Ein weiterer Versuch, sich vom millionenschweren "Saw"-Kuchen ein Stückchen abzuschneiden...
In Captivity wird das blonde Model Jennifer Tree (Elisha Cuthbert) entführt und in einem Keller eingesperrt. Ein geheimnisvoller Unbekannter spielt mit ihr Psychospielchen a la Saw. In der Nachbarzelle sitzt ein anderer Gefangener, Gary (Daniel Gillies), mit dem sie dann durch das Verlies flieht und dabei vom Killer verfolgt und wieder geschnappt wird.
Der Film besteht fast über die gesamte Länge aus audiovisuellen Schockmomenten, die bar jeder Logik aneinandergereiht wenig Zeit zum "einwirken" lassen und auschließlich das Nervenkostüm des Genrefreunds bedienen, vom Erzähltempo her Saw sogar übertreffen aber zu keiner Zeit so etwas wie Spannung aufkommen lassen. Wer sich also ohne groß nachzudenken ein bißchen schocken lassen will, ist hier genau richtig. Hinterfragen sollte man das Ganze aber nicht.
Die Darsteller bleiben oberflächlich, haben wenig (Jennifer) bis gar kein (Gary) Profil, können keine Sympathie und schon gar kein Mitleid erwecken. Zu einfach das Konstrukt: zu der Schönen gesellt sich ganz zufälligerweise ein Schönling etwa gleichen Alters (einen fetten Mittfünfziger vom Typ Finanzbeamter hätte man in so einem seichten Filmchen auch nicht erwarten können), und gemeinsam kämpfen sie dann gegen den großen Unbekannten und landen natürlich auch kurz im Bett. Wie spannend. Dazu kommt, daß Jennifer nur schreien kann, keinen naheliegenden Zusammenhänge erkennen will (im Gegensatz zu den Saw-Kandidaten) und sich erst zum Schluß hin halbwegs logisch verhält, dann aber fast zu tough erscheint und im Grunde 81:18 min. lang nur eine 08/15-Schlampe spielt. Gary verhält sich ebenfalls absolut stereotyp (von anschleimen bis töten) jagt seiner fixen Idee bis zum Ende nach und bleibt vorhersehbarerweise auf der Strecke.
Die R-Rated-Fassung ist mal wieder indiziert obwohl die dargestellte Gewalt weder besonders explizit noch besonders grausam ist: Alsdawären eine Säuredusche (unscharf als Rückblende dargestellt), ein gezogener Zahn (aus dem geschlossenen Mund herausgeholt), ein abgeschossener Handtaschenpudel (kaum etwas zu sehen) sowie ein Cocktail aus menschlichen Bestandteilen. Auf letzteren möchte ich speziell eingehen, da diese Szene relativ früh im Film einen ersten Höhepunkt darstellen soll, dabei jedoch einige so prägnante handwerkliche Schwächen offenbart, daß man hier unmöglich ernst bleiben oder den Film (der sich selbst sehr ernst nimmt) gar ernst nehmen könnte.
Zur Cocktailszene, bei der jeder Handgriff explizit ins Bild gesetzt ist: Der große Unbekannte trägt schwarze Handschuhe und stellt einen Mixer, dessen kurzes Kabel herunterhängt, auf einen Kühlschrank, nimmt dessen Deckel ab, steckt den Stecker aber nirgendwo rein. Dann holt er aus dem Kühlschrank menschliche Innereien (Auge, Ohr etc.), die er in den Mixer gibt. Er drückt auf "stir" (= durchrühren), und deckt den Mixer mit der Hand ab (wo ist der Deckel geblieben?), das rote Zeug spritzt die Handschuhe voll. Er gibt weitere Innereien in den Mixer und drückt auf "mix" (= höhere Stufe), wieder spritzt das Zeug fast raus, und wieder hält er die Hand drauf. Dann schließlich nimmt er den Mixbecher und dreht sich zur festgeschnallten Jennifer, die das Ganze jammernd und bettelnd mitangesehen hat (und dadurch diese Szene erst recht in "Echtzeit" rüberkommen läßt). Mittels eines Trichters flößt der große Unbekannte ihr nun den Mix ein, der sichtbarerweise völlig flüssig ist und keinerlei feste Bestandteile enthält (diese Latexinnereien heutzutage...). Dabei hält er ihr die Nase zu und seine Handschuhe sind - absolut sauber.
Jemand anders mag das vielleicht als typische "Anschlußfehler" bezeichnen, für mich ist eine kameratechnisch so wohlvorbereitete (ca. 3 Minuten, alles in Großaufnahme) und scoremäßig hochstilisierte Szene durch solche vermeidbaren Fehler einfach lächerlich und bezeichnend für das, was Captivity ist: Reine Effekthascherei.
Entsprechend dem Vorbild Saw tauchen verschiedene Gegenstände auf, die Bezug nehmen auf die Vergangenheit des Opfers, allerdings verzichtete meines Wissens die Jigsaw-Regie dankenswerterweise darauf, den Zuseher mittels penetrant in den Vordergrund gerückter ausgeschnittener Sätze wie "select the victim", "isolate the victim" oder "create the crisis" über die Schritte der Täters zu unterrichten, so als ob der Zuseher zu blöd wäre, selbst darauf zu kommen. Die einzige Kommunikation mit dem Opfer findet übrigens mittels bedruckter Kärtchen statt, hier hätten wir so einfallsreiche Sachen wie "vitamins. good for you", "tricked you. hahaha" oder auch "you or dog". Letzteres wird mit "Du oder der Hund" fix untertitelt (was es mit Sicherheit nicht heißt), mich jedoch auf stilrein russisches Englisch tippen läßt... :-)
Diese Ungereimtheiten und Logikfehler setzen sich bis Filmende fort. Der vorhersehbare Plottwist nach knapp einer Stunde Laufzeit kann daher überhaupt nicht mehr überraschen und das Ende ist noch langweiliger als zu diesem Zeitpunkt erahnbar. Alles läuft nach Schema F, weitere Erklärungen gibts nicht und schon ist der Film aus.
Dabei ist Captivity nicht wirklich schlecht: Die Räumlichkeiten sind angemessen "dreckig" gestaltet, die Ausstattung (Überwachungsbildschirme, kaputte Babypuppen, Säureleiche in Badewanne, Folterlabor, Ratten, etc.) fast schon üppig zu nennen; Kamera, Beleuchtung und Schnitt vermitteln eine der Thematik entsprechende düstere Athmosphäre, die Geräusche sind - wie in tortureporns üblich - viel zu laut abgemischt um des Schockmoments willen, aber das alles ist eben nur der (solide) Unterbau. Wenn das Drehbuch bis auf wenige Effekte so einfallslos wie hier ist und noch dazu solch farblose, nie eine Spur von Sympathie erzeugende Hauptdarsteller eingesetzt werden, kann dieser Unterbau auch nichts retten.
Schade, da wäre mehr drin gewesen.