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Travis Bickle (Robert De Niro) ist Taxifahrer in New York. Er hat praktisch keine Freunde und leidet unter Schlaflosigkeit. Deswegen geht er nachts auch in Pornokinos, eben nur so zum Zeitvertreib. Er weiß auch nichts mit dem gescheffelten Geld anzufangen; erst nach einiger Zeit erkennt er, was er braucht: Eine Beziehung! Im Wahlkampfbüro um die Ecke reißt er alsbald auch schon die bezaubernde Betsy auf (Cybill Shepherd). Doch die Beziehung hält nicht lange, zu unterschiedlich sind die Welten des vermeintlichen Paars. Verzweifelnd verliert sich Travis in der depressiven Welt New Yorks, bis er seinem Leben einen Sinn geben kann. Mit ein paar Waffen und der nötigen Disziplin kann er dem Abschaum, der ihm so übel aufstößt, sicherlich Einhalt gebieten. Schließlich kümmert er sich auch um die minderjährige Prostituierte Iris Steensma (Jodie Foster), die desillusioniert ist und sich nicht vom üblen Zuhälter Sport (Harvey Keitel) lösen kann.

Im Prinzp lebt der Film von seiner melancholischen und auch depressiven Stimmung. Das dominierende Nachtsetting wird beinahe ständig von dem genialen Score Bernard Herrmanns begleitet, welcher den Charakter eines Film-Noirs trägt. Wunderschön, aber auch unendlich schwermütig. Dazu arbeitet Scorsese mit überragenden visuellen Stilmitteln, lässt zwei Bilder miteinander verschmelzen, baut intelligent die dominierenden Aspekte der Stadt wie Ampeln in seine Aufnahmen ein und symbolisiert die Monotonie in der tristen Welt mit innovativen Werkzeugen. So kommt es schon mal vor, dass sich zwei, drei Aufnahmen hintereinander wiederholen, was perfekt den abwechslungsarmen Arbeitsablauf des Protagonisten darstellt.

Der Tag stellt im Film einen schönen Kontrast dar: Hier begegnet Travis wie bereits erwähnt der bezaubernden Betsy, die superb von Cybill Stepherd verkörpert wird. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Filmharmonie zwischen dem Paar abbricht, kann sie tatsächlich mit De Niro mithalten. Sicherlich ist es auch die an tollen Kamerafahrten geradezu schwangere Inszenierung Scorseses, die die Dialoge zwischen ihr und De Niro so überzeugend macht, doch auch ihr einprägsames Lächeln hat es mir angetan. Selbst ohne Dialog sprechen ihre frühen Auftritte Bände. Betsys Welt ist der schon fast fröhliche Tag; erst als sie in Travis Welt, der Nacht, mit ihm ins Pornokino geht, hat die traute Zweisamkeit ein Ende.

Dank der dichten Atmosphäre kann der Film es schön ruhig angehen; mit erklärenden off-screen-Monologen führt der Protagonist den Zuschauer komfortabel durch das Drama, Action ist tatsächlich Mangelware. So wird man nie aus der Stimmung herausgerissen und kann sich ganz und gar auf Travis Entwicklung konzentrieren. Selten erkennt man so klar wie in "Taxi Driver" wie bedeutend eine gute, ausführliche Präsentation eines verkommenden Individuums sein kann. Denn da man die Entwicklung von vorne bis hinten nachvollzieht, geht das dramatische Ende voll auf. Auch wenn die kleine Prostituierte Iris erst spät richtig in den Plot eingeflochten wird und Jodie Foster nicht im selben Level schauspielert wie De Niro. Macht ja auch nichts, denn Inhalt des Films ist eben nur der Werdegang des Protagonisten. Und dieser wird zeitlos genial verkörpert. Die tiefsinnige Mimik stimmt den Zuschauer nachdenklich, ohne ihn vom Film abkommen zu lassen, was die wortkarge Art von Travis mehr als rechtfertigt. Man will immer wissen, was in seinem Kopf vorgeht und wieso er denn gerade jetzt seine Augen bewegt. In wie weit De Niro hier improvisiert hat, ist mir nicht klar, so oder so erfüllt seine Leistung mehr als recht seinen Zweck.

"Taxi Driver" ist eine der überragensten Charakterstudien der Filmgeschichte. Das depressive New York wurde audiovisuell so zeitlos auf Zelluloid gebrannt, dass sich sowohl Scorsese als auch De Niro ein Denkmal gesetzt haben. Außerdem sieht man den harten Burschen mit einem Irokesenschnitt. Einfach einzigartig!

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