Selbst wenn in der heutigen Zeit auf gar nichts mehr Verlass zu sein scheint – eine Tatsache steht unumstößlich fest: Zu Ostern gibt es christliche Erweckungsfilme auf jedem Sender. Fast immer „Ben Hur“ und „Quo vadis“, ab und zu „Das Gewand“ und leider viel zu selten „Barabbas“. Dabei ist dieser wenig beachtete Film wohl der beste Genrebeitrag.
Diese Position hat er schon deswegen inne, weil er dem Zuschauer eine Identifikationsfigur bietet, die man nun wirklich seit dem Kindergottesdienst kennt. Und man ertappt sich selbst dabei, dass man Barabbas die Schuld am der Kreuzigung Christi gibt. Dabei kann er nun wirklich am wenigsten dafür. Der Film nimmt diese Unschuld, die keiner nachvollziehen kann oder will, zum Aufhänger, die Figur zu entwickeln. Barabbas weiß nichts von dem Prozess gegen Christus und will sich nur freuen, dass er ausgewählt wurde, freigelassen zu werden. Aber schon seine Geliebte, die zu dem frisch aufkommenden Christum konvertiert ist, wirft ihm seine Befreiung vor. Diese Haltung bringt Barabbas dazu, sich für Jesus zu interessieren. Er wird Zeuge der Kreuzigung inklusive Sonnenfinsternis und Wiederauferstehung, hält diese Vorgänge aber für Zufälle bzw. Tricks der Jünger. Er kommt auch in den Kontakt zu den Jüngern und zu Lazerus, kann sich aber mit deren Gedankenwelt nicht so richtig anfreunden. Auch die Steinigung seiner Geliebten öffnet ihm nicht die Augen bezüglich des Christentums, sondern schürt nur seinen Hass gegen die Obrigkeit. Er wird wieder verhaftet und, da er als ehemaliger Freigelassener nicht zum Tode verurteilt werden darf, in die Schwefelmienen Siziliens verfrachtet. Hier setzt zum ersten Mal die Erkenntnis bei Barabbas ein, dass er durch den Tod von Christus „ewiges“ Leben erhalten hat (auch wenn das nur juristisch und nicht theologisch begründbar ist).
20 Jahre verbringt Barabbas in dem Bergwerk. Die Torturen und der permanente Abstieg sind wohl der eindrucksvollste Teil des Films. Auch wenn diese Passage sicher eine Verpflichtung durch „Ben Hur“ ist (die Galeerenzeit) war, ist sie stimmiger und dichter als die Vorlage. Auch hier wird Barabbas errettet, um seine Leben als Gladiator in Rom vorzusetzen. Auch dies ist eine Reminiszenz an das Wagenrennen.
Der Form halber wird Barabbas Christ. Er ist aber nicht bereit, zu seinem Glauben zu stehen. Erst der Tod seines Gefährten, ein finaler Kampf in der Arena und der Brand Roms leiten die Läuterung von Barabbas ein. Er beendet sein Leben am Kreuz und übergibt sich dabei der Obhut Gottes. So recht glaubt man ihm seinen Glauben aber nicht. Vielmehr wirkt das Christentum wie ein Protest gegen das System.
Was die Story betrifft, ist „Barabbas“ allen anderen Erweckungsfilmen weit voraus. Er räumt den Zweifeln an einer neuen Religion großen Platz ein und verabschiedet sich von der wonnigen Märtyrerdarstellung anderer Genrebeiträge. Zusätzlich wartet er mit einem passenden Soundtrack und kitschigen Kameraeinstellungen auf. Bei derartigen Filmen ein Muss. Die Ausstattung ist sehr ordentlich und braucht sich hinter den Konkurrenzfilmen nicht zu verstecken.
Der wichtigste Vorteil des Films ist aber Anthony Quinn in Höchstform. Er ist die ideale Verkörperung eines Menschen, der von eisernem Lebenswillen geprägt ist, fest im Hier und Jetzt verwurzelt ist und eine neue Idee wie das Christentum nur zögerlich in seine Welt eindringen lässt. Er ist der Buhmann der Welt, ohne etwas dafür zu können. Und der Schrecken der Obrigkeit. Hier erlebt man einen der besten Auftritte von Quinn.
Ebenfalls erwähnenswert ist Jack Palance als Star-Gladiator, der sich an der grölenden Menge berauscht und unter dem Jubel des Publikums seinen Sadismus auslebt. Auch wenn der finale Kampf gegen Barabbas nicht die Urgewalt der Kämpfe von „Gladiator“ hat, ist dieses Aufeinandertreffen um Welten spannender als jeder Kampf in Scotts Meisterwerk.
Der Rest der Schauspieler müht sich redlich. Aber so richtig überzeugen kann keiner.
„Barabbas“ ist ein wirklich intelligenter Film, der nicht so ausgewalzt ist wie die vergleichbaren Beiträge. Er hat eine super Story mit viel Tiefgang, den man annehmen kann, aber nicht muss. Auch ohne sich an der Wandlung von Barabbas zu erfreuen ist dieser Film einfach gute Unterhaltung. Von mir bekommt er 8 von 10 Punkten.