Review

Es gab einmal eine Zeit, da war für die Naivität im Film fast hauptsächlich die Walt Disney Company zuständig, vor allem, wenn sie mit dem Pferdehaarpinsel zentimenterdick aufgetragen wurde.
Heute ist im Kino alles möglich, das es schon einer besonderen Leistung bedarf, damit man noch anerkennend die Augenbrauen lüftet, wenn dem Zuschauer etwas zugemutet wird, was man eigentlich gar nicht hätte produzieren dürfen.
„The Astronaut Farmer“ ist einer von diesen Filmen, die man gesehen haben muß, um zu glauben, daß es sie gibt: die garantiert nachvollziehbare Story von dem Astrophysiker, der eine Farm übernahm, um sich dann in Heimarbeit („Lieber Bastelfreund, isch hab da mal was vorbereitet...“) in der eigenen Scheune ein Raketchen zu zimmern, daß ihn zum Mond oder zumindest einmal um die Erde befördern soll.
Die Story an sich ist ja schon mal knorke, denn das der Held alle Hürden überwindet und einen Triumph feiert, ist nun mal ein Archetyp made in Hollywood oder merry old Griechenland.

Was jetzt ausgerechnet Billy Bob Thornten bewogen hat, sich auf diesen alten Käse von Phantasiestory einzulassen, wird um so unerklärlicher, je länger man den Umständen beiwohnt, die zu diesem Start ins All führen.
Michael Polishs vierter Film präsentiert Billy Bob nämlich als eine Ikone des Stoizismus, der sich ganz gemütlich und in sich ruhend, von nichts und niemandem von seinem Vorhaben abbringen läßt, weil in Americana-Land natürlich laut Verfassung oder Burger-King-Serviette jeder Citizen X das Recht und die Pflicht hat, seinen edelsten Traum in die Tat umzusetzen und das gegen alle Widerstände hindurch.

Das daraus resultierende „Tschaka, du schaffst es“-Feeling aus dem „Lebe-deinen-Traum“-Bausatz kommt komplett mit allen logischen Attributen, die so eine Produktion zwangsläufig als Mühlstein herumschleppen muß.
Da wäre einmal die frohgemute Familie, die dem Treiben mit freudig geröteten Wangen zuschaut, bis denn nun wirklich ruchbar wird, das sich Onkel Bob mit gut einer halben Millioin samt Familienbesitz verschuldet hat.
Erst an diesem Punkt wacht die Familienkellnerin Virginia Madsen skriptschuldigst auf und macht für fünf Minuten einen auf dicke Hose, bis das drei Einstellungen später alles wieder vergessen. Ja, so muß das gehen, wenn es in der Ehe rund läuft.

Aber das ist ja nur einen von diversen Unglaublichkeiten, die man hier brav aufgereiht hintereinander schlucken muß. Die NASA und das FBI verhalten sich doch prompt sperrig, der 15jährige Sohnemann dirigiert das ganze Unternehmen von einem umgebauten Wohnwagen; der patente Beinahe-Astronaut ist auf alle Gebieten so bewandert, das er eine fehlerfreie Selbstbaurakete samt Kapsel zusammenklötert und der Schwiegerpapi stirbt so zielgenau und macht eine dermaßen große Erbschaft frei, das die Geldprobleme sich im Nichts auflösen. Praktisch, so eine Drehbuchallmacht.

Ein Knüller auch, daß es Onkel Bob beim ersten Fehlstart nicht komplett zerlegt, sondern er nach angemessenem Heilkoma offenbar mit dem Restgeld auf die Schnell mal eine zweite Rakete zusammen döbert und doch tatsächlich eine Runde um die Erde dreht, bei gleichzeitigem Verzicht auf ein Hitzeschild und dank eines offenbar neuwertigen Rückkehrknopfes, der das Projektil zielgenau wieder um die Ecke vom Startplatz parkt.
Das einzige ernsthafte Problem ist ein lockerer Stecker in einer Armatur, aber die findet Billy ja auch noch nach drei Umrundungen in der fliegenden Dunkelkammer.

„The Astronaut Farmer“ setzt wirklich unter Verzicht auf jegliche nachvollziehbare Logik alle Register in wundersamen Ereignissen der Marke Pippi Langstrumpf, wobei der offenbar komplett durchgeknallte Thornton mit geradezu atemberaubend schlecht aussehenden neugemachtem Oberkiefer stets so aussieht, als würde jedes Lächeln irre wehtun.
Man kann bloß staunen, was als nächste Ungeheuerlichkeit um die Ecke kommt, doch selbst Grundschüler dürften sich am Auslassen sämtlicher physikalischer Grundgesetze leicht langweilend stören.
Warum dieser Film nicht flott in der Disney-Filmparade verramscht wurde, liegt wohl nur daran, daß Warner den Schotter für diesen Streifen hat springen lassen. Daß er bei Produktionskosten von 13 Mio. tatsächlich 11 davon wieder einspielte, ist allerdings das größte Wunder, das man mit nach Hause nimmt.
Ansonsten könnte man das alles ggf. noch als charmanten Unsinn abtun – ich bleibe dennoch Münchhausenfan. (3/10)

Details
Ähnliche Filme