Eingefleischte Fans des japanischen Ausnahmekünstlers Shinya Tsukamoto sollten sich angesichts seines jüngsten Werks „Nightmare Detective“ auf eine herbe Enttäuschung gefasst machen. Nach dessen Sichtung mag es einem unglaublich erscheinen, ist aber wahr: Drehbuch, Produktion, Kamera, Schnitt und Ausstattung- für all diese Bereiche zeichnet sich Tsukamoto hier verantwortlich, tatsächlich hatte er also die vollkommene kreative Kontrolle über den Film inne. Das Resultat ist schon beinahe schockierend. Der Regisseur von unvergesslichen, kontroversen und eigenwilligen Filmkunstwerken wie „Tetsuo- The iron man“, „A snake of june“ und „Vital“ hat hier seinen Beitrag zur zunehmend ermüdenden japanischen Mystery-Horror-Welle a là „Ju-on“ und „Ringu“ gefertigt der nur in einigen wenigen Momenten den genialen Kopf erahnen lässt, dem dieses gescheiterte Projekt entsprungen ist.
Die Geschichte die der Regisseur- nicht gerade bekannt für stringenten Handlungsaufbau- uns bieder strukturiert erzählt ist Hausmannskost: Die hoch qualifizierte Polizistin Keiko (Popsängerin Hitomi) wird auf eigenen Wunsch ins Morddezernat abgestellt. Von ihren männlichen Kollegen mit Ausnahme des jungen Wakamiya (Masanobu Ando, „Big bang love: Juvenile A“) belächelt und von dem tristen Milieu, in dem sie und ihre Kollegen die grausig zugerichtete Leiche eines jungen Mädchens finden, abgestoßen schöpft sie als Erste Verdacht: Das Mädchen hatte sich zwar offenkundig selbst die Kehle durchtrennt, ein Nachbar meint aber, Hilfeschreie vernommen zu haben. Über Umwegen kommen Keiko und Wakamiya einem geheimnisvollen Unbekannten (Tsukamoto himself) auf die Spur, der mit dem Mädchen und auch einem weiteren, ähnlich verendeten Opfer kurz vor deren „Suizid“ telefonierte. Sie taufen ihn „0“. Um ihn zu orten muss sich einer der Polizisten am Telefon als potentieller Selbstmöder ausgeben. Doch Keiko erkennt die tödliche Gefahr dieser Aktion und macht den „Nightmare Detective“ (Ryuhei Matsuda) ausfindig, einen jungen Mann der die Gabe besitzt, in Träume einzudringen und sie zu steuern…
Ein Plot der sicherlich eher in die grenzenlosen Gefilde des Mangas gehört, jedoch tatsächlich die alleinige Schöpfung Shinya Tsukamotos ist. Geradlinig und unkompliziert erzählt, ohne Ecken und Kanten. Im Grunde ist die Versuchung enorm, „Nightmare Detective“ als belanglosen, traurigen Fehltritt seines Regisseurs abzuschreiben. Warum sollte sich ein Tsukamoto nicht ebenso wie etwa der zu ihm kongeniale David Cronenberg mit „A history of violence“ oder ein Dario Argento mit „The Card Player“ ein kreatives Strohfeuer leisten dürfen? „Nightmare Detective“ lässt sich jedoch nicht so ohne weiteres verdrängen. Um ihn auszublenden schimmert zu oft die Handschrift seines Schöpfers durch, um ihn wohlwollend im Gedächtnis zu behalten sind diese Momente jedoch zu dünn gesät.
Am interessantesten erscheint Tsukamotos Film wenn man in ihm eine abstrakt formulierte Kritik an der uniformen, antiindividuellen Gesellschaft japanischer Großstädte sieht. Die sterilen, kühl-blauen Straßenschluchten von Tokyo, die adrett und unauffällig gekleideten und auftretenden Menschen sowie die spartanischen Wohnungen fügen sich zu einem Bild lebensfeindlicher Umwelt zusammen die den Menschen seiner Persönlichkeit beraubt. Ein Indiz hierfür liefert Tsukamoto in einem Telefongespräch zwischen „0“ und Keiko. Um dem unbehaglichen Umfeld und der Gleichmachung zu entfliehen bleibt nurmehr der Freitod. Das Japan weltweit zu den Ländern mit den höchsten Selbstmordraten gehört, ist kein Geheimnis. Gerade unter jungen Menschen. Daher überrascht es nicht, das das erste Opfer ein unreifer Teenager ist. Fließen im Film also sogar gesellschaftskritische Strömungen mit? Man möchte es zu gerne glauben.
Omnipräsent sind die Oberpunkte Sterben und Selbstaufgabe in „Nightmare Detective“- und das sollte eigentlich ausreichen, um einen Bogen zu den vorangegangenen drei Werken des Regisseurs zu spannen. Doch jeder interessante Ansatz wird im Keim erstickt von inflationär eingesetzten, vorhersehbaren Schockeffekten, die- traditionell in diesem Subgenre- vor allem auf der Tonspur stattfinden, jedoch hier immerhin durch eine wahrhaft epileptische Kameraführung noch eine optische Entsprechung finden und immerhin für Momente eine gewisse Unruhe im Zuschauer beschwören. Überhaupt lassen die ansprechenden blaugrauen, kontrastreichen Impressionen, die Tsukamoto selbst eingefangen hat, gelegentlich die inhaltliche Konventionalität vergessen. In einigen wenigen Sequenzen erweist sich Tsukamoto selbst Referenz. So filmt er etwa eines der Opfer in strengem Gegenlicht aufrecht stehend und wild zappelnd, während Chu Ishikawa- seit „Tetsuo“ Hauskomponist des Regisseurs- pulsierende, vertraute Industrial-Klänge intoniert. Und das eindrucksvolle Finale entschädigt dann beinahe, leider aber eben nur beinahe für die Enttäuschung der vergangenen 70 Minuten und präsentiert sich genauso surreal und komplex wie man es sich eigentlich vom gesamten Film erhofft hätte. Vorwegnehmen möchte ich hier natürlich nichts. Es gibt glücklicherweise einige Momente in „Nightmare Detective“ die seine Existenz und Sichtung rechtfertigen und auf diese weise ich gerne hin, nicht aber ohne gleichzeitig zu warnen: Wer nach den starken Vorgängern mit zurecht hohen Erwartungen an den neuen Tsukamoto herantritt wird kaum glücklich mit ihm werden.
Einem Regisseur sollte man es nie vorwerfen wenn er ein in seinem Oeuvre neuartiges Terrain betritt. Das kann unter Umständen sogar eine Bereicherung sein und zu einer neuen Definition seines Stils führen. Wenn aber ein exzentrischer Autorenfilmer wie Shinya Tsukamoto seine hintersinnigen Visionen zu einem biederen J-Horrorfilm ummodelliert dann ist eine enttäuschte Reaktion durchaus legitim. In „Nightmare Detective“ spürt man sicherlich die Präsenz des Regisseurs und seines Gedankenguts, doch von den hochkonzentrierten Dosen, die er uns noch in „Vital“ und „Haze“ verabreichte ist nur noch ein laues Lüftchen geblieben. „Nightmare Detective“ ist leider ein Film mit schmalem Rückgrat von einem Regisseur der bislang vor allem für sein starkes Rückgrat vergöttert worden ist.