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Naomi Watts spielt eine Tochter aus höheren gesellschaftlichen Kreisen, die in den 1920er Jahren eine Vernunftehe mit einem Bakteriologen, gespielt von Edward Norton, eingeht. Bereits früh betrügt sie ihren Mann mit einem Diplomaten, gespielt von Liev Schreiber, der jedoch nicht bereit ist, sie zu heiraten und fallen lässt, als ihr Ehemann schließlich Wind von der Affäre bekommt. Dieser droht die Scheidung einzureichen, womit ihr Leben im Grunde verwirkt wäre, wenn sie ihn nicht in die ländlichen Regionen Chinas begleitet, in denen die Cholera immer mehr Opfer fordert. Sie entschließt sich, mit ihrem Mann in das Gebiet zu reisen, wo sie sich nun tatsächlich mit der Zeit in diesen verliebt.

Trotz der namenhaften Besetzung ist "Der bunte Schleier" vor allem in Deutschland weitestgehend unbeachtet geblieben, was sehr bedauerlich ist, da es sich bei ihm zweifelsohne um einen wirklich guten Film handelt, der kaum dramatischer und mitreißender gestaltet sein könnte.

Langsam aber kraftvoll, so baut Regisseur John Curran, der ansonsten bisher kaum auf sich aufmerksam machen konnte, sein Werk auf und so funktioniert "Der Bunte Schleier" als emotionales Drama auch hervorragend. Zunächst wird klar herausgestellt, dass es sich um eine Vernunftehe handelt, die vor allem von Seiten der weiblichen Protagonistin definitiv nicht von Liebe geprägt ist. Ohne in irgendeiner Form Stellung zu beziehen, oder einen der Charaktere schuldig zu sprechen, wird dann kurz der Seitensprung gezeigt, woraufhin die Reise in das verseuchte chinesische Dorf beginnt, wobei nicht ganz klar wird, ob es eine Trotzreaktion/Bestrafung ist, die der Betrogene seiner Frau auferlegt, oder der ernsthafte Versuch, die Beziehung doch noch zu retten. Vermutlich eine Mischung aus beidem.

Was dann folgt, ist vor allem eines: ausgezeichnetes Schauspielkino. Dabei brilliert Edward Norton, der nun schon seit Jahren zu den besten Charakterdarstellern der Welt gehört und vom hasserfüllten Nazi (American History X) über eine gespaltene Persönlichkeit (Fight Club) bis hin zum charismatischen Magier (The Illusionist) wirklich alles spielen kann, in der Rolle des gekränkten Ehemannes. Ohne, dass Norton größere Wutausbrüche zeigt, spürt man doch, wie es in ihm brodelt, ohne, dass er es anfangs wirklich offen aussprechen würde, sieht man ihm doch an, wie hart er seine Frau bestraft und bestrafen will. Aber auch die Liebe zu seiner Frau, die Sehnsucht nach einer funktionierenden, von Liebe geprägten Beziehung bringt Norton großartig auf die Leinwand und stellt seinen zerrissenen Charakter, der sicherlich nicht einfach zu spielen ist, einfach grandios dar. Daneben zeigt sich Naomi Watts ebenfalls von ihrer besten Seite und stellt vor allem die Isolation ihrer Figur, die sich im ländlichen China praktisch zu Tode langweilt und sich vollkommen nutzlos vorkommt, präzise dar, erregt durchaus Mitleid und stellt den anschließenden Wandel ihres Charakters derart intensiv dar, dass man sich ihr als Zuschauer kaum entziehen kann. Angesichts dieses polaren Figurenpaars haben die Nebendarsteller kaum Raum, um wirklich überzeugen zu können, umso beachtlicher, dass sie es dennoch tun. So zeigen sich besonders Toby Jones als einer der Amerikaner vor Ort und Diana Rigg von ihrer besten Seite, während Liev Schreiber vor allem wegen seines eleganten Charismas positiv auffällt.

Der Plot plätschert daneben relativ langsam dahin, fesselt aber nahezu durchgehend, da die emotionale, einfühlsame Atmosphäre bei diesem großartigen Stück Gefühlskino beinahe durchgehend aufrecht erhalten werden kann. Visuell ist das Ganze dabei ebenfalls ein Hochgenuss, die Bilder vom ländlichen China sind wirklich paradiesisch schön und die Optik derart auf Hochglanz poliert, dass man sich kaum abwenden kann. Passend dazu fällt auch der emotionale Score aus, der die Atmosphäre durchaus verstärkt und die ganz großen Momente hervorragend unterstreicht.

Der Plot an sich, der dramaturgisch zumindest geschickt genug gestrickt ist, um mit Hilfe der grandiosen Schauspielleistungen und der starken Inszenierung einen wirklich gelungenen Film auf die Beine zu stellen, ist sicherlich alles andere als schlecht und überzeugt sowohl durch eine relativ vielschichtige Charakterkonstruktion, als auch durch einen spannenden Verlauf, aber stellenweise sind dann doch kleinere Mängel vorhanden, die "Der bunte Schleier" nicht vollends zum Meisterwerk werden lassen. Stellenweise wirken die Handlungsweisen der Charaktere nicht ganz nachvollziehbar, was einen etwas faden Beigeschmack hinterlässt und darüber hinaus hätte man die politische/gesellschaftliche Lage vom China der 1920er/30er Jahren ruhig ein wenig präziser einfangen können.

Fazit:
"Der Bunte Schleier" ist ausgezeichnetes Gefühlskino, das, ein paar kleinere Mängel einmal außen vor, kaum fesselnder und intensiver sein könnte. Wunderschön bebildert und wohltuend langsam erzählt, baut das zu unrecht wenig beachtete Werk eine immer kraftvollere und emotionalere Atmosphäre auf, was nicht zuletzt den beiden grandios aufspielenden Hauptdarstellern zu verdanken ist, die allein das Ansehen schon fast wert sind.

84%

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