Dass sein Leben eine Komödie ist und nicht wie fälschlich angenommen eine Tragödie, realisierte der Joker erst neulich in unseren Kinos. Es kommt eben auf die Perspektive an… und wohl auch ein wenig auf den Geisteszustand.
Des Jokers Artverwandter, der Funny Man, kennt diesen Zwiespalt der Gefühle ebenfalls. Geschrieben als Ausgestoßener, als Sonderling und Rächer an denen, die über ihn und seine hässliche Visage lachen, wird er in der eigentlichen Performance zum überdrehten Spaßvogel, der sein Schicksal als närrische Mordmaschine längst akzeptiert hat. Hin und wieder meint man in seiner Mimik ein Flehen zu erkennen, dass er doch bitte trotz seiner unorthodoxen Erscheinung als Teil der normalen Gesellschaft akzeptiert werden möge. Aber letztlich führt der Smalltalk vor dem Club, der Flirt in der Kunstgalerie oder das Kinderversteckspiel zuverlässig jedes Mal in einen einfallsreich arrangierten Kill, der Freddy Krueger anerkennend mit den Scheren klappern lassen würde.
Konzipiert ist der Suppenkasper mit der Hakennase als ein Alter Ego von Regisseur Simon Sprackling, der nach eigener Aussage auch privat mal öfter über die Stränge geschlagen hat. An seine Zeit Anfang der Neunziger erinnert er sich durch den Dunst beschlagener Biergläser aus schottischen Kneipen und weiterer Bewusstseinsveränderungen… Danny Boyles „Trainspotting“ muss ihm vorgekommen sein, als habe zumindest einer in seinem Milieu den Anstand gehabt, nüchtern zu bleiben, um den kompletten Absturz einer ganzen Generation zu dokumentieren.
Auch „Funny Man“ soll unter benebelten Umständen entstanden sein und das glaubt man bei der Sichtung auf Anhieb. Wohl noch selten ist jemand mit einer derart zerfransten Abfolge von völlig sinnlosen, mit Insider-Gags für die Crew gespickten, auf jegliche Kontinuität einen dampfenden Haufen setzenden Zufallsereignissen durchgekommen. Das Drehbuch mitten in der Produktion einfach zu verwerfen und stattdessen auf reine Improvisation zu setzen, ist Zuschauerverachtung vom Feinsten, die in diesem Fall zu einem ganz besonderen Erlebnis führt: Obwohl Hauptdarsteller Tim James sich in seiner Harlekin-Montur fortwährend an den Zuschauer richtet, ihm zuzwinkert, eine lange Nase macht oder anderweitig interaktiv in sein buntes Treiben einbindet, fühlt man sich als Betrachter völlig außen vor gelassen – wie bei der Anekdote, die nur witzig ist, wenn man dabei war. Oder bei dem Running Gag, der nur innerhalb der Clique Sinn ergibt.
So trägt es sich auch zu, dass Rhona Cameron ohne sichtbaren Grund in ein Velma-Kostüm gesteckt wird und Scooby-Doo-Vibes einbringt; eine Aufmachung, die viel zu nah am Cartoon-Original ist, um einfach als freche Anspielung durchzugehen. Das kann man schon Plagiat nennen. Oder dass aus völlig unerfindlichen Gründen der große Christopher Lee als dunkle Eminenz ein Cameo feiert, bei dem er zunächst im Pokerspiel völlig entmystifiziert und dann zum Irren degradiert wird, der in einem weißen Raum Spielkarten auslegt und dämonisch wie ein Voodoo-Zauberer ins Fischauge der Kamera grinst. Der schon damals altehrwürdige Mime musste für diesen Film wenigstens nicht mehr als einen Drehtag und ein wenig Promotion-Arbeit leisten. In seiner Dürreperiode Anfang der 90er war das immerhin eine gute Gelegenheit, das ein oder andere Scheinchen abzugreifen, für den stets klammen Sprackling hingegen der letzte Bodensatz des Sparschweins, das er des großen Namens wegen zu schlachten bereit war. Wer Lee bekommen kann, wäre schließlich ein Narr, sein Mitwirken auszuschlagen, egal was die Geldbörse dazu zu sagen hat…
Quatsch und Blenderei ohne Ende also. Weiß der Geier, wie viel Stammtisch-Geschnatter tatsächlich seinen Weg in den fertigen Film gefunden hat. Fakt ist, die sogenannte Handlung ist vollgestopft mit Fußball (mit Funny Man als Torwart-Star), dubiosen Stripschuppen (mit Funny Man als Stripperin) und Verachtung der hohen Künste (Funny Man tut so, als würde er sich für Malerei interessieren), also Themen, die man gemeinhin auch in geselliger Proletenrunde erörtert.
Sprackling kann von Glück sagen, dass sein Hauptdarsteller den Laden so gut zusammenhält. Während die Dekorateure alles dafür tun, das gemietete Anwesen (je nach Quelle ein ehemaliges Irrenhaus oder Altenheim) mit den paar Kröten in eine surreale Wunderwelt zu verwandeln, tanzt Tim James darin herum wie ein junger Patrick Swayze. Mit Comedy im eigentlichen Sinne hat sein Gebaren natürlich nichts zu tun. Ein professioneller Komiker würde wahrscheinlich graue Haare bekommen, würde er seinen Beruf doch vielleicht mit dem eines Seiltänzers vergleichen: Präzision, Balance und Timing sind das A und O. James gibt darauf einen feuchten Furz. Er ist der erwartete Anti-Komiker, der nicht weiß, wann der Witz zu Ende erzählt ist. Gerade das macht den besonderen Charme seiner Auftritte aus. Wann immer er Tuchfühlung zu einem seiner Gäste aufnimmt, wirkt das in den ersten Annäherungsversuchen höflich, kumpelhaft und in gewissem Sinne auch unverdächtig (sieht man mal von der hässlichen Visage und dem schrägen Aufzug ab). Wenn die Situation schließlich eskaliert, dann stets mit dem milden Grinsen eines Soziopathen, der womöglich nicht einmal weiß, dass er gegen die Etikette verstößt, wenn er jemandem den Schädel einschlägt oder das Hirn aus der Hülse pustet.
Schrill wie die Hauptfigur geben sich entsprechend auch die Spezialeffekte, die das Wort „unmöglich“ nicht zu kennen scheinen. Das klamme Budget jedenfalls scheint kein Hinderungsgrund zu sein, Funny Man blutig aus einem Körper platzen zu lassen. Oder mit Koksantrieb durch einen Schornstein zu fliegen. Oder einen Möchtegern-Rockstar per Sternschnuppe in den Himmel zu schießen. Ziggy Stardust würde sich bei der Umsetzung dieses kühnen Vorhabens im Grabe umdrehen, aber die haben ihr Ding damals in den 90ern noch voll durchgezogen.
Kurz gesagt, „Funny Man“ ist faules, selbstbezogenes Filmhandwerk, das allen Regeln der Kunst widerspricht. Es fährt keine klare Linie. Es pfeift auf einen Masterplan. Es erdreistet sich, praktisch unverfilmbare Schnapsideen in die Tat umzusetzen, obwohl dafür sowohl Geld als auch Kreativität fehlen. Es gibt sich augenzwinkernd, doch wohl nur die Leute am Set wissen, was das Zwinkern zu bedeuten hat. Kurz gesagt: „Funny Man“ ist Punk pur.