Ab und an haben hart arbeitende Menschen auch mal Urlaub und wenn sie dann nicht mehr wissen wohin mit ihrer Zeit darf es bei Meinemeinen auch mal wieder Das Vierte Freitag abends sein. Nicht dass ich Roman Polanskis atmosphärischen Liebes- und Todesreigen unbedingt mit diesem Sender assoziieren würde - aber „Bitter Moon" kam nun mal gerade da. Vom Look her könnte der Film glatt noch aus den 80ern stammen: viel nettes Pariser Großstadtkolorit, dauerhaft-depressive Stimmung und viel höllisches Gefühlschaos dank zweier top aufspielender Hauptakteure.
Scheiss-Spiel: auf einer Kreuzfahrt in die Türkei plaudert der an den Rollstuhl gefesselte Schriftsteller Peter Coyote mit dem chronisch überforderten Hugh Grant über sein Leben und die Frau darin: Emanuelle Seigner (zumindest damals Lebensgefährtin des Regisseurs, hier wie auch in „Die 9 Pforten" unschwer erkennbar an deren überschwänglicher Kamerapräsenz in allen Farben und Formen). Wie das halt so ist wenn ein abgewrackter, in die Jahre gekommener US-Schriftsteller, der sich in der Stadt der Liebe niedergelassen hat und eine Lowlife-Tänzerin an der Armutsgrenze kennen- und lieben lernt: kann nicht gut gehen. Erst gibt's übertriebene Leidenschaft mit freiwillig versabberter Milch seitens der Seigner und dem ganzen Programm hintendran, irgendwann hat Coyote die Schnauze voll und wird zum Sadisten, dann schlägt das Schicksal zu und er wird zum Krüppel woraufhin die Seigner gnadenlos zurückschlägt. Der Großteil des Films besteht aus nett gemachten und mit unheilvollem, emotionsreichem Score unterlegten Rückblenden, doch am Ende steht ein ungeschöntes Psychodrama mit drastischem Ausgang in der Gegenwart.
Nochmal zum stärksten Faktor des Films, nämlich den Darstellern:
Da wäre zunächst Peter Coyote, dessen testosterontriefender Auftritt dem Film allein schon ´nen Zehner auf der ofdb-Wertungsskala verpassen müsste: glaubwürdig und authentisch gibt er den nihilistischen, erfolglosen Lebenskünstler, macht eine Gitane nach der anderen platt (wenigstens mit Filter) und haut nicht nur gegenüber der Seigner Sprüche raus, für die man sich am liebsten gleich ein s/w-Poster von ihm im romantisch verklärten Closeup ins Zimmer hängen möchte. Das Gleiche würde man allerdings auch prompt von der Seigner tun, die zwar gegen ihren Filmgatten wenig Chancen hat, aber zumindest sehr wandlungsfähig durch die Kamera fiebert und gefühlsmäßig von A bis Z bei ihr alles mühevoll dargeboten wird. Und noch mal wegen der Milch: ihre erotischen Qualitäten sind nicht von der Hand zu weisen (das fand mit Sicherheit auch Roman Polanski selbst). Dann gibt es da noch das Filmehepaar Hugh Grant und Kristin Scott-Thomas. Letztere hat leichtes Spiel damit, die erzbiedere und ober-frustrierte Ehegattin abzugeben, die (zurecht, bei dem Seegang) meist nur am Maulen oder Kotzen ist und dem britischen Womanzier mehr als nur einen Grund gibt, ständig der Seigner hinterher zusteigen.
Insgesamt ist „Bitter Moon" womöglich einen Tick zu lang geraten und springt das ein oder andere Mal zu oft im vorhersehbaren Zickzack; macht aber nix, denn wie schon geschrieben ist mehr als genug Atmo da und Polanski beweist häufigst, dass die Inszenierung von emotionalem Chaos, Hassliebe und deren Folgen durchaus zu seinem Können gehört. Hart und trüb kann das Leben sein, vor allem wenn man damit schon viel zu früh abgeschlossen hat weil man beruflich einfach nicht aus dem Quark kommt. Eine Überdosis Zynismus tut dabei dem französisch-weiblichen Feingeist natürlich selten gut und so kommt es (vor den schockierten Augen der beiden Biederleute) natürlich zum bleihaltigen Eklat, welcher überraschenderweise sehr spontan und ohne viel Schnickschnack daher kommt. Kurz vorher wurde man zudem noch mit netten 80er-Hits von Lionel Richie sowie Bryan Ferry versorgt (wenn auch von einer Liveband gesungen), und so stimmt doch unterm Strich fast alles.
Zum Schluss noch ein hängen gebliebenes, für den Film beispielgebendes Zitat von Coyote (mit Gitane):
„Ich bin über 40, habe noch kein einziges Buch in meinem verdammten Leben verkauft und denke jeden Tag darüber nach, ob es nicht sinnvoller wäre, mich umzubringen damit ich endlich meine Ruhe habe. Glaubst Du, ich wäre ein besonders guter Vater?"
(zu der Seigner, nachdem sie ihm eine Schwangerschaft offenbart hat. Tja, das arme Kind...)