Review

"Charlie staubt Millionen ab" ist der typische Film, dessen Story in aktuellen Remake-Blockbustern recycelt wird: er ist gut, aber kein Klassiker. Er bietet prägnante Eckpfeiler, aber niemand erinnert sich wirklich an ihn. So wird gewährleistet, dass der Zuschauer bei den Remakes glaubt, etwas ganz Neues zu sehen.

Auch mir war das Original mit Michael Caine unbekannt, bis sich "The Italian Job" mit dessen Federn schmückte. Als DVD-Fan und Cineast habe ich natürlich zur "Italian Job Collection" gegriffen und bin damit jetzt im Besitz einer attraktiven, unterhaltsamen Heist-Perle der späten 60er.

Man muss dem Remake positiv ankreiden, dass die Story sehr frei interpretiert wurde. Der eigentliche Coup ist hier schon in den ersten Minuten beendet, die Geschichte konzentriert sich eher auf die Jagd nach dem Verräter.
"Charlie staubt Millionen ab" lässt sich dagegen schematisch gar noch besser mit "Ocean`s Eleven" vergleichen (das ja auch ein Remake ist, dessen Original ich allerdings noch nicht kenne). Charlie kommt frisch aus dem Knast (wie Danny Ocean) und plant sogleich einen großen Coup. Man lernt langsam, aber sicher die Teilnehmer dieses Coups kennen, mitsamt ihrer Verhaltensweisen, Vorlieben, Abneigungen und speziellen Kenntnissen. Dann wird man Zeuge der Besprechungen, diverser Tests und Fahrübungen. Die dramatische Kurve orientiert sich also an der Planung des Coups. Die Symbiose aus Spannung und Lockerheit dürfte dann auch den Reiz dieses Filmes ausmachen.

Unbestrittener Höhepunkt ist aber der eigentliche Überfall auf den Geldtransporter und die darauffolgende Verfolgungsjagd mit den legendären Minis, die zwar recht lang geworden ist, dabei aber zu keiner Zeit langweilig. Hier hat das 2003er Pendant dann auch die meisten Szenen zitiert, wie etwa die Fahrt durch den Tunnel. Mir persönlich haben zwei Autostunts besonders gefallen: einmal der Ausflug auf das Dach des Gebäudes und zum anderen das "Einparken" in den fahrenden LKW auf dem Highway.

Auch hier werden die Minis schon sehr plakativ, d.h. um ihrer selbst Willen eingesetzt. Allerdings dürfte hier der Werbezweck einen nicht ganz so penetranten Anteil wie bei F. Gary Grays Interpretation einnehmen. Es ist jedenfalls zu hoffen, dass damals vorrangiger Grund für den Einsatz der Minis der lustige Gedanke war, ein solch kleines Auto in einer Verfolgungsjagd zu sehen, wo sich doch ansonsten eher gewaltige PS-Monster heiße Rennen lieferten.

Michael Caine, der nicht erste Wahl der Produzenten war, hat eine recht prägnante Figur geschaffen. Ein bisschen was hat er von James Bond, wenn er nach seiner langen Abwesenheit sofort von vier oder fünf hübschen Frauen begrüßt wird. Auf jeden Fall ein interessanter Charakter mit ungleich mehr Charisma als der von Mark Wahlberg gespielte Charlie.
Übrigens: geht es nach dem Making Of, müsste der Satz, den Charlie nach der misslungenen Probe-Explosion loslässt ("I just told you to shot the bloody doors of" oder so ähnlich) inzwischen Kult sein. Diese Szene bleibt nach dem Ansehen des Filmes in der Tat im Gedächtnis, aber Kult wäre übertrieben. Das zeigt mal wieder, wie alles versucht wird, um die Qualität des Remakes zu beweisen (man will sich schliesslich nicht vorwerfen lassen, man habe sein neues Projekt auf einem nur mäßigen Film basiert).

Was die Qualität der Story betrifft, sollte man natürlich wieder nicht mit Anspruch rechnen, sondern sich lieber entspannt zurücklehnen und das Geschehen verfolgen. Wie gesagt, wir haben hier die klassische Struktur eines Heist-Filmes, die zu 80 Prozent aus der Vorbereitung des Coups und zu 20 Prozent aus seiner Ausführung besteht. Die einzige Innovation neben den Minis ist das Filmende. Hier kriegen wir einen tollen Cliffhanger im Stil von "Bube, Dame, König, grAs" zu sehen. Das passt.

Fazit: "Charlie staubt Millionen ab" ist ein guter, atmosphärischer, dabei sowohl lustiger als auch spannender Actionfilm mit einem charismatischen Hauptdarsteller. Der Durchschnittskonsument sollte sich trotzdem überlegen, ob er den Film unbedingt gesehen haben muss, denn um einen Klassiker handelt es sich hier nicht. Wer schon das Remake kennt, für den wird es sicherlich keine Zeitverschwendung sein, auch mal das Original zu gucken. Schließlich unterscheiden sich beide Filme storymäßig sehr voneinander, und das Vergleichen einzelner Elemente macht durchaus Spass.
7/10

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