Nach einer wahren Begebenheit: Warren Beatty spielt den Autoren und Journalisten John Reed, der sich gegen eine Beteiligung der USA am Ersten Weltkrieg ausspricht und als politischer Aktivist den Sozialismus in seinem Heimatland zu etablieren versucht. Er beginnt eine Liebesbeziehung mit seiner Berufskollegin Louise Bryant, gespielt von Diane Keaton, mit der er bei einem Aufenthalt in Russland die bolschewistische Revolution verfolgt. Wieder in den USA angekommen schreibt Reed sein berühmtes Buch „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ und versucht, die Revolution über den Atlantik zu bringen. Wenig später reist er erneut nach Russland, in der Hoffnung, dass die Bolschewisten seine kommunistische Bewegung als einzige legitime in den USA anerkennen.
Das Schicksalsjahr 1917: In Russland ergreifen die Bolschewisten die Macht und schließen Frieden mit den Deutschen. Ihr Anspruch: Sie wollen die kommunistische Revolution in alle Welt exportieren. Im selben Jahr tritt der amerikanische Präsident Woodrow Wilson in den Ersten Weltkrieg ein, um Europa und der Welt die Demokratie zu bringen. Das Zeitalter der Ideologien ist eröffnet, der Weg in die bipolare Welt vorgezeichnet: Nach dem Ende des Nationalsozialismus sollte der Gegensatz zwischen Ost und West fast fünf Dekaden der Weltgeschichte bestimmen. Und mittendrin John Reed: Er ist einer der Anführer der amerikanischen Kommunisten, veröffentlicht mit seinem Buch über die Oktoberrevolution eines der bedeutendsten journalistischen Werke aller Zeiten, wird ein Feind der Staatsmacht. Eine interessante Geschichte über ein bewegtes Leben, über die großen historischen Ereignisse des frühen 20. Jahrhunderts - und Warren Beatty macht daraus ein Melodram…
Von der billigen ZDF-Fließbandproduktion bis hin zu den mit Oscars überhäuften Klassikern, oft wurden und werden historische Stoffe als Melodrama erzählt, ob der Film nun „Die Luftbrücke“ heißt oder eben „Doktor Schiwago“, „Der englische Patient“. Die Academy scheint seit jeher ein Faible für solche Filme zu haben, immerhin konnte selbst Michael Bays „Pearl Harbor“ vier Nominierungen auf der Haben-Seite verbuchen, denen noch mehr für die Goldene Himbeere gegenüberstanden. „Reds“ gewann drei Oscars, darunter die Beste Regie für die New-Hollywood-Legende Warren Beatty, der auch das Drehbuch verfasste und die Hauptrolle spielte. Hinzu kamen neun weitere Nominierungen.
Wie bei vielen Melodramen verwendet Beatty den überwiegenden Teil seiner üppigen Laufzeit von etwa drei Stunden auf die bewegte Liebesbeziehung zwischen Reed und Bryant, die heiraten, einander hintergehen, sich zerstreiten, wieder in die Arme fallen. Das ist, auch aufgrund der durchweg überzeugenden Darstellerleistungen von Beatty und Diane Keaton, wegen der ebenso überzeugenden Charakterkonstruktion, mal sehr emotional und dramatisch, mitunter aber auch zu sentimental und langwierig. Der Begriff „episch“, mit dem Filme wie „Reds“ oft bedacht werden, kann da eben auch mal eine Chiffre für langatmig sein - jedenfalls gibt es im Verlauf der drei Stunden so einige Längen, aber eben auch durchaus packende Passagen.
Dabei ist Beatty mit „Reds“ ein formal herausragender Film gelungen, der bis heute wenig von seiner Bildgewalt verloren hat. Wenn die Straßenproteste in den USA oder die Massenkundgebungen der Bolschewisten gezeigt werden, findet Beatty meist beeindruckende Bilder einer durch bedeutende Umwälzungen geprägten Zeit. Hinzu kommen der stimmige, meist sehr melancholische Score, der bis in die Nebenrollen hervorragend besetzte Cast. Neben Paul Sorvino brillieren u.a. der zynische Jack Nicholson in der Rolle des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O´Neill sowie die Oscar-prämierte Maureen Stapelton. Andererseits ist Beattys Film, so mutig und progressiv das behandelte Thema Anfang der 1980er Jahre auch gewesen sein mag, letztlich auch sehr konservativ inszeniert und eintönig erzählt. Etwas Schwung hätte „Reds“ jedenfalls nicht geschadet.
Wenn es mal nicht um das schier ewige Hin und Her in der Liebesbeziehung zwischen Reed und Bryant geht, dann widmet sich Beatty auch mal seiner Hauptfigur, die gleichermaßen journalistischer Beobachter als auch beherzter Agitator inmitten der historischen Umwälzungen ist. Beatty thematisiert die Faszination dieses historischen Experiments, das Kommunismus hieß, genauso, wie die chronische Zerstrittenheit der Linken und schlussendlich die Gewaltverbrechen des bolschewistischen Regimes. Die immer wieder eingespielten Kommentare verschiedener Zeitzeugen unterstreichen vieles davon in Form interessanter Anekdoten und verleihen dem Melodrama eine gewisse historische Authentizität. Hätte Beatty seinen Fokus stärker darauf gerichtet, hätte er vielleicht ein paar Oscar-Nominierungen weniger erhalten, dafür aber einen interessanteren, kontroverseren und - im Rückblick - vielleicht auch bedeutenderen Film geschaffen.
Fazit:
Inszenatorisch wie darstellerisch kann es Warren Beattys „Reds“ mit den großen Klassikern der Traumfabrik jederzeit aufnehmen. Schade, dass Beatty die historischen Hintergründe nicht weiter ausführt, dass er die interessante Biographie von John Reed in die Form eines konventionellen und mitunter etwas langatmigen Melodramas gießt. Trotz seiner zwölf (!) Oscar-Nominierungen überzeugt der 3-Stunden-Schinken„Reds“ somit nicht unbedingt auf ganzer Linie.
63 %