kurz angerissen*
Mit „Never Ever After“ legt Mariano Baino seinen bis dahin mit Abstand ambitioniertesten Kurzfilm vor, was Konzeptdesign und visuelle Umsetzung angeht. Ein enormer Aufwand muss in die Vorproduktion geflossen sein, weit mehr jedenfalls als in den eigentlichen Dreh: Das extravagante Design der Raumausstattung, Kostüme und Make-Up, prothetische Effekte, Farb- und Beleuchtungstests mit dem neuen Digitalkamera-Format… all diese Elemente zeugen von einer klaren künstlerischen Linie mit wohl durchdachten, gleichwohl nicht besonders gut versteckten Einflüssen. Als die beiden Ärztinnen Dr. Frank und Dr. Stein die junge Patientin mit totem Blick in ihrer Klinik (= kahler, weißer Raum mit einem Schreibtisch) begrüßen und eine von ihnen auch noch die Frisur von Frankensteins Braut trägt (oder Marge Simpson, wie Baino im Audiokommentar mehrmals schmunzelnd anführt), schwingt der Holzhammer bereits in der Luft. Hinzu gesellen sich Einflüsse des deutschen Expressionismus, der in verzerrten Schatten an der Wand entlangfährt, sowie eine gewisse Faszination für die Metall-auf-Fleisch-Abhandlungen von David Cronenberg (“Scanners“), hier insbesondere „Die Unzertrennlichen“. Auch Clive Barker schwebt nach wie vor als Konstante im Schaffen des Regisseurs im Raum, spiegeln sich die dämonischen Cenobiten doch in den toten Augen der beiden Medizinerinnen. Auf der visuellen Ebene ist dieses Konglomerat der bizarrsten Werke des Horrorfilms äußerst reizvoll geraten, zumal Baino alle paar Sekunden einen Einfall aus dem Hut zaubert, um die Atmosphäre noch surrealer zu gestalten. Vor allem aus den Koordinationsbemühungen der Ärztinnen werden äußerst unheimliche Situationen erzeugt, handeln und sprechen sie doch wie die beiden Gehirnhälften eines einzelnen Wesens, wobei die Ausführung der Bewegungen so hakelig und versetzt vonstatten geht wie bei einer Stop-Motion-Kreatur von Ray Harryhausen.
Die Idee zum Film ist aus Gedanken zum Schön- und Schlankheitswahn gereift, der bis heute immer wieder zu überzeichneten Horror-Grotesken inspiriert (etwa Refns „The Neon Demon“ oder Starry Eyes). Für einen Regisseur mit Bainos Präferenzen handelt es sich also eher um ein naheliegendes Thema, auch wenn es ihm immerhin gelingt, in eine weibliche Perspektive einzutauchen (andererseits ist das für ihn nach „Dark Waters“ und „Caruncula“ auch kein Neuland mehr). Die Pointe mag fies sein, sie ist aber auch Meilen gegen den Wind zu riechen. In ihrer einfachen Herleitung erinnert sie an die typischen Episodenbeiträge von Horror-Anthologien, in denen vor allem Newcomer anhand simpler moralischer Twists ihren Kokon abstreifen, um anschließend groß durchzustarten. Baino allerdings ist bereits an einem späteren Zeitpunkt seiner Karriere. Dahingehend ist die Auflösung ein wenig enttäuschend; man würde erwarten, dass im Anschluss noch der eigentliche Twist folgt (zumal noch mehrere Minuten für den sehr langen Abspann anberaumt werden). Am Handwerk hingegen sieht man, dass dieser Mann zwischenzeitlich eine Großtat in seinem Konto verewigt hat.