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"Ich glaube der Grund wieso sie nicht geweint hat ist, dass sie nicht genug Wasser hatte."

"An american crime" basiert auf Auszügen der Gerichtsverhandlung und Zeugenaussagen eines Verbrechens von 1965 / 66 in Indianapolis, welches auch heute noch als eines der schrecklichsten überhaupt gilt.

Im Sommer 1965 überlassen Betty und Lester Likens ihre beiden Töchter Sylvia (Ellen Page) und Jennifer (Harley McFarland) der Obhut von Gertrude Baniszewski (Catherine Keener) für 20 Dollar die Woche, da sie mit einem Jahrmarkt auf Tour gehen. Gertrude selbst ist mit ihren eigenen sechs Kindern bereits hoffnungslos überfordert, leidet unter Astma und kann nur kleine Haushaltsjobs annehmen, was sich auf ihre Psyche niederschlägt. Die beiden Geschwister freunden sich mit Gertrudes Kindern an, gerade Sylvia und Paula (Ari Graynor) beginnen ein sehr verständnisvolles Verhältnis. Dies dreht sich allerdings als Sylvia und Paula durch deren gebeichtete Schwangerschaft in Streitigkeiten geraten. Die labile Gertrude bezichtigt Sylvia schlechten Einfluss auf ihre Kinder zu haben und nutzt die die wehrlose Jennifer für ihre Zwecke Sylvia zu bestrafen. Anfangs nur mit Schlägen, später durch einschließen in den Keller und weiteren Misshandlungen. Und schon bald beteiligen sich auch die Kinder an diesem "Spiel".

Der Film hat bereits vorweg für Aufsehen erregt und durchweg überragende Kritiken eingeheimst. Dies liegt natürlich insbesondere an dem heiklen Stoff selbst und einer großartigen Leistung der Schauspieler mit den tragenden Figuren.
Im Gegensatz zu "Jack Ketchum's Evil", welcher dem gleichen Verbrechen zugrunde liegt und den Fokus auf die Folter selbst setzt, erzählt "An american crime" rückwirkend aus einer Gerichtsverhandlung aus und beschäftigt sich eher mit den Personen und dem Fall selbst. Die Rekonstruktion der Vergangenheit wird immer wieder durch die Zeugenaussagen der Beteiligten unterbrochen, welche die Anspannung des Verbrechens für kurze Zeit pausiert und dem Zuschauer die Möglichkeit gibt durchzuatmen.
Die Erzählung selbