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"My whole life I just wanted something that's completely mine. More than I want the house. Or my father. I just want something that's mine. Only mine."

Es gibt nichts, was sich Lilith (Erin Brown) sehnlicher wünscht als ein eigenes Baby. Doch es will und will nicht funktionieren, selbst wenn ihr Ehemann Jim (Ronnie Kerr) einmal nicht viel zu früh schlapp macht. Daß Jim Potenzprobleme hat, ist nachvollziehbar. Er hat seinen Job verloren, sein Selbstvertrauen ist im Keller, sowohl Lilith als auch deren Mutter bezeichnen ihn verächtlich als "faggot", und wenn Lilith über ihn herfällt und ihn so aggressiv wie verzweifelt reitet ("Come on, do it, come on! Fuck me! It's your job, fucker. Fuck me!"), hat das mit "Liebe machen" so gut wie gar nichts mehr zu tun. Die wenigen Male, als tatsächlich ein Kind in ihr heranwuchs, endeten leider ausnahmslos mit einer Fehlgeburt. Ganz anders verläuft die Sache bei ihren Nachbarn Aisha (Erika Smith) und Sam (Nikos Psarras). Denen geht alles so leicht und locker von der Hand, wie man es sich nicht besser erträumen könnte. Und ihre perfekte Beziehung wird nun auch noch mit Nachwuchs gekrönt. Daisy soll die Kleine heißen, deren Geburt die stolzen Eltern voller Vorfreude entgegenfiebern. Das ist zuviel für Lilith. Sie flüchtet sich in immer bizarrere Tagträume, verliert den Bezug zur Realität und driftet langsam in den Wahnsinn ab. Die Katastrophe scheint unausweichlich.

Aisha: "What's missing in your relationship?"
Lilith: "A hard cock!?"


Im Prinzip erzählt Tony Marsiglias Sinful eine ähnliche Geschichte wie Alexandre Bustillos und Julien Maurys À l'intérieur (Inside) aus dem Jahre 2007, wenn auch mit völlig anderen Mitteln. Während die beiden Franzosen in ihrem Kracher mit drastischen Gore-Momenten nicht geizen, geht Marsiglia, der den Film auch selbst geschnitten hat, wesentlich subtiler - aber nicht minder verstörend - zu Werke. Da wie dort gibt es eine Frau, die es auf das ungeborene Kind einer Schwangeren abgesehen hat. Die Motive mögen unterschiedlich sein, die Konsequenz, mit der sie ihr Ziel verfolgen, ist es nicht. Und doch sind die Unterschiede zwischen den Filmen eklatant, was nicht zuletzt an der Figurenzeichnung liegt. Während man die von Beatrice Dalle gespielte Antagonistin in À l'intérieur schnell haßt, sind die Gefühle, die man für Lilith hegt, ambivalent. Im Inneren der hübschen, fragilen und sympathischen Frau tobt es gewaltig. Sie ist vom Leben, das ihr bei allen sich bietenden Gelegenheiten den Mittelfinger zeigt, enttäuscht. Wieso läuft bei den anderen alles so schön rund, nur bei ihr nicht? Es ist einfach nicht gerecht. Und an diesem aufgestauten Frust zerbricht sie, phantasiert sich unter anderem eine weitere Fehlgeburt zusammen, wo der Doktor einen blutigen Fötus aus ihr herausholt und angeekelt meint: "It doesn't even look human!" Trotzdem bleibt Lilith liebenswert. Man möchte sie in den Arm nehmen, sie trösten, und ihr Worte wie "alles wird gut" ins Ohr flüstern, wohl wissend, daß dies ein Ding der Unmöglichkeit ist.

"You're supposed to be a fucking doctor, now look inside of me because I am pregnant. Now see Daisy! See Daisy!"

Sehr gelungen ist auch die Bildsprache, welche sowohl den gravierenden (Gefühls-)Unterschieden zwischen den beiden Frauen als auch zwischen der Realität und Liliths Phantasien Ausdruck verleiht. So sind z. B. die Szenen mit Lilith oft in kaltes, meist bläuliches Licht getaucht, während bei Aisha eine warme Stimmung (rötlich, orange) vorherrscht. Aisha ist ein sehr offener, verständnisvoller, gefühlsbetonter Mensch. Sie läßt Lilith an ihrem Glück teilhaben, nicht ahnend, daß dies deren Neid und deren Obsessionen nur noch mehr schürt. Lilith ist mehr und mehr auf Daisy fixiert; in einer Sequenz schreit sie ihren Arzt sogar verzweifelt an, einen Blick in sie und auf Daisy zu werfen. Ein unmögliches Unterfangen, schließlich ist ihre Schwangerschaft nur eingebildet. Sinful beweist einmal mehr, daß man Talent nicht kaufen kann. Dieses im Ultra-Low-Budget-Bereich angesiedelte Arthouse-Exploitation-Psychodrama ist ein kleines Meisterwerk, das nicht nur einige Gänsehautmomente beinhaltet, sondern mit einer handvoll deftiger, gut platzierter Schockmomente ebenso punktet wie mit Nick Vasallos zärtlichen, beinahe hypnotischen Score und der schmerzlich-melancholischen Stimmung. Der ursprünglich schlicht Mine betitelte Film ist bis in kleine Rollen gut besetzt, Erika Smith (Bite Me!, The Sexy Adventures of Van Helsing, Shock-O-Rama) ist eine echte Augenweide, und Erin Brown aka Misty Mundae (Spiderbabe, Masters of Horror: Sick Girl, The Rage) liefert die wohl beste und intensivste Leistung ihrer Karriere ab. Kein Zweifel: Diese tragische, in fünf Tagen gedrehte Charakterstudie ist aufwühlendes und unkonventionelles Low-Budget-Filmmaking at its very best. Ich bin schwer begeistert.

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