Review

„Déjà Vu“ - „Schon gesehen“ ist sicherlich einer der treffensten Titel, die ich je für einen Film gesehen habe – leider weniger für den Inhalt, als mehr für den Film als solchen...

In einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ las ich von Bruckheimers Gefühl für gute Stories und sein Statement, bei dieser Geschichte sofort „zugeschlagen zu haben“. Das erstaunt mich keineswegs, erkennt man doch eine Vielzahl beeindruckender Vorbilder aus denen „Déjà Vu“ lustig geräubert hat – angefangen bei dem eigenen „Staatsfeind Nr.1“ über „Zurück in die Zukunft“ bis zur typischen Stilisierung Denzel Washingtons zur Einzelkämpferfigur, die für „die Sache“ ordentlich Colatteralschaden verursachen darf – diesmal mit einem Hummer statt einer MG.

Auch der Beginn des Films ist vertraut – allerdings sind die typischen Tony Scott Bilder, die in unterschiedlicher Körnung, mit Farbfiltern und ständigen Schnitten hier die Szenerie vor einem verheerenden Attentat auf ein Ausflugschiff zeigen, überaus gelungen. Scott wendet diesen optischen Stil schon lange an und wirkt dabei meist willkürlich künstlerisch, aber hier erreicht er damit eine Dichte der Atmosphäre, die die tragischen Geschehnisse auf dem Mississippi vor der Kulisse New Orleans deutlich machen.

Überhaupt ist die Wahl dieser Stadt als Hintergrund von wesentlicher Bedeutung (und wird mit der Widmung an New Orleans Bevölkerung im Nachspann noch betont), denn sie gibt der Story eine melancholische Stimmung, eine Tiefe gekennzeichnet von Zerstörung, Verwahrlosung und dem darin wiedererstehenden Leben ,die alleine durch das Drehbuch nie erzielt worden wäre. Und dazu tragen Scotts Bilder stark bei ,denn im gesamten Film gibt es keine glatte Optik, alles wirkt immer leicht schmutzig und gebraucht. Übliche und schon oft gesehene Szenen – wie zum Beispiel die armeeartigen Polizistenhorden auf dem Weg zur Verhaftung des vermeintlichen Täters – bekommen eine ganz andere Wirkung einfach dadurch, daß sie in einem völlig von „Katrina“ zerstörten Wohngebiet stattfinden – so eine reale Atmosphäre können auch die besten Computer-Effekte nicht nachahmen.

Vielleicht wollten die Macher diesem Eindruck bewußt eine besondere technologische Neuheit gegenüber setzen, um zu zeigen, daß es auch in New Orleans wieder aufwärts geht. Dem alleine nach dem Attentat ermittelnden Agenten Doug Carlin (Denzel Washington) fallen schnell ein paar Ungereimtheiten auf. Besonders das die gefundene verbrannte Frauenleiche (Paula Patton) schon vor dem eigentlichen Attentat am Ufer des Mississippi angeschwemmt wurde, aber diese ausgerechnet ihn vor ihrem Tod noch telefonisch zu erreichen versuchte. Ebenso ist es merkwürdig, daß das Auto seines Partners auf dem Parkplatz für die Mittreisenden des explodierten Ausflugdampfers steht, obwohl dieser eigentlich weit weg im Urlaub sein sollte.

Washington spielt diese Rolle gewohnt leicht arrogant und einzelgängerisch, allerdings ohne das wir Zuschauer irgendwelche Hintergründe aus seinem Lebenslauf erfahren. Ähnlich rational reagiert er auch, als ihn das FBI mit „Schneewittchen“ konfrontiert, einem Computerprogramm, daß aus verschiedenen Satellitenblickwinkeln ein realistischen Abbild von Geschehnissen erzeugen kann, die genau viereinhalb Tage zurück liegen. Auf diese Art will das FBI die Ereignisse beobachten, die zu dem Anschlag geführt haben und so den völlig unbekannten Täter erkennen. Leider können sie immer nur einen bestimmten Punkt innerhalb des von den Satelliten erfaßten Bereiches anfahren und benötigen den ortskundigen, beobachtungsstarken Doug, um sozusagen am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein, auch wenn diese viereinhalb Tage zurück liegt.

Diese Szenen erinnern stark an den „Staatsfeind Nr.1“,die Überwachung erfolgt nur mit „verbesserter Technik“ - während aber damals durchaus ein realistisch anmutendes Bild der aktuellen Möglichkeiten des Überwachungsstaates gezeigt wurde (und damit in Maßen auch angeprangert), so wirkt die Technik hier absolut futuristisch, wenn auch sicherlich vorstellbar – als allerdings der Gedanke gefaßt wird, damit Eingriffe in die Vergangenheit vorzunehmen, verliert „Déjà Vu“ vollends seinen sonst stark betonten Kontakt zur Realität...

Dabei verfügt der Film immer wieder über Szenen von tadelloser Qualität, wie zum Beispiel die Beobachtung von Claire Cuchever, die durchaus als ungebührender Eingriff in eine Privatatmosphäre herüber kommt, weil sie fast pervers ist in ihrer Nähe zur überwachten Person. So erstaunt es weder, daß Claire sich beobachtet fühlt noch das Doug zum ersten Mal emotional berührt wirkt.

Insgesamt scheitert „Déjà Vu“an seiner Uneinheitlichkeit – so ist das erste Drittel ein gelungener Detektivfilm, der durch die Hinzuwendung der Technik im zweiten Drittel zwar futuristische Elemente bekommt,aber straight bleibt in seiner Suche nach dem Täter – doch die im letzten Drittel dann für Freaks sicher willkommene Grundlage für Diskussionen über die Auswirkungen von Eingriffen in das Zeitkontinuum (siehe sämtliche Zeitreise-Filme) lassen den gesamten Agententhriller im Nachhinein unglaubwürdig wirken.

Hier wird dieses Thema nicht spielerisch a là „Zurück in die Zukunft“ zelebriert, sondern eingebunden in eine ernsthafte Geschichte mit realem Hintergrund – und in diesem Zusammenhang fällt auch auf, daß sich die Macher vor lauter Freude an ihren diversen erzählerischen Mätzchen keine Mühe gegeben haben bezüglich der Charakterzeichnungen der Protagonisten und der näheren Betrachtung der Intention, die hinter dem Anschlag steht.

Fazit : Ein atmosphärisch gelungener Agententhriller, der vor der durch „Katrina“ zerstörten Kulisse New Orleans spielt, kongenial durch Scotts Optik mit melancholischen Tönen umgesetzt.

Doch die mit einem Attentat beginnende Story, die zuerst gewohnte Fahrwasser des Agententhrillers betritt, wird mit der Zeit zum immer futuristischer werdenden Spiel mit bekannten Mustern, die zwar unterhalten und in Maßen auch spannend sind, letztlich aber ein uneinheitliches Bild abgeben und dem Film damit jegliche Glaubwürdigkeit nehmen, besonders da die Macher vor lauter Storywendungen und eingebauter Überraschungen jegliche Tiefe in den Charakterzeichnungen vernachlässigen – eine Vielzahl guter Darsteller werden so zu reinen Stichwortgebern für den klar im Mittelpunkt stehenden Denzel Washington.

Letzlich ist „Déjà Vu“ ein Film, der seine gute Ausgangsposition durch übertriebene Effekthascherei verspielt und leider nicht mehr bietet als ein „Déjà Vu“ (6/10).

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