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„Das sind Geister einer bösen Welt!“

Zu den frühen Produktionen der britischen „Amicus“-Filmschmiede ist der Horrorfilm „Der Schädel des Marquis de Sade“ aus dem Jahre 1965 zu zählen, der unter der Regie Freddie Francis‘ damit im gleichen Jahr wie der erste „Amicus“-Episodengrusler „Die Todeskarten des Dr. Schreck“, ebenfalls unter Regie Francis‘, erschien. Es handelt sich um die Verfilmung einer Geschichte Robert Blochs, dem Autor von „Psycho“.

Dr. Christopher Maitland (Peter Cushing, „Frankensteins Rache“) ist Sammler besonderer Kuriositäten. Der Trödelhändler Anthony Marco (Patrick Wymark, „Ekel“) verkauft ihm eines Tages ein in Haut gebundenes Buch des Marquis de Sade. Doch damit nicht genug: Am nächsten Abend bietet Marco Dr. Maitland einen menschlichen Schädel an – angeblich der Schädel de Sades, entwendet von Grabräubern im 18. Jahrhundert. Maitland zögert und lässt sich die Echtheit durch seinen Freund Sir Matthew Phillips (Christopher Lee, „Dracula“) bestätigen. Dieser kennt den Schädel, da er ihm erst kürzlich aus eigener Sammlung gestohlen wurde. Doch er ist froh, dass er ihn los ist, da finstere Mächte von ihm ausgingen. Das weckt jedoch erst recht Maitlands Neugier. Als er Marco aufsucht, findet er ihn aber mit durchbissener Kehle auf. Er nimmt den Schädel an sich und wird selbst Zeuge unheimlicher Vorfälle…

Der Prolog zeigt den Diebstahl des Schädels, zeitlich lange vor der eigentlichen Handlung angesiedelt. In der filmischen Gegenwart, die anscheinend ebenfalls in der Vergangenheit terminiert wurde und über entsprechendes Gothic-Ambiente verfügt, wird mit Rückblenden gearbeitet: Nachdem Marco Cushing den Schädel gebracht hat, wird der Prolog wieder aufgegriffen und gezeigt, welche Konsequenzen die Entwendung des Schädels hatte. In diesen Rückblenden wird der Schädel unnatürlich ausgeleuchtet und durch ihn hindurch gefilmt, was ihm sowohl eine unheimliche Aura suggerieren als auch eine Art Eigenleben verleihen soll, als würde er das Geschehen durch seine nicht vorhandenen Augen beobachten – eine Art gefälschter Point-of-View-Technik also, für die mit einer großen Schädelattrappe gearbeitet wurde (und die nur allzu durchschaubar ist, im wahrsten Sinne des Wortes). Jedenfalls erfährt der Zuschauer so, dass der Schädel den Nachlassverwalter zum Mord an der Witwe des Grabräubers verleitete.

Ein Problem des Films ist, dass er damit zu diesem frühen Zeitpunkt im Prinzip bereits alles gesagt hat: Der Schädel ist böse und veranlasst – wie auch immer – böse Taten. Klar, dass es auch Maitland treffen wird. Einen Trumpf spielt „Der Schädel des Marquis de Sade“ jedoch aus, als er Maitland eine wahrlich grausige Vision seiner eigenen Verhaftung bekommen lässt, die vor einem surrealen Alptraumgericht und dem fliegenden Schädel endet – woraufhin er sich in Marcos Haus wiederfindet. Maitland ist unversehrt, doch als er später zu Marco zurückkehrt, findet er diesen tot auf – mit durchbissener Kehle. Es war und ist Neumond und so erwacht der Schädel schließlich zu all seiner diabolischen Kraft, fliegt mitsamt des de-Sade-Buchs durch den Raum und zwingt den nun gänzlich unter seinem Einfluss stehenden Maitland zu scheußlichen Morden – nur das Kreuz um den Hals seiner schlafenden Frau hält ihn davon ab, sie zu erstechen. Nicht von ungefähr erinnert diese Verquickung mit christlicher Symbolik an die Vampir-Thematik und so albern das auch alles irgendwie mit seinen eingeschränkten Spezialeffekten wirkt, so nimmt die Ernsthaftigkeit der Darbietung doch gefangen.

Cushing spielt wie erwartet toll, insbesondere, wenn er verzweifelt sich gegen den Schädel zu wehren versucht. Christopher Lee bekommt in seiner Nebenrolle hingegen nicht viele Möglichkeiten, aufzutrumpfen, doch auch der Rest der Besetzung ist ohne Tadel. Die Ausstattung mit ihren altertümlichen Brauntönen mutet für dieses kleine Filmchen opulent an und steht im Kontrast zu den simplen Spezialeffekten, die musikalische Untermalung dröhnt enervierend und psychotronisch. Ob es nun eine so gute Idee war, den Marquis de Sade zum Aufhänger für diese streng genommen reichlich beknackte Geschichte zu nehmen, sei einmal dahingestellt, zumal man leider auch auf quasi jedweden psychologischen Unterbau verzichtet. Andere „Amicus“-Produktionen wussten da wesentlich mehr mit Pointiertheit und Augenzwinkern zu überzeugen. Letztlich nur durchschnittliche Kost, die heutzutage unschön unfreiwillig komisch und bieder erscheint.

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