Pubertät ist kein Spaß: was von Erwachsenen gerne zur emotional - physischen Reise zum Frau - oder Mannsein verklärt wird entpuppt sich für Jugendliche schnell als klebriger Krieg gegen einen Körper, der einem längst nicht mehr gehorcht und gegen Eltern, die ihre eigene Adoleszens erfolgreich verdrängt haben. Auch ich habe diesen Prozess seit fast zwei Jahrzehnten mehr oder weniger erfolgreich hinter mich gebracht und kann mein ganz eigenes Lied davon singen. Was ich nicht tue, weil der Stimmbruch mein engelsgleiches Organ dem eines heiseren Grizzlybären nach einem Fass Whiskey angeglichen hat. Jedenfalls galt auch bei mir: "Wenn du deine Hormonsuppe anbrennen lässt, dann wisch die Scheiße selbst weg und hör auf, die Evolution zu beschuldigen!" oder so ähnlich. Und dann hatte das Kino meiner Kindheit und Jugend nicht mal irgendwas in petto, was mir das Gefühl gab, verstanden worden zu sein. Zumindest mit dem Kuchenficker aus "American Pie" und dem Pimmelflüsterer aus dessen Deutschäquivalent "Harte Jungs" konnte und wollte sich damals kein halbwegs geistig gesunder Mensch identifizieren.
Bevor der grandiose Fernsehstreich "Faking it" in meinen 20ern das Zeitalter schlechten Teenie - TVs beendete waren meine Jugendfilme der Wahl "SLC Punk!" oider "Oi! Warning", wenn es etwas weniger subkulturell werden durfte "Fucking Amal" oder "But I'm a Cheerleader" Der Film, der sich seinen deutschen Titel mit einem musikalischen Bodensatzhit der 90er teilt (Grässlich! Ein Glück, dass "Lucilectric" sich nun "Lucy van Org" nennt und anspruchsvoller musiziert) könnte glatt als "Was wäre wenn...?" - Joint Venture zwischen John Waters und Rosa von Praunheim durchgehen, dass durch einen knallrosa Dimensionsriss zu uns Klemmheten auf die Erde katapultiert wurde. In unserer Wirklichkeit geht dieser Geniestreich aber auf die Kappe der Regisseurin und LGTBQ - Aktivistin Jamie Babbit, die hier ein herzensprojekt realisierte und selbst dem letzten Macker klar machte, wie absurd die Vorstellung des Konzeptes "Homosexualität ist heilbar!" ist. Schnallt euch also an, liebe Ex - Gays: Mrs. Babbit fährt eure Heilsversprechungen mit Höchstgeschwindigkeit vor die Wand und klopft sich im Anschluss noch cool und unversehrt den Staub von der Jacke, bevor sie euch mit rausgestreckter Zunge den Schrott wegräumen lässt.
Davor heißt es allerdings erst mal Schwung holen und das tut der Film zu Beginn mit dem, was Kinder der 50er oder Republikaner als handfeste Krise bezeichnen würden. Diese betrifft übrigens Highschoolerin Megan Bloomfield, hübsch, intelligent, beliebt und - ihr kulturellen Vorlieben für Melissa Etheridge und Giorgia O'Keefe lassen es erahnen - lesbisch! Wovon sie selbst noch nichts ahnt, was ihr Familie, Freunde und der Ex Gay - Therapeut Mike aber kräftig unter die Nase reiben. Statt Cheerleadercamp heißt es jetzt als: Therapie.
Oder besser gesagt: "Therapie". Im Institut "True Directions" der überkandiedelten Mary sollen queere Jugendliche von ihren homoerotischen Gelüsten geheilt und wieder der Heteronormativität zugeführt werden. Was an allen Ecken und Enden scheitert, denn Mary, die noch nicht mal Co - Therapeut Mike und Sohn Rock davon abhalten kann, einander lüstern anzugaffen, hat nicht bedacht, dass die traute Ferienatmosphäre im gemeinsamen Therapiebungalow am Arsch der Welt fernab elterlicher Restriktionen gewisse Gefühle eher begünstigt. Dass Megans Mitpatientin Graham zunehmend mit ihr anbandelt erschwert die Angelegenheit zusätzlich und ein Discobesuch mit Hilfe der Ex - Ex - Gay - Aktivisten Lloyd und Larry verschafft Megan endgültige Klarheit über ihre sexuelle Identität.
"But I'm A Cheerleader" ist ein gottverdammter Glücksfall von einem Film, der mir nicht nur schallendes Gelächter, sondern auch tiefes Verständnis für meine queeren Mitmenschen abrang. Der vor Sarkasmus tropfende Streifen erläutert das Problem von Konversionstherapien, ohne einen mit der Dramatik dahinter zu erschlagen. Stattdessen packen Babbit und co. die Absurdität der Konversionstherapie bei den Ohren und ziehen diese pseudopsychologische Schnapsidee über Kilometer durch den Kakao. Köstlichsten, süßen, linksversifften Kakao: Ich liebe es. Bei allem Sarkasmus kommt aber auch die Dramatik nicht zu kurz und besonders in der zweiten Filmhälfte bleibt einem das Lachen stellenweise im Halse stecken.
Besonders das Schauspieltrio aus Antagonistin Cathy Moriarty, Protagonistin Natasha Lyonne und Frenemy Clea DuVall trägt diesen Film. Allein ob dieser Konstellation empfehle ich die Sichtung im O - Ton: besonders Moriarty und Lyonne klingen, als hätten sie vor den Dreharbeiten versucht, sich gegenseitig im Kettenrauchen filterloser Rothändle zu überbieten und ihre wunden Kehlen mit schwarzgebranntem gekühlt. Mit Travestiestar RuPaul Charles als Mike und Dreamlanders - Ikone Mink Stole als Megans homophober Mutter hat der Film sogar zwei Campikonen im Cast, die der knallbunten Produktion dann nochmals aufwerten. Achja: Das Therapiezentrum der blondierten Grandlerin Mary in seinem hoffnungslos veralteten (und verdammt doppeldeutigen) 50's - Look ist eine meiner liebsten Filmkulissen überhaupt.
Wie gesagt: Waters und von Praunheim wären stolz! Das ist einer der wenigen Teeniefilme der 90er, die nach heutigen Maßstäben noch genießbar sind und dann auch noch vor allem für ein queeres Publikum zugeschnitten, dass Mainstreamregisseure seinerzeit geflissentlich ignoriert haben. Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert und mir dürfen uns an mehr und besserer queerer Repräsentation erfreuen. Aber auch nichtqueere Jugendliche können hier herzhaft über die Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden lachen. Bonus dazu: die süßen Tränen konservativerer Zuschauerinnen.