Review

Einzigartig!
Diese Verfilmung des Kinderbuchs von Astrid Lindgren dürfte wohl die kongenialste Umsetzung einer literarischen Vorlage überhaupt sein. Fast Satz für Satz, Szene für Szene, folgt der gut zweistündige Film den Abenteuern Ronjas und ihres Freundes/Feindes Birk im geheimnisvollen und mythischen Mattiswald.
Dabei ist die besondere Stärke die geradezu magische Ausgewogenheit aller filmischen und erzählerischen Elemente.
Der Film behandelt zu gleichen Teilen Freundschaft und erste Liebe (zumindest ansatzweise), Feindschaft und Versöhnung, die Auflösung des Verhältnisses Eltern/Kind und gleichzeitig seine starke Bindung aneinander, das Erwachsenwerden und das Kindbleiben und besonderen und schwierigen Umständen. So kann jeder Zuschauer in Ronja Räubertochter sein eigenes Stück Persönlichkeit wiederfinden, wenn er es denn zuläßt.
Dabei folgt die Geschichte zwar dem Buch, aber keinem wirklich starken, zwingenden roten Faden. Zwar hält der Hintergrund der Handlung alles hübsch gebunden zusammen und führt ordentlich vom Anfang zum Ende, doch visuell zerfächert alles in einen blühenden Strauß von Momentaufnahmen, die zusammengenommen von beachtlicher Wirkung sind. Ronja erforscht während des ganzen Films ihre Umwelt, sie lebt und lernt gleichermaßen, wie wir genau beobachten können. Genauso wie sie mit ihren Eltern auskommt, stellt sie sich zeitweise gegen sie. Alle Gefahren, die ihr lauern, hakt sie eine nach der anderen ab, so daß sie ihr nicht mehr gefährlich werden können. Auch ihr Verhältnis zu Birk durchläuft viele Phasen, zunächst Rivalität, später abwechselnde Aufeinanderangewiesenheit; anbrechende Sympathie, aus der ein Geschwisterverhältnis wird, aus dem man ohne weiteres eine beginnende Liebe herauslesen kann.
Natürlich geht das alles nicht ohne Höhen- und Tiefpunkte ab, wie das Leben selbst. Das Mädchen erlebt Schmerz und Enttäuschung, Verlust von Eltern und den Tod von Freunden und verliert dennoch nie den Spaß am Leben selbst. Diese Natürlichkeit macht einen großen Teil des Charmes aus, den der Film verstrahlt.
Unterstrichen wird dies alles durch die hervorragende Auswahl der Darsteller. Hanna Zetterberg scheint direkt für diese Hauptrolle auf die Welt gekommen zu sein und hat, als hätte sie ihren Triumph erkannt, nie wieder in einem Film mitgepielt. Auch Dan Hafstrom als Birk folgte diesem Beispiel und gibt mit seinem ungestümen Aussehen ein erfrischendes Bild ab.
Beeindruckend auch die anderen Rollen der Räuber, allen voran Mattis und Lovis, Ronjas Eltern, die beide in ihren Szenen einen Charakter entwickeln können, von dem manche Hauptrollen nur träumen.
Ein weiterer Hauptakteur ist die, vermutlich skandinavische Waldlandschaft, die in all ihrer natürlichen Pracht, in bunten und gedeckten Farben dem Zuschauer entgegenspringt. Angesiedelt in einem fiktiven Mittelalter (Landsknechte/Räuber) bringt der Film auch immer wieder Fabelwesen ins Spiel und auf den Schirm, wie die Graugnome, Wilddruden oder Rumpelwichte, ohne näher auf sie einzugehen, ihre Herkunft aufzuklären. Sie gehören einfach in diesem märchenhaften Filmkosmos, der sich so nah an der Realität bewegt, wie er ihr nur nahekommen kann.
Zentraler Mittelpunkt sind und bleiben stets die kindlichen Darsteller, ihre Abenteuer und ihre innere Verfassung.
Das ist so umfassend und sorgfältig gemacht, ohne wirklich belehrend sein zu wollen, daß man die Lektion, die trotzdem drinsteckt, annehmen kann ohne sich geschulmeistert zu fühlen. Man kann sie jedoch auch einfach beiseite fallen lassen aus purem Vergnügen, ohne das der Film damit etwas einbüßt.
Kinder werden sich in ihrer Neugier und direkten Gefühlswelt den Figuren nahefühlen, Jugendliche können sich an die behandelten Konflikte halten und an die Geschichte, ohne etwas präsentiert zu bekommen, für das sie "zu alt" sind, Erwachsene werden wie die Eltern fühlen, aber wie die Kinder sein wollen.
Was also kann ein Film mehr verlangen, der darüber hinaus noch wunderbar unterhalten kann?
Ich habe Ronja mit 15 das erste Mal gesehen, als ich eigentlich schon an anderen Genres interessiert war, doch ohne es zu wollen, war ich von der Wirkung dieses Films hingerissen und das hat sich in all den Jahren seitdem nicht mehr geändert. Und ich fürchte, das wird es auch nicht mehr.
Phantasie, Spaß, Spannung, Herz und Gefühl findet man selten in einem Film, hier ist eine Ausnahme - ein zeitloses Denkmal für jedes Alter.
Und wer da hämisch abwinkt, den will ich nicht ändern - aber er tut mir leid.
(10/10)

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