Der amerikanische Alptraum im New Hollywood
„Ich kann nachts nicht schlafen.“
Mit Harvey Keitel und Robert De Niro hatte der US-amerikanische Ausnahmeregisseur Martin Scorsese bereits für seinen dritten abendfüllenden Spielfilm „Hexenkessel“ erfolgreich zusammengearbeitet, sein endgültiger Durchbruch gelang ihm jedoch mit seinem fünften Spielfilm „Taxi Driver“ aus dem Jahre 1976, für den er ein in Teilen autobiografisch geprägtes Drehbuch Paul Schraders verfilmte.
„Wenn es dunkel wird, taucht das Gesindel auf...“
Vietnamveteran Travis Bickle (Robert De Niro) leidet nach seiner Rückkehr in den Großstadtmoloch New York unter Schlafstörungen und psychischen Problemen. Er verdingt sich als vornehmlich nachts arbeitender Taxifahrer und empfindet die Gesellschaft um ihn herum zunehmend als verachtenswerten Dreck. Als er mit der jungen, politisch engagierten Betsy (Cybill Shepherd, „Die letzte Vorstellung“) anbändelt, macht er sich Hoffnungen, die bald jäh zerplatzen. Da lernt er eine minderjährige Prostituierte (Jodie Foster, „Alice lebt hier nicht mehr“) kennen, die er aus den Klauen ihres Zuhälters (Harvey Keitel) zu befreien gedenkt – notfalls mit Waffengewalt…
„Man ist immer so gesund wie man sich fühlt...“
Es beginnt mit einer Großaufnahme von Travis‘ Augenpartie, als befände er sich in einem Italo-Western, und einem sehr unfreundlichen Vorstellungsgespräch. Die Western-Reminiszenz gibt bereits einen Hinweis auf den blutigen Showdown, in Kombination mit dem Gespräch auch auf den Nihilismus, den Travis empfindet. Aus seinen Tagebucheinträgen zitiert Travis per Voice-over; ein Kunstgriff, der nötig wurde, um den einsamen, isolierten Travis und seine Perspektive auf sein Umfeld näher kennenlernen zu können. Er bewegt sich in einem schmutzigen New-York-Diorama und wird abhängig von Psychopharmaka. Auf eine gewichtige Schlüsselszene arbeitet seine Bekanntschaft mit Betsy hin. Er verguckt sich in die Helferin aus dem oppositionellen Wahlkampfteam, geht mir ihr Kaffeetrinken und fällt ganz schön mit der Tür ins Haus. Der Film charakterisiert Travis hierbei zunächst vorsichtig als eine Art jenen Typs Mann, der für seine Frau töten würde, ihr aber als „zu nett“ gilt. Dass er definitiv einen größeren Hau weg hat, zeigt sich, als er mit ihr ins Kino geht – ins Pornokino, wohlgemerkt… Dieser Moment ist naturgemäß nicht 100%ig frei von Komik, wurde aber ohne jeden Anflug von Humor inszeniert und hat etwas Beunruhigendes – zeigt es doch, dass er sich und seine Umwelt zumindest in Teilbereichen ganz grundsätzlich anders wahrnimmt als andere. Dass Betsy ihn daraufhin nicht wiedersehen will, überrascht wenig.
„Du denkst zu viel, das ist ungesund!“
Betsys Kontaktabbruch macht etwas mit Travis. Er besorgt sich Waffen, trainiert, setzt sein Medikament ab, übt mit der Waffe vorm Spiegel und macht sich eine ordentliche Frisur: jenen charakteristischen Irokesenschnitt. Sein erstes Todesopfer in seinem kurzsichtigen Wahn, auf den Straßen „aufräumen“ zu müssen, ist ein bewaffneter Räuber. Es erwischt also keinen Sympathieträger, sondern jemanden, der selbst andere mit dem Tode bedroht. Doch sieht Travis nur diesen bewaffneten Dieb, nicht aber das große Ganze, nicht die sozialen Umstände, die gesellschaftlichen Ursachen und die Rolle der Politik dabei – und er fragt auch gar nicht erst danach, sondern hält sich für einen Secret-Service-Mann.
