Der spanische Horrorfilm unter dem Franco-Regime ist so eine Geschichte für sich und was dabei heraus kam, war meistens diskutabel, aber selten hohe Qualität, wenn man mal von den berühmten reitenden Leichen absieht.
Eine kleine, löbliche Ausnahme stellt Eugenio Martins „Horror Express“ dar, der unter den glücklichen Umständen entstand, die zwei namhaftesten Hammer-Darsteller erneut in einer Produktion zu vereinen und auch prinzipiell ein ungewöhnliches Sujet anbieten zu können.
„Horror-Express“ spielt, wie der Titel schon vermuten läßt, in dem kleinen, aber meistens feinen Untergenre der Zug-Filme, konzentriert also den größten Teil der Handlung auf einen begrenzten, einen „closed room“, in dem die Figuren in ihrem Handlungsspielraum eingeschränkt sind.
Das sorgt schon, geschickt gemacht, vom Setting her für etwas Spannung und die wird hier auch tunlichst ausgespielt.
Dazu kommt, daß diese Produktion an sich mittels kurioser Ort- und Zeitwahl schon mal von Routineproduktionen regionaler Grenzen absetzt: obwohl eine spanische Produktion mit zwei englischen Hauptdarstellern spielt der Film 1906 in China (bzw. in der Mandschurei) und beschreibt eine Zugreise nach Rußland. So kann man Exotik auch definieren.
Auch wenn nicht alles perfekt ist, so ist die Story zumindest dazu angetan, einen 90 Minuten flott bei der Stange zu halten: der Archäologe Saxton (Christopher Lee) hat ein Fossil gefunden, daß mehrere Millionen Jahre alt sein könnte, eine Art Affenmensch, der aber schockgefroren/teilversteinert ist. In ihm wohnt jedoch das Bewußtsein eines außerirdischen Wesens, das über die (leuchtend roten) Augen die Bewußtseine anderer Menschen leersaugen kann und notfalls auch mal den Wirtskörper wechseln, falls man ihm auf die Spur kommt und den Wirt ausschaltet.
Da ist es natürlich prima, wenn man zur Zarenzeit in einer guten, alten Dampfzug durch die verschneite russische Wildnis brettert, das gibt reichlich Gelegenheit, mal das Licht zu dämpfen und und die glühenden Guckerchen einzusetzen – die Opfer läßt man dann regelmäßig mit weißen, blutumrandeten Augenhöhlen zurück. Da paßt es dann, wenn ein russischen Grafenpärchen mit neuester Metallentwicklung (ideal für große Hitze), ein Ingenieur, Polizisten und ein an Rasputin gemahnender Mönch, der ständig von Gott und Satan faselt, mit an Bord sind – schließlich muß man sich ja noch ein Raumschiff basteln.
Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein an diesem Express, zu schnell ist klar, wie der Hase läuft, der Augen-Effekt mit dem delirischen Todeskampf der Opfer wird geradezu inflationär eingesetzt und auf ein Rätselspiel, wer denn nun der aktuelle Übernommene ist, will man sich gar nicht erst einlassen, der Täter (gut erkennbar an einer haarigen Hand) ist stets gut erkennbar. Christopher Lee und Peter Cushing, die hier so etwas wie Kontrahenten mimen, spielen munter an den übrigen Darstellern vorbei, Lee im probaten arroganten Arschlochmodus und Cushing als geflissentlicher Souffleur, der auf die Verdächtigung, einer von ihnen könnte die Bestie sein, die legendäre Antwort: „Bestie? Bitte, wir sind Briten!“ gibt.
Er kriegt auch im Gepäckwagen eine muntere Hirnautopsie hin und sondert so flotte Theorien ab, wie die, daß das Wissen in den Gehirnfalten liegt, weswegen nach Aussagung auch nur wie frisch gebügelte Kunststoffsäckchen in der Hirnschale übrig bleiben.
Auf die letzten 20 Minuten präsentiert der Film dann noch einen Stargast in Form von Telly Savalas, der hier den Kosakenführer darbietet, wie üblich irgendwo zwischen Selbstironie, Theo Kojak und Sadist pendelnd und Bonmots verteilend, während er die gesamte Besatzung bei den Eiern hat.
Die ganzen Mystery-Dröhnung wird also leider nicht ausgespielt, was a la Agatha Christie wesentlich mehr Spaß gemacht hätte, aber einigermaßen horribel ist der Film dann doch und bietet am Ende noch viel Spaß mit Untoten und einer Zugentgleisung, wobei die verwendeten Modelle und Realaufnahmen auch den Trashfans viel Spaß bereiten werden.
Ergo ein nicht makelloser, aber doch rundum knorker Kostümschinken, der die „Ich würz meinen Horror jetzt mal Miniröcken“-Exponate jener Zeit eines Besseren belehrt. (7/10)