passenden Dialogen und seiner innerlich zerrissenen Protagonistin Monika M, eine Journalistin auf schauspielerischen Abwegen. Achja, und Teile von Daktari Lorenz spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Zwischen ihren Schichten und Tiersnuffvideoabenden mit ihren gleichgesinnten Freundinnen (es gibt im Berlin der 90er scheinbar weitaus mehr Nekrophile als Teil 1 auch nur andeutet) lebt Krankenschwester Monika ihre Vorliebe für totes Männerfleisch mit der Leiche Robs, des Suizidanten aus Teil 1 aus. Das extrem unappetitliche Unterfangen erweist sich für die junge Frau allerdings als weit weniger befriedigend als angenommen, zumal der stille Genosse ihr keine menschliche Wärme bietet (ja, der war mal wieder Absicht).

Der andere Mann in ihrem Leben, Synchronsprecher Mark, entpuppt sich hingegen als intelligenter, humorvoller Charme Bolzen, allerdings auch als zu lebendig (und ihrem Fetisch zu stark abgeneigt), um Monika zu befriedigen. Am Ende knallt es deswegen so verheerend, dass nichtmal der gute alte Versöhnungssex die Wogen zwischen den Beiden glätten kann. So oder so ähnlich.

Auch nach dem x-ten Male erkenne ich hier nicht die NS - Aufarbeitung / Wiedervereinigungskritik, sehr wohl aber ein gestörtes Beziehungsdrama mit emanzipatorischem Anstrich. "Nekromantik 2" zeigt wie Teil 1 das Leben mit einer sexueller Präferenzsstörung, jedoch ist Monika einerseits (oberflächlich betrachtet) selbstbewusster als Rob und auch sozial besser integriert, aber trotz Nekrophilie Freundeskreis genau so einsam, da ihr Freund ihre Neigung nicht teilt und mit Ablehnung begegnet, Monika bestenfalls sexueller Ablenkung, aber keine Hilfe bietet.

Interessant ist auch, dass Monika deutlich zwiegespaltener ist. Einerseits ekelt sie sich beim ersten Akt mit Robs verwesendem Körper stark und erbricht statt zu kommen, andererseits besingt sie ihren toten Partner in einer surrealen Musicalnummer und romantisiert damit ihre Vorliebe. Am Ende bleibt dann nur noch der blutige Kompromiss zwischen zwei unvereinbaren Welten, der Monika im Endeffekt alles kostet. Der zweite Teil ist also etwas nuancierter, was die Darstellung betroffener angeht, auch wenn man über Monikas Beweggründe teilweise mehr mutmaßen muss als über die von Rob seinerzeit. Damals wurde man dahingehend ja mit blutige Symbolismus förmlich erschlagen. 

Und wieder einmal kann man sich an minimalistischer Filmmusik mit maximalem Traumapotenzial, interessanten Kameraperspektiven und unwirklich verzerrten Momenten weiden, denen mit modernen Mitteln nicht annähernd der selbe raue Charme beschieden wäre. Low Budget ist hier weniger Kritikpunkt, mehr Mittel der Wahl und das Gezeigte wirkt dadurch wieder einmal edel punkig, ganz so, wie man es in jungen Jahren Ferraras und Temples (und selbstverständlich Buttgereits) kennen und lieben gelernt hat. Schade nur, dass der Soundtrack wenig neue Stücke bietet, die aber weitgehend überzeugen. Bis auf die Disco Version von Monikas "Scelette delicieux", die wie aus einem schlechten Porno daherplärrt. Aber auch der Einsatz als Hintergrundbeschallung einer drittklassigen Bar ist durchaus angebracht. Spaßfakt ganz am Rande: Die Überreste des "Tidesking" - Skelettes (seinerzeit wiederrum aus den Resten der "Nekromantik" - Leiche) wurden hier als Robs Innenleben wiederverwendet. Querverweis und Recycling in einem - cool. 

Ob eine Rückkehr in die fröhlich düstere Welt ungeouteter Leichenschänder wirklich für die Gesamtheit des buttgereit'schen Werkes notwendig gewesen wäre bezweifle ich mal. Und dennoch hat der Maitre hier ein interessantes Sequel aufgetischt, was weniger Schlachtplatte nach Berliner Art als mehr ein ganz feines Süppchen mit dramatisch-würziger Note ist. Hätte oben genannter Gutachter genau so gezögert wie Robs Ex Betty bei der Exhumierung, "Nekromantik 2" wäre an uns vorbei direkt gen Aktenschredder gerauscht und nur noch als Puzzle erhältlich. Ein Hoch darauf, dass es nicht dazu kam, der Verlust wäre doch wirklich bedauernswert gewesen. 

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