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Es gibt Regisseure, denen es vergönnt ist, nach einem großen finanziellen Erfolg, endlich einen Film genau so drehen zu dürfen, wie sie es wollen, ohne dass ihnen das Produktionsstudio in irgend einer Form dazwischen redet.
Dieses Privileg ist meistens nur von Dauer für einen Film, und nur die wenigsten haben das. Steven Spielberg beispielsweise hat dieses Recht eigentlich für jeden Film, doch er nutzt es nicht aus, aus reinem Profitkalkül. Stanley Kubrick hatte es auch für jeden seiner letzten Filme.
Diese sogenannte Carte Blanche ist gleichzeitig auch ein Bekenntnis des jeweiligen Studios zum Künstler und zeigt die Macht des Künstlers.

Nach "Der Letzte Tango in Paris" wurde Bertolucci die Ehre zu Teil, eben so eine Carte Blanche zu bekommen, da jener Film zu einem der erfolgreichsten Filme seines Produktionsjahres weltweit avancierte.
Und ungeachtet jeglicher möglicher negativer Konsequenzen für seine weitere Karrierre drehte Bertolucci mit dieser Carte Blanche im Rücken das Fünfstundenepos 1900.

In 1900 geht es eigentlich um die Entstehung und den Fall des Faschismus in Italien zwischen den beiden Weltkriegen anhand des Beispiels eines nicht näher benannten Landstrichs in der italienischen Provinz.
Dabei wird die Lebensgeschichte zweier Freunde (DeNiro und Depardieu) aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten erzählt. Während der Großgrundbesitzer (DeNiro) als Kapitalist die Bauern (unter anderem Depardieu) ausbeutet mit freundlicher Hilfe des Faschisten (Sutherland), welcher gleichzeitig seine Macht immer weiter ausbreitet, da anfangs von den Kapitalisten gedulded, später nicht mehr kontrollierbar, werden die Bauern zu Kommunisten.
So wird auch deutlich, dass der Faschismus nur deshalb gedeihen kann, da er von den Machthabern als kleineres Übel als der Kommunismus angesehen wird.


So weit so Gut, aber ist der Film gut?
Hier muß man ein definitives Jein an den Tag legen.

Als Roman, der Preise einheimsen will, würde er grandios funktionieren, es gibt intelligente Sprüche, Verweise, Parabeln, alles was eine grandiose Prosa-Erzählung braucht.

Als Film wirkt er bisweilen wie ein überdimensional langer Kommunistenpropagandafilm aus der Stalin-Ära. Sicherlich ist das nicht die Grundaussage des Films. Aber man kann nicht umhin, dies bemängeln zu müssen. Zu sehr zwischen den Zeilen ist die Grundaussage: Der Großkapitalismus/-industrialismus und das Bauerntum/Arbeitervölkchen sind aufeinander angewiesen und es wird immer gewisse Reibereien und Klassenkämpfe geben ohne dass einer den anderen besiegen könnte oder gar wollte. Der Faschismus war in diesem Kontext "nur" ein kleiner Zeitraum, der dies vergaß.

Und genau hier macht Bertolucci als großer Regisseur seinen größten Fehler: Der Faschist ist plötzlich da, wird als Monster ohne Gewissen dargestellt, der Katzen foltert und tötet, Witwen schändet und tötet, kleine Jungs vernascht und tötet, tötet und tötet.
Mag sein, dass das sogar gestimmt hat, aber ein Film von 5 Stunden Länge, der einen ca. Fünfundzwanzigjährigen Zeitraum betrachtet, sollte sich auch ein bißchen die Zeit nehmen und das etwas differenzierter betrachten.

Ansonsten muß man aber festhalten, dass der Film volle Kanne das abliefert, was er verspricht. Bertolucci macht keine Gefangenen, zieht sein Ding durch, als gäbe es kein Morgen, macht vor Größen wie Lancaster und Hayden keinen Knicks sondern gibt sie der Lächerlichkeit preis.
Selbst DeNiro und Depardieu laufen beinahe Gefahr, in einer schwulen pornographischen Beziehung zu versauern, die sehr graphisch ausgelebt wird.
Intelligent baut Bertolucci seinen Spannungsbogen immer wieder auf, vermag es nicht ganz durchzuziehen und dennoch gelingt ihm ein Spagat, alles zu erklären, wenn man den gut genug zuhört.

Und dabei braucht es eigentlich nur einen Satz, der jetzt aus Michael Ciminos "Der Sizilianer" entnommen ist: "Was du nicht verstanden hast, ist, das Volk wollte nie etwas anderes als Brot, kein Eigentum...."

Fazit: Zu Lang, zu geschwollen, zu ambitioniert, zu graphisch, gelegentlich zu oberflächlich.
An den Darstellern oder dem filmischen liegt es nicht, dass dieser Film nicht ganz oben ankommt, nur am Ego des Regisseurs.
Meinen Respekt hat er dafür und meine Sympathie erst recht, aber nicht meine Punkte.

6 Punkte

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