kurz angerissen*
Wenn man sich in der Retrospektive mit den Anfängen eines Regisseurs befasst und dort auf Kurzfilme trifft, klopft man diese in aller Regel auf Indizien ab, die sich als Puzzleteil für die Handschrift seiner bedeutenden Werke einsetzen lassen. „Dream Car“ ist der erste professionelle Kurzfilm von Mariano Baino, der gemeinsam mit seinem Bruder jedoch schon seit dem Alter von 6 bzw. 8 Jahren Kurzfilme drehte. Elio Baino ist auch diesmal wieder Hauptdarsteller und verkörpert einen Außenseiter, der auf ein herrenloses Auto stößt und darin die Erfüllung seiner Träume wähnt; schließlich könnten sich mit fahrbarem Untersatz seine Chancen beim weiblichen Geschlecht erhöhen…
„Dream Car“ bezeichnet insofern den jugendlichen Traum von Erfüllung und Freiheit, möglicherweise beeinflusst durch den damals in Medien vorgelebten Cabrio-Lifestyle: die Sonne im Nacken, den Wind im Haar, eine Schönheit auf dem Beifahrersitz und der endlose Highway vor dem Steuer, so definierten beispielsweise Videospiele wie „Out Run“, in dem man einen roten Ferrari Testarossa steuerte, die Unabhängigkeit. Rot ist auch das Auto, das sich Baino von einem Bekannten für den Dreh leisten durfte. Das Cabrio verbot sich allerdings schon durch das Drehbuch, denn in „Dream Car“ wird das Auto zum Gefängnis.
Was der Regisseur in jungen Jahren bereits anzudeuten weiß, ist sein Talent im Umgang mit der Symbolik von Träumen. Die stimmungsvolle Eröffnungssequenz um ein Feld voller Nebel und eine unheimliche Erscheinung unter einem Laken mündet in eine Szene, in der dem Träumenden Zeitungspapier in den Rachen gestopft wird, bevor er geweckt durch einen asthmatischen Anfall erwacht. Die Ängste der Hauptfigur sind auf diese Weise schnell und effektiv etabliert. Mit ihnen erklären sich viele nachfolgenden Reaktionen: Der Neid auf die erfolgreichen Schulkollegen, der Drang, etwas an der eigenen Situation zu ändern, die unmittelbare Reue, als sich das vermeintliche Geschenk als Falle entpuppt. Bis zu diesem Punkt ist die Story herrlich surreal und spielt auf perfide Weise mit der Unsicherheit des Protagonisten.
Im zweiten Abschnitt kippt die Stimmung leider ein wenig zugunsten konventioneller Schlüsselbilder des Slasher-Films. Es geschieht ein dergestalt inszenierter Mord, der in keinerlei direkter Verbindung zum Kernthema des Kurzfilms steht und das Finale auf der Müllpresse ist dann ein typisches Spiel gegen die Zeit. Was junge Filmemacher ferner antreibt, immer und immer wieder Szenen integrieren zu müssen, in denen im Blut gematscht wird oder eklige Dinge gegessen werden müssen, bleibt wohl auch ein Geheimnis dieser eingeschworenen Runde. Die surrealen Momente allerdings, insbesondere die Unsichtbarkeit des Hilferufenden, bleibt kein Selbstzweck, sondern ist mit einem tiefen Verständnis für individuelle Ängste versehen, das deutlich sichtbar auch in das Fundament von „Dark Waters“ eingeflossen ist.