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Hostel + Saw – neue Ideen = Captivity

Das Model Jennifer Tree wird verfolgt, entführt und wacht in einem Kellerloch wieder auf. Jede Ecke ihres Gefängnisses ist videoüberwacht und alle Schubladen und Türen werden computergesteuert geöffnet und wieder geschlossen. Dem jungen Model werden immer wieder Möglichkeiten zur Flucht offeriert, nur um sie wieder einzufangen und erneut zu quälen. Hierbei setzt der unbekannte Peiniger mehr auf psychologische (aber nichts desto trotz überaus effektive) Spielchen, als auf tatsächliche Gewalt. Den einzigen Hoffnungsschimmer für Jennifer stellt ein weiteres Opfer in ihrer Nachbarzelle dar. Doch kann sie ihrem Gegenüber wirklich vertrauen?

Autor Larry Cohen („Maniac Cop“) und Regisseur Roland Joffe („Vatel“, „Killing Fields“) - der seit 2000 nicht mehr Regie geführt hat - haben mit „Captivity“ ihren ersten gemeinsamen Beitrag zum, spätestens seit „Saw“, überaus populären Folterhorrorgenre beigesteuert. Dieses bringt in regelmäßigen Abständen qualitativ höchst unterschiedliche Produktionen wie zum Beispiel „Hostel“, „Are you scared“, „I know who killed me“ oder „Broken“ hervor und leidet 2008 - nach weniger als fünf Jahren Popularität - bereits an deutlichen Abnutzungserscheinungen und Innovationslosigkeit.

Während sich viele andere (hauptsächlich im Mainstream beheimatete) Horrorunterkategorien wie der Slaherfilm oder der Zombiestreifen, in den letzten Jahren, zwangsweise - rückläufigen Kinozahlen sei Dank – weiterentwickeln mussten, stagniert dieser Genrebereich völlig. Nur höchst selten wagt es eine Produktion aus den vorgegebenen Bahnen auszubrechen und etwas Neues oder zumindest besonders Abgedrehtes zu präsentieren.

„Captivity“ zählt leider nicht zu Filmen der zweiten Kategorie, obwohl es in den ersten 45 Filmminuten fast danach aussieht, als könne dieser Film sogar „Saw“ vom Psychofolterpodest stürzen. Wie bei einem Fußballspiel, sind 45 Minuten Druck und Innovation jedoch zu wenig um den Sieg (und damit das Interesse des Zuschauers) über die volle Distanz zu retten.

Durch den überaus direkten Einstieg, die qualitativ makellose Umsetzung und die ersten knapp 45 Minuten Extremterror erzeugt der Film eine gewisse Erwartungshaltung - was die Auflösung der Handlung betrifft - die leider aufs bitterste enttäuscht wird. „Captivity“ ist bis zu einem gewissen Punkt - Stichwort Sexszene - spannend und durchaus ideenreich. Ab diesem besagten Moment jedoch, schafft es Regisseur Joffe jedes gängige Klischee, dass im Zusammenhang mit Entführungsopfern und ihren Fluchversuchen in Horrorfilmen, jemals Verwendung fand, einzubauen und den Film damit zu einer vorhersehbaren langweiligen Farce verkommen zu lassen.

Das wiederum ist wirklich schade, da sowohl Umsetzung als auch Ideenvielfalt in der ersten Filmhälfte durchaus Potential zu einem überdurchschnittlichen Horrorflic erahnen lassen.

„Captivity“ ist alles in allem ein Film der verschenkten Möglichkeiten. Zuvor mühsam aufgebaute Spannung und Beklemmung wird in wenigen Sekunden einem unrealistischen und noch schwerwiegender unlogischen Plot geopfert. Interessante Szenen werden so schnell als Finten enttarnt, dass sich der Zuschauer noch nicht einmal gruseln kann. Bei knapp 80 Minuten Laufzeit ist eine gewisse Stringenz - um die Handlung voranzutreiben - natürlich nötig. Wobei man bei der Geschwindigkeit, mit der die Handlung vorangetrieben wird und Täuschungsmanöver aufgelöst werden, auch übertreiben kann.

Unrealistische Handlungsweisen der Figuren und diverse Logiklöcher tragen nicht wirklich zu einer Qualitätssteigerung bei, sondern runden das Fiasko gegen Ende noch zusätzlich ab.

  • Warum in Momenten, in denen man nicht gesehen wird, den Retter spielen? Nur um das Publikum zu täuschen?! Sehr unrealistisch und billig.
  • Warum einem Polizisten die Fernbedienung, mit der man die Folterlivecam einschalten kann, in die Hand drücken?
  • Warum sich mit langen Dialogen und Erklärungen aufhalten, anstatt das Opfer gleich zu töten. Um es zu Tode zu reden?
Fazit
Neben dem Potpourri aus der typischen Folterhorrorausgangssituation, einigen Kulissenanleihen bei „Hostel“, Foltertipps von Jigsaw und einigen netten eigenen Psychospielereien, kann „Captivity“ vor allem durch die qualitativ hochwertige Umsetzung und die professionelle Produktion punkten.

Abzüge gibt es jedoch für die tumbe Auflösung, zusammenhanglose Szenen, schlechte Gegenspieler (der Heldin) und etliche vermeidbare Logiklöcher und Klischees.

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