Review

Gerard Depardieu spielt den Sohn eines Bauern, der nach dem ersten Weltkrieg heiratet und, unterdrückt von einem sadistischen Verwalter, gespielt von Donald Sutherland, auch weiterhin als Landarbeiter am Existenzminimum leben muss. Sein alter Freund aus Kindheitstagen, gespielt von Robert de Niro, ist derweil in Besitz dutzender Plantagen und genießt das Leben in vollen Zügen, doch dann soll er für die Taten Verwalters zur Rechenschaft gezogen werden.

Das Auffällige an "1900" ist zunächst einmal die nahezu gigantische Laufzeit von rund 5 Stunden, die Kult-Regisseur Bernado Bertolucci nach "Der große Irrtum" und "Der letzte Tango in Paris" von seinem Studio schließlich zugestanden bekam. Dieses Zugeständnis ermöglichte ihm, ein wirklich großes, monumentales Epos auf die Leinwand zu bringen, was ihm trotz der guten Darsteller aber auch nur teilweise gelingt.

Zunächst einmal beeindruckt das überlange Sittengemälde vor allem durch einen hohen nostalgischen Flair, mit stilvoller, zeitgemäßer Musik, die den Film meist klasse unterlegt, der ländlichen Kulisse mit dutzenden Bauernhöfen, die ebenfalls sehr authentisch wirkt und einen hohen Schauwert erzeugt und mit einer hervorragenden Ausstattung, die ebenfalls zeitgemäß ins Jahr 1900 und folgende passt, der den Liebhabern nostalgischer Werke sehr gefallen wird und die ländliche Atmosphäre förmlich in der Luft liegen lässt. Der Zeitgeist wird ebenfalls sehr gut eingefangen, die Sitten, die politischen Einstellungen, vom Kommunismus, über Liberalismus, bis hin zum Faschismus werden genauso anschaulich und interessant aufgezeigt, wie die verschiedenen Gesellschaftsschichten und deren Rechte und Pflichten. Dabei enthält sich Bertolucci glücklicherweise jeglicher Wertung und überlässt dem Zuschauer, wer im Recht ist und welche der Gesellschaftsnormen angemessen sind.

Aber allein mit der Vermittlung des Zeitgeists kann man keinen fünfstündigen Film füllen und dies ist leider der Punkt, an dem Bertolucci schließlich an seine Grenzen stößt. Er kann einfach nicht durchweg unterhalten und leistet sich immer mal wieder schwächere und langatmige Phasen, vor allem in der Mitte des zweiten Teils, und verlangt dem Zuschauer somit sehr viel Geduld ab, wobei er stellenweise natürlich gut unterhalten kann. Der Film beginnt viel versprechend. Bei der Exposition ist der nostalgische Stil noch sehr ansprechend und unverbraucht, der Film baut innerhalb der ersten halben Stunde einen guten Unterhaltungswert auf, bis er im Mittelteil stellenweisen Leerlauf produziert. Zum einen kommen die langatmigen Passagen zustande, weil Bertolucci einfach zu viel Zeit für eher unwichtige Passagen aufbringt, sodass man fast das Gefühl bekommt, dass er Zeit schinden will, zum anderen verirrt er sich teilweise auf Nebenschauplätzen, ohne die der Film auch ausgekommen wäre und bringt die eine oder andere überflüssige Nebenfigur mit in sein Epos ein. Vielleicht wären vier Stunden dann doch die bessere Wahl gewesen, denn mehr als solide Unterhaltung bietet "1900" leider nicht.

Die Charakterkonstruktion ist dabei überaus vielschichtig geworden, zumal Bertolucci alle Zeit der Welt hat, um seine Figuren zu konstruieren und diese auch sehr produktiv dafür nutzt. die Handlung ist unvorhersehbar, schlägt immer mal wieder Harken, die man als Zuschauer nicht vorhersehen kann, läuft dann aber doch auf den Konflikt zwischen den beiden Hauptfiguren hinaus, der schon nach der ersten Stunde relativ offenkundig in der Luft lag. Wie erwähnt baut Bertolucci stellenweise ein paar überflüssige Nebenschauplätze mit ein und bremst den Film aus, aber alles in allem ist durchaus ein roter Faden erkennbar, an dem er sich solide bis zum Ende entlang bewegt.

Auch wenn "1900" nicht sonderlich gut unterhält und das Potential der Laufzeit nicht ausgeschöpft wird, ist Bertoluccis Konsequenz dennoch achtenswert. Nicht nur, dass er eine solche überlange Laufzeit wählt, an die sich nur ganz wenige seiner Kollegen getraut hätten, er zeigt auch ansonsten durchweg Konsequenz. Die Gewaltdarstellungen sind heftig und abschreckend und erzielen durchaus die verstörende Wirkung, die damit beabsichtigt wird. Die Sex-Szenen sind ebenfalls sehr freizügig und provokant inszeniert, wie man sie selbst heute nur selten findet, nicht umsonst ist "1900" immer noch FSK ab 18. Wie später bei "Die Träumer" bricht Bertolucci also mal wieder einige Tabus und vermittelt so ein noch höheres Maß an Authentik, Ehrlichkeit und Realismus.

Darstellerisch gibt es an "1900" absolut gar nichts zu bemängeln. Nach seiner ersten Arbeit unter Martin Scorsese in "Hexenkessel" und nach seinem Oscar-Gewinn für "Der Pate - Teil 2" besticht Robert de Niro einmal mehr mit einer makellosen Darstellung, die nichts zu wünschen übrige ist. Wie immer ist er dabei konzentriert und leistet sich keine Fehler, spielt intensiv und zeigt dabei ein großes Verständnis für seine Figur, deren Wandlung er perfekt darstellen kann. Mit "Die durch die Hölle gehen", "Taxi Driver" und "Wie ein wilder Stier" gelang de Niro in den kommenden Jahren der endgültige Durchbruch. Gerard Depardieu ist nach "Die Ausgebufften" ebenfalls in einer seiner frühen Rollen zu sehen und ist in der Rolle des Landarbeiters sehr sympathisch und kann sich, wie de Niro, mit einer makellosen Leistung weiterempfehlen. Donald Sutherland, der auch am Anfang seiner Karriere steht, spielt ebenfalls sehr gut und lässt schon hier seine Vorliebe für sadistische Feindbilder erkennen, das er später in "Backdraft", "Lock up" und "Outbreak" mehrfach spielte. Auch am übrigen Cast gibt es nichts zu bemängeln.

Fazit:
Bei Laufzeit, Sex- und Gewaltszenen zeigt Regie-Legende Bernado Bertolucci Konsequenz, konnte für seinen Epos drei brilliante Hauptdarsteller gewinnen, die allesamt durch "1900" einen Karriereschub bekamen und vermittelt mit der stilvollen Kulisse und der gelungenen Filmmusik einen nostalgischen Flair. Darüber hinaus überzeugt "1900" durchaus als anschauliches und teilweise vielschichtiges Sittengemälde einer bewegten Zeit, aber all dies kann leider nicht verhindern, dass der Film dem Zuschauer im Mittelteil sehr viel Geduld abverlangt, da er des Öfteren auf der Stelle tritt, weil Bertolucci offensichtlich Probleme damit hat, seine Laufzeit zu füllen. "1900" ist als einmaliges Filmprojekt sehenswert, schöpft sein Potential aber kaum aus und ist vor allem für Nostalgiker ein Fest.

60%

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