„Ich bin Gottes einsamster Mann.“
Die 13-jährige Jodie Foster bekommt dann ihren berüchtigten Auftritt als Kind-Prostituierte Iris, die gegenüber Travis den Schein zu wahren versucht, sie täte das alles gern und freiwillig – was natürlich Quatsch ist. Und dann ist da noch Präsidentschaftskandidat Palantine („Ein wahrer Held“), auf den Travis ein Attentat plant. Auf eine blutige, ultrabrutale Schießerei im Finale folgen betont langsame Kamerafahrten über die Toten und ein Epilog, in dem Travis für Iris‘ Eltern zum Held geworden ist – und sogar ein Wiedersehen mit Betsy. Travis' Heldenverklärung dürfte sich auch für unbedarftere Zuschauerinnen und Zuschauer seltsam anfühlen, denn Travis ist sicherlich vieles, aber kein Held, im Gegenteil: Er ist ein Antiheld Film-noir’scher Prägung in diesem Neo-noir-Film, eine menschliche Zeitbombe, die hochgegangen ist. Jemand, der Selbstjustiz übt und es zwar nicht grundsätzlich auf die Falschen abgesehen hat, dessen Gewalteruptionen aber weniger einem sozialen Gewissen als vielmehr einer abgestumpften, kaputten Psyche entspringen. Travis Verhalten ist das Produkt sozialer Entfremdung.
„Ab heute beginnt die totale Mobilmachung!“
Doch der Film arbeitet Travis‘ Trauma nicht auf – so wenig, wie er dazu in der Lage ist, so sehr verweigert sich dem auch der Film. Scorsese erklärt nichts, sondern konzentriert sich auf eine spannende und wenig vorhersehbare Inszenierung. Deshalb ist „Taxi Driver“ einerseits gewissermaßen ein Psychogramm, andererseits aber auch nicht. In jedem Falle ist er einer der besten, weil differenziertesten und ambivalentesten Selbstjustizstreifen, der in erster Linie ein persönliches Drama ist. Mehr noch: „Taxi Driver“ ist einer der definitiven New-York-Filme. Und eine Warnung. Vor Menschen wie Travis Bickle. Vor den Umständen, die solche Menschen erst hervorbringen. Und nicht zuletzt an amoralische Verbrecher und die Politik.
Travis Bickle wurde seiner derangierten Psyche und seines fragwürdigen Frauenbilds zum Trotz zu einer Art Outlaw-Ikone und als allgegenwärtige Warnung (weniger als tatsächlich vollumfängliche Identifikationsfigur) in subkulturellen Kreisen gern vor sich hergetragen, was letztlich auch mit De Niros intensiver schauspielerischer Leistung zusammenhängen dürfte. Travis erwies sich dabei als zeitlose Figur, deren gesellschaftspolitischer Hintergrund – hier Vietnam und Watergate – sich wandelt, aber doch immer wieder aufs Neue Gefahr läuft, Typen wie ihn zu produzieren. Kaum verwunderlich, dass „Taxi Driver“ seinerzeit polarisierte und hitzig diskutiert wurde.
Aber er bedeutete auch den Durchbruch für Jodie Foster, Robert De Niro und Martin Scorsese und sahnte zurecht zahlreiche Preise ab. Komponist Bernard Herrmann veredelte den Film kurz vor seinem Tod mit einer film-noiresken Lounge-Musik voller warmer Saxophonklänge, es sollte seine letzte Arbeit werden. Interessanterweise war auch Steven Spielberg als Editor an „Taxi Driver“ beteiligt, was der Abspann jedoch verschweigt. Regisseur Scorsese ließ sich den einen oder anderen Cameo nicht nehmen und findet sich als Travis‘ Fahrgast, dem seine Frau Hörner aufgesetzt hat, ebenso wie als Passant im Film wieder.
„Geschenkt.“