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Nach einer wahren Begebenheit: 1965 überträgt ein Schaustellerpaar seine beiden Kinder in die Hände einer armen, allein erziehenden Mutter, gespielt von Catherine Keener. Die unter Asthma leidende Alkoholikerin will die 16jährige Sylvia, gespielt von Ellen Page, für diverse Lappalien bestrafen und schließt sie in den Keller, wo sie diese schlägt und foltert. Schnell finden ihre anderen Kinder Spaß an Sylvias Martyrium und schlagen diese ebenfalls, bis schließlich die gesamte Nachbarschaft an den Folterungen teilnimmt und Sylvia am 26.10.1965 stirbt.

Zunächst einmal ist es überaus mutig von Regisseur und Drehbuchautor Tommy O`Heaver, sich mit diesem heißen Eisen und dem bis heute schwersten Verbrechen in der Geschichte von Illinois, zu befassen und dem Verbrechen an der 16jährigen Sylvia Likens ein filmisches Mahnmal zu setzen und er wählt den einzig richtigen Weg, sich mit der Materie zu beschäftigen, nämlich über die Fakten. O´Heaver hält sich bei seinem Drehbuch genau an die Zeugenaussagen und Fakten des Falls und dichtet nichts dazu und erspart dem Zuschauer nervige Übertreibungen, zumal der Film auch so schon schwer genug zu verdauen ist. Die Charakterkonstruktion ist dabei ordentlich und realistisch gelungen und die Lebensverhältnisse der Gertrude Baniszewski, die Sylvia zu Tode folterte sind anschaulich und detailgetreu dargestellt. Kurz vor Schluss stellt sich O´Heaver dann die Frage, was gewesen wäre, wenn doch jemand die Courage gehabt hätte, Sylvia zu retten, womit das ernüchternde Ende noch dramatischer und verstörender zur Geltung kommt. Das parallele Verhör der einzelnen Personen passt ebenfalls gut in den Film und ist eine überaus galante Verknüpfung für die einzelnen Abschnitte von Sylvias Martyrium. Einen Fehler macht O´Heaver aber dennoch. Er stellt die menschlichen Abgründe, die zu Sylvias Tod führten gelungen dar, beschäftigt sich aber kaum mit den Gründen hierfür. An dieser Stelle hätte er die Gründe für diese abscheuliche Tat vielschichtiger darstellen müssen und vielleicht etwas weiter denken sollen, als die Fakten gehen.

Die Umsetzung gelingt O´Heaver ebenfalls gut. Er zeigt viele der Folterungen, die an Sylvia vorgenommen wurden, wird dabei aber glücklicherweise nicht zu geschmacklos, stellt die Taten aber brutal genug dar, um schockieren zu können. Das Erzähltempo hält er relativ hoch und kann somit bestens unterhalten. Er steigert sowohl Spannung als auch Dramatik zum Ende hin und macht den Film somit auch für Zuschauer schmackhaft, die die Geschichte bereits aus den Medien kennen. Die Musik ist schön nostalgisch, passt mit ihrer Heiterkeit aber nicht so richtig in den tristen Film. In der zweiten Hälfte des Films baut er eine überaus gespannte Atmosphäre auf und "An American Crime" beginnt den Zuschauer zu fesseln, zu verstören und zu faszinieren. Die Kulisse ist sehr gut gelungen. Der Film spielt in einem relativ wohl gesitteten Vorort, in dem man solche menschlichen Abgründe kaum erwarten würde, womit der Zuschauer schnell erahnen kann, warum kaum ein Außenstehender das Verbrechen bemerken konnte. Gleichzeitig stellt O`Heaver aber auch dar, wie alle Nachbarn die Schmerzensschreie des Mädchens ignorierten und appelliert damit relativ geschickt an die Courage des Zuschauers. Durch die parallel gezeigten Gerichtsszenen können die einzelnen Stellen gut miteinander verknüpft werden, wobei der Film aber vor allem in der ersten Hälfte aufgrund seines episodenhaften Erzählstils nur langsam Spannung aufbauen kann.

Mit ihrer Nebenrolle in "X-Men: Der letzte Widerstand", ihrer Oscar-Nominierung für "Juno" und ihrer Hauptrolle in "American Crime" gehört die 21jährige Ellen Page zu den wohl aussichtsreichsten Talenten in Hollywood und auch in diesem Film stellt sie dieses Talent unter Beweis. Sie spielt hervorragend und erregt das Mitleid des Zuschauers mit ihrer netten und freundlichen Art und ihrem zerbrechlichen Äußeren überaus geschickt. Und auch Catherine Keener kann nach ihren überaus starken Leistungen in "Being John Malkovitch" und "Capote" durchaus überzeugen. Glücklicherweise spielt sie ihre Rolle nicht zu diabolisch und liefert kein perfektes Feindbild, da diese Darstellung einfach zu eindimensional gewesen wäre, stattdessen gibt sie sich sichtlich Mühe, ihre Figur mit allem positiven und negativen Seiten zu spielen. Der übrige Cast, zu dem unter Anderem James Franco gehört, ist ebenfalls gut.

Fazit:
Zum Glück hält sich Regisseur und Drehbuchautor Tommy O`Heaver an die ernüchternden Fakten des Falls und präsentiert diese mit einer spannenden Inszenierung und mit zwei starken Hauptdarstellern. Damit erzielt er eine Faszinierende, Schockierende und Verstörende Wirkung und setzt dem Martyrium der Sylvia Likens ein gelungenes Mahnmal, dass man sich nicht entgehen lassen sollte.

82%

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