Der Franzose Alain Robbe-Grillet war Schriftsteller und Mitbegründer der experimentellen Literaturform Nouveau roman, die sich konventionellen Erzählformen verweigerte. Später verfasste er ähnlich konzipierte Drehbücher, beispielsweise zu Alain Resnais‘ „Letztes Jahr in Marienbad“, und begann schließlich eine eigene Karriere als Filmemacher. 1963 debütierte er mit „Die Unsterbliche“, sein vierter Film wurde der in französisch-tschechoslowakischer Koproduktion entstandene erotische Mystery-Film „Eden und danach“ aus dem Jahre 1970 – der trotz Robbe-Grillets Abneigung gegen Grüntöne auf der Leinwand sein erster Farbfilm werden sollte.
Im Café Eden treffen sich regelmäßig nichtsnutzige Mittelklassestudenten, die mit spontanen Rollenspielen und Phantastereien ihrer dekadenten Langeweile zu entfliehen versuchen. Als der fremde Duchemin (Pierre Zimmer, „Wie drück' ich mich beim Militär?“) eintrifft, bringt er Abwechslung in die Szenerie, indem er die jungen Leute mit Zaubertricks und Geschichten fasziniert – insbesondere die attraktive Violette (Catherine Jourdan, „Nackt unter Leder“). So schluckt diese auch ohne große Bedenken ein unbekanntes Pulverchen, das er ihr mitgebracht hatte. Für den Abend sind beide miteinander verabredet, doch findet sie lediglich ihre Kommilitonen vor, die anscheinend wieder ihre Spielchen treiben. Sie erschrickt jedoch, als sie die Leiche Duchemins im Kanal findet. Der Besuch eines Kinofilms über Nordafrika versetzt Violette und ihre Freunde plötzlich selbst ins ferne Tunesien, wo alle hinter einem Gemälde in Violettes Besitz her zu sein scheinen und sie Duchemin unter anderem Namen wiedertrifft…
Robbe-Grillet sah sich auch mit „Eden und danach“ dem Nouveau roman verpflichtet und pfeift auf narrative Konventionen, präsentiert stattdessen eine lose wirkende, kulissenhaft-artifizielle Bildabfolge, lässt Grenzen zwischen Realität und Traumwelt verwischen, übt sich in Surrealismus und betont, dass jeder Zuschauer sich gefälligst seine eigenen Gedanken machen solle. Dies hat einen vollkommen unspannenden, weil keinerlei Wert auf Dramaturgie legenden Film zur Folge, der sich im Prinzip recht schnöde als verfilmter Drogentrip Violettes nach Konsum des Pulvers interpretieren lässt. Unter dem Einfluss der Droge visualisieren sich ihre Ängste vor ihr und wird sie paranoid, durchlebt sie aber auch ihre intimen sexuellen Phantasien, Wünsche und Gelüste. In häufig statischen, hell ausgeleuchteten Bildern voll kraftvoller Farben, die allein schon aufgrund ihrer speziellen Ästhetik einen gewissen Reiz des Films ausmachen, zeigt Robbe-Grillet fragmentarisch Kapitalverbrechen ebenso wie Lust und Sexualität, wobei er auf den Fetischbereich des Sadomasochistischen zurückgreift und die Freiheit der noch jungen sexuellen Revolution auf der Leinwand sich insofern zunutze macht, dass er halbnackte bis gänzlich unbekleidete Modelle in bizarre Arrangements wie lebendige Kunstwerk drapiert. Doch auch außerhalb dieser Motive verleiht insbesondere Catherine Jourdan „Eden und danach“ Sinnlichkeit und Erotik sowie Charme in ihrer verletzlichen Ausstrahlung, mit ihren großen Augen und ihrer knappen Kleidung.
„Eden und danach“ ist gut zum Entspannen und Berieselnlassen geeignet, dürfte bei Müdigkeit jedoch stark schlaffördernd wirken. Ein Film für Genießer des Ungewöhnlichen, die sich an purer Bildästhetik erfreuen können, ohne eine Handlung dazu zu benötigen. So geheimnisvoll sich der Film auch gibt und so sehr er den einen oder anderen dazu verleiten mag, verschwurbelte, seitenlange Abhandlungen über ihn zu verfassen, mich erinnert er an eine erotisch-mysteriöse „Alice im Wunderland“-Interpretation, die sich allerdings jeglicher Vergleiche und Bewertungen entzieht – und genau das dürfte Robbe-Grillet intendiert haben.