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Mel Gibson hat wieder zugeschlagen. Nach seinem letzten Machwerk, einem gewissen Jesus-Film mit Hang zur Splatter-Ästhetik, serviert uns der ehemalige Action-Star und Allround-Sympathisant mit seiner vierten Regiearbeit bereits seinen dritten bluttriefenden Historien-Schinken in Folge. Wie schon in „Die Passion Christi“ drehte Gibson in Originalsprache, nach einem latainisch-grieschich-aramäischen Kinofilm erwartet uns nun ein zweieinhalbstündiges Epos im alten Maya-Dialekt.

Auch hier erweist sich die authentische Sprache als starkes Stilmittel um ein glaubhaftes Bild jener längst vergangenen Epoche zu kreieren. Und wie schon zu erwarten war gelingt dies Gibson in erster Linie optisch. Kameramann Dean Semler zauberte schon u.a. für „Der mit dem Wolf tanzt“, „City Slickers“, „Waterworld“ und „Wir waren Helden“ eindrucksvolle Bildkompositionen und leistete für „Apocalypto“ Großes. Wunderschöne Landschaftsaufnahmen, intensive Close-Ups, langsame Kamerafahrten – Im ersten Abschnitt (Verschleppung in die Maya-Stadt) erinnert Gibsons Werk stark an „The New World“ von Altmeister Terrence Malick, ohne eine Kopie darzustellen, aber auch ohne dessen Klasse zu erreichen. Als atemberaubend zu bezeichnen sind die (leider viel zu kurzen) Szenen in der Maya-Stadt, hier protzt man mit imposanten Bildern und einer perfekten Ausstattung.

Auf einen Vorspann wurde verzichtet, hätte auch nicht gepasst Credits ins Bild zu setzen, der schnelle Beginn mit einer Tapir-Jagd präsentiert sich als schnell geschnittene, gelungene Eröffnung. Anschließend schaltet Gibson erst mal runter und erzählt seine Geschichte (Mel schrieb sogar das Drehbuch) in ruhigen Bildern und zeigt die Harmonie des naturverbundenen Stamms, der anschließend von Sklavenhändlern entführt und verkauft bzw. geopfert wird. Bis dahin ist es ein recht weiter weg und die Reise erweist sich als strapaziös für die teilweise verletzten Gefangenen. Leider sind die meisten Charaktere ziemlich flach gezeichnet und kommen oftmals sehr stereotyp rüber, verhalten sich außerdem entsprechend. Nichtsdestotrotz überwiegt der positive Eindruck, hervorgerufen durch die brillante Optik und die wirklich fantastisch eingefangene Atmosphäre. Mel hat als Regisseur richtig was drauf, das bewiesen aber bereits die bombastischen Bilder aus „Braveheart“ und der „Passion Christi“.

Meiner Meinung nach ist die Brutalität nicht gerade von einem unnötig übermäßigen Ausmaß. Natürlich wird hier eine Menge Blut vergossen, die vereinzelten Sequenzen (zum Beispiel die Opferung) sind gewiss sehr prätentiös, dennoch dürfte klar sein das die Maya-Kultur aufgebaut war auf unmenschlicher Grausamkeit. Diesen Fakt verhehlt Gibson nicht sondern thematisiert die Politik auffällig mit Hilfe einiger offensichtlicher Allegorien. „Apocalypto“ zeigt ein realistisches Bild der damaligen Kultur, dekadente Scharlatane die das hysterisch gläubige und hörige Volk mit Angst und heidnischer Religion regieren. Dabei wird keine Rücksicht genommen auf die unterentwickelteren Stämme, der Sklavenmarkt floriert und die brutalen Opfer-Rituale der Mayas sind ebenfalls legendär.

Die zweite Hälfte des Films beschränkt sich leider auf eine simple, dennoch knackig spannende Verfolgungsjagd-Action im klassischen 10 kleine Negerlein-Prinzip. Ein Verfolger nach dem anderen stirbt und hier kommen einige extreme Gewaltdarstellungen zum Einsatz, welche doch sehr plakativ wirken. Hier mutiert „Apocalypto“ zum reinen Hollywood-Film und nimmt leider an Qualität und Originalität ziemlich ab. Nicht jedoch die Spannungskurve, die fortan streng angeschraubt bleibt und trotz vorhersehbarer Handlung durchaus zu fesseln vermag. Sämtliche Nebencharaktere und auch die Schauplätze in der Maya-Stadt tauchen nicht mehr auf und vom langsamen Historien-Epos kippt der Film zum temporeichen Actioner. Zur blanken Unterhaltung und zur Stärkung der kommerziellen Zugkraft dienen in meinen Augen also nur die zahlreichen Gewalt-Szenen in der zweiten Hälfte.

Das Familien-Drama mit konventionellem Showdown und Happy End ist ein klarer Angriffspunkt, genauso wie die gradlinige Dramaturgie. Zu sehr kommt man westlichen Sehgewohnheiten nahe um eine wirklich echt wirkende Geschichte zu erzählen. Trotz der gut geschriebenen Dialoge und der großartigen Schauspieler (allesamt ethnisch korrekt besetzt) stört der abrupte Stilbruch die Wirkung auf den Zuschauer ungemein. Hatte man nach der ersten Hälfte noch das Gefühl ein ambitioniertes Meisterwerk zu sehen, so wirkt der Showdown eben effekthascherisch und kommerziell. Obwohl die Ankunft der spanischen Eroberer zum Schluss in großartige Bilder getaucht ist und das Gefühl des heran nahenden Untergangs förmlich spürbar wird, verblasst die Intensität solcher Bilder durch einige gravierende Klischees.

Die einfühlsame Musik stammt von James Horner, dem es einmal mehr gelang einen dichten Klangteppisch zu weben, sämtliche Emotionen nachhaltig zu unterstreichen und niemals aufdringlich zu wirken. Nur selten wirken einige Klänge pathetisch, als Ganzes betrachtet ist der Score ganz klar auf der Pro-Seite einzuordnen.

Fazit: Im Gegensatz zur „Passion“ ein Quantensprung und einer der letzten Knüller des Kino-Jahres. Viele Leute werden abgeschreckt sein von der Maya-Sprache, vordergründig handelt es sich aber um einen dialogarmen Action-Film mit hohem Unterhaltungswert und großen Emotionen. Mit einigen Abstrichen empfehlenswert.

7,5 / 10

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