PARIS SCHLÄFT
(PARIS QUI DORT)
René Clair, Frankreich 1925
Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!
Seit Kurzem ist auch dies ein „Hundertjähriger“: René Clairs Paris schläft (im Original Paris qui dort) feierte am 6. Februar 1925 in der titelgebenden Seine-Metropole seine Premiere. Herzlichen Glückwunsch. Noch interessanter als bereits aufgrund ihres Alters wird diese Arbeit jedoch dadurch, dass es sich bei ihr um einen gemeinhin als poetisch-surreal beschriebenen Science-Fiction-Stummfilm handelt – wer da nicht neugierig wird, ist selbst schuld.
Wir sind, wen wundert’s, mitten in Paris, wo unser Protagonist Albert seinen Dienst als Nachtwächter auf dem Eiffelturm versieht. Eines Morgens vermisst der noch recht junge Mann seine Ablösung, die um zehn Uhr mit dem Fahrstuhl erscheinen sollte. Zudem wirkt die große und sonst so lebendige Stadt zu seinen Füßen seltsam ruhig. Kein Zweifel: Irgendetwas stimmt da nicht.
Als gegen halb zwölf noch immer niemand, also auch kein Fahrstuhl, aufgekreuzt ist, steigt Albert die endlose Treppe hinunter zum Fuß des Turms. Und tatsächlich: Die gesamte Stadt steht still – selbst die wenigen Menschen, auf die unser Held trifft, sind mitten in ihren Bewegungen erstarrt und verharren in einer Art Bewusstlosigkeit (ein Zwischentitel spricht von „majestätischer Untätigkeit“ – das muss man sich merken). Zudem sind alle Uhren des Nachts um 3:25 Uhr stehen geblieben. Nachdem Albert schon eine Weile durch die Stadt geirrt ist und sich ein paar Späßchen mit den erstarrten Mitbürgern erlaubt hat, setzt er seinen Weg mit einem „geborgten“ Automobil fort und trifft nach kurzer Zeit auf eine Gruppe von fünf Menschen, die in einem anderen Auto sitzen und wie er lebendig sind, sprich bei Bewusstsein und bewegungsfähig. Sie berichten, dass sie nachts um vier mit dem Flugzeug in Paris eingetroffen sind und schon zu dieser Zeit die ganze Stadt in einer unerklärlichen Stille versunken war. Im Einzelnen handelt es sich bei ihnen um den Piloten des Flugzeugs, einen erfolgreichen Geschäftsmann, der seine heimliche Geliebte besuchen will, einen Polizisten, der einen „internationalen Dieb“ an Handschellen mit sich führt und Hesta, eine „betuchte Dame“, die durch die Welt reist und das Vergnügen sucht. Nun, auch hier wird sie es finden. Nach kurzem Gedankenaustausch glauben die nunmehr sechs Handelnden zumindest zu wissen, warum ausgerechnet sie nicht erstarrt sind: Sie befanden sich in der vergangenen Nacht um 3:25, als das Ungemach vermutlich ausgelöst wurde, in der Luft beziehungsweise weit über dem Boden.
Fortan bleibt man zusammen und nächtigt sicherheitshalber gemeinsam in Alberts kleiner Kammer auf der Aussichtsplattform des Eiffelturms – man weiß ja nie, was nachts so alles geschieht. Tagsüber lässt man es sich indes gutgehen und findet sehr viel Freude am neuen und kaum noch eingeschränkten Leben. Man kann in Gaststätten mit erstarrten Gästen und Kellnern nach Herzenslust essen und sich hemmungslos mit feinstem Wein besaufen, Autos „borgen“ wo immer man will oder Geld und Schmuck einsacken, bis alle Taschen voll sind.
Aber wie es nun einmal so ist: Auch das schönste Leben wird einmal langweilig und Geld hat seinen Sinn verloren, wenn man sich ohnehin nehmen kann, was man will. Zudem entwickeln sich herbe Misstöne, als die fünf Männer realisiert haben, dass Hesta die einzige noch „lebende“ Frau ist – und aus diesen Misstönen werden bald Handgreiflichkeiten und sogar lebensgefährliche Prügeleien zwischen den Rivalen um ihre Gunst (welche freilich von vornherein keinem anderen als Albert gehört).
Als die Lage endgültig zu eskalieren droht, ertönt jedoch eine weibliche Stimme aus dem Funkgerät in Alberts Kammer und bittet um Hilfe – wer auch immer sie höre, solle zu einer Wohnung in der Rue Croissy eilen. Man begibt sich also umgehend zur genannten Adresse und befreit eine dort eingesperrte junge Frau, die sich als Nichte des Wissenschaftlers Bardin vorstellt. Mit ihrem nebenan tätigen Onkel haben wir nun auch unseren Mad Scientist, der für das eingetretene Übel verantwortlich ist: Er hat nämlich (zumindest in der vorliegenden Übersetzung) die sogenannten „Crase-Strahlen“ erfunden, mit denen man die ganze Welt zum Stillstand bringen kann. Und er hat sie nicht nur erfunden, sondern eben auch gleich einmal ganz fröhlich ausprobiert. Mit sanfter, aber bestimmter Gewalt zwingt man ihn nun dazu, sein Tun rückgängig zu machen, was ihm nach stundenlangen Berechnungen auch gelingt. Paris erwacht – und zwar just wieder um 3:25 Uhr, sodass niemand die Stillstands-Lücke bemerkt. Nur jene, die mit unserem Protagonistengrüppchen zu tun hatten und beispielsweise bestohlen wurden, sind verwundert – während sich die Wege der sechs Mitglieder ebenjenes Grüppchens nun wieder trennen.
Was sich nicht trennt, ist derweil der Weg von Albert und der Bardin-Nichte, die sich inzwischen näher gekommen sind. Als sie sich einen schönen Tag machen wollen, muss Albert allerdings zu seinem Leidwesen feststellen, dass er kein Geld mehr hat. Das ist echt blöd – also macht er sich mit seiner angehenden Geliebten auf den Weg zu ihrem Onkel, um die Crase-Strahlen erneut zum Einsatz zu bringen und die wunderschöne Zeit, in der man tun und lassen konnte, was einem lieb war, zurückzuholen. Tatsächlich können die beiden den Onkel ablenken und den Strahlen-Hebel umlegen, sodass das Leben in der Stadt wieder stillsteht. Umgehend ziehen sie los und bestehlen den nächstbesten Erstarrten – das aber geht nicht gut, da der Hebel gerade wieder vom Onkel umgelegt wird, die Stadt aufs Neue erwacht und unser Diebespaar von einem Polizisten auf frischer Tat ertappt wird. So landen die beiden zunächst auf dem Polizeirevier und später sogar in der Psychiatrie, wo sie auf Alberts ehemalige Begleiter treffen, denen man ihre Geschichte ebenso wenig abkaufen will wie ihnen ...
Dass die Sache damit kein böses Ende nimmt, ist freilich sonnenklar, denn Paris schläft hat sich bis dahin als erstaunlich humorvolle und bisweilen fast fröhliche Arbeit erwiesen. In meinen Augen bekommt dieser Frohsinn René Clairs Geschichte allerdings sehr viel weniger gut als beabsichtigt. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich habe nichts Grundsätzliches gegen Frohsinn und hatte auch hier meine Freude, aber ich hätte es begrüßt (beziehungsweise als ganz natürlich empfunden), wenn der Autor und Regisseur bei der Umsetzung seiner Grundidee einen anderen, ernsthafteren Weg gewählt hätte. Und diese Grundidee, das sei René Clair bescheinigt, ist schlichtweg großartig. Der eher lockere Umgang mit ihr drängt jedoch andere und aus meiner Sicht beachtenswertere Aspekte in den Hintergrund: Spannung und Faszination. Dabei sollte Spannung hier angesichts einer äußerst rätselhaften Ausgangslage eigentlich im Selbstlauf entstehen, aber das geschieht nicht – die Erklärung für das „Überleben“ oder besser „Übermuntern“ Alberts und seiner fünf Begleiter wird schon nach relativ kurzer Zeit ganz beiläufig geliefert, und die Auflösung rund um den Mad Scientist vom Dienst ist schwach: Auf mich hat sie ziemlich lieblos und in Ermangelung besserer Einfälle angehängt gewirkt. In Sachen Faszination lässt der Streifen vor allem durch René Clairs „Geschwindigkeitsdrang“ eine Menge Potenzial liegen – Paris schläft wirkt in vielen Phasen regelrecht hektisch. Gerade für Alberts Weg durch die verlassenen Straßen der Stadt mit ihren erstarrten Passanten hätte man sich unbedingt ein wenig Zeit nehmen sollen, aber Clair lässt diese Szenen nicht atmen und schneidet immer wieder kurze Standbilder ein. Später findet er sogar zunehmend Gefallen an Zeitrafferaufnahmen, was zwar handlungsbedingt in einem Punkt sehr wohl passend ist, darüber hinaus aber schlichtweg albern wirkt (wie bei einigen der angesprochenen Prügeleien, während derer man sich kurzzeitig in irgendeiner chaplinesken Slapstick-Komödie wähnt). Die Poesie, die in Paris schläft gelegentlich aufflackern möchte, wird von so etwas natürlich erschlagen.
Aber genug gemeckert: Das bislang Gesagte mag wenig vorteilhaft klingen, betrifft aber im Kern nur den subjektiven Blick auf Stimmungslage und Tonfall des vorliegenden Streifens. Unabhängig davon kann man sich natürlich sehr wohl von seinem höchst originellen inhaltlichen Ansatz und zahlreichen außergewöhnlichen Bildern gewinnen lassen – allein die Aufnahmen, die auf dem Eiffelturm entstanden, sind unbezahlbar.
Umso erfreulicher ist es daher, dass sie sich in einem guten Zustand befinden. Bei der vorliegenden, etwa 60-minütigen Fassung handelt es sich um eine hochwertige 4K-Restaurierung der Stiftung Jérôme Seydoux-Pathé, die im Jahr 2018 auf der Grundlage einer britischen Verleihkopie entstand (und dementsprechend auch Texttafeln in englischer Sprache enthält), womit davon auszugehen ist, dass man diesen Film in einer besseren Qualität wohl kaum zu sehen bekommen kann. Die selbstredend im alten 1.33:1-Format gedrehten Aufnahmen haben durchaus unübersehbare Mängel und Schäden (sehr häufig spürt man ein durch fehlendes Material verursachtes kurzes Rucken), machen aber insgesamt und gerade in Anbetracht ihres Alters noch einen wohltuend gesunden Eindruck. Sehr schön ist zudem die Viragierung – vorwiegend, das heißt bei allen Stadtaufnahmen, haben wir es mit einem stark zum Orange tendierenden Sepia-Ton zu tun, darüber hinaus gibt es nächtliches Blau oder auch Violett und in den Mad-Scientist-Szenen ein helles Olivgrün. Wunderbar, all das.
Die scheinbar durch die Bank absolut schwindelfreien Darsteller agieren derweil weitgehend unauffällig – was im Stummfilm nicht selbstverständlich und durchaus anerkennenswert ist. Das seinerzeit nicht unübliche Overacting könnte man in Paris schläft höchstens Marcel Vallée vorwerfen, der den „internationalen Dieb“ als allzu fröhlichen und jederzeit bestens gelaunten Gesellen gibt. Henri Rollan als Albert respektive „Gardien de Nuit de la Tour Eiffel“, Antoine Stacquet als Geschäftsmann, Louis Pré Fils als Polizist, der Kletterkünstler Albert Préjean als Pilot sowie Madeleine Rodrigue als Hesta gehen ihre Aufgabe deutlich ernsthafter an, ohne allerdings einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Am besten gefallen hat mir gegen Ende die einnehmende Myla Seller als Mad-Scientist-Nichte. Deren Onkel, um’s vollständig zu machen, wird von Charles Martinelli verkörpert, der zwar groß und schwer ist, aber nicht wirklich mad wirkt.
Damit bliebe noch der Score – bei einem Stummfilm immer ein enorm wichtiger Faktor. Für die vorliegende Fassung wurde er von Karol Beffa komponiert und ist ... leider nicht wirklich gut. Es handelt sich um Klaviermusik, die sich stark an den Gepflogenheiten der Stummfilm-Ära orientiert und fraglos mit viel Liebe geschrieben wurde, aber weit neben dem Geschehen herläuft beziehungsweise ohne Wirkung dudelt und dudelt. Schade, zumindest für meine Ohren – mit einem anderen, stimmungsvolleren und wodurch auch immer spezielleren Score hätte dieser schließlich auch recht spezielle Film ganz anders wirken und deutlich eindrucksvoller sein können.
Es reicht aber auch so – um nicht schon wieder ins Nörgeln zu verfallen. Paris schläft ist ein ungemein reizvoller, famos bebilderter und seiner Zeit weit enteilter Streifen zwischen Mystery, Science-Fiction und grotesker Komödie, angereichert mit etwas Liebelei, einem Hauch von Wehmut angesichts der Erkenntnis, dass eine schönere Welt nie von Dauer sein kann, und einem vorsichtigen Statement zur menschlichen Natur (unsere Helden stehlen ohne Hemmungen, sobald sich die Gelegenheit ergibt, langweiligen sich ob ihres Wohlstands und gehen einander wegen einer Frau an die Gurgel). Für all jene, die sich vor der Reise in eine längst vergangene Epoche der Filmgeschichte nicht fürchten, sollte das ein Fest sein.
(03/25)
8 von 10 Punkten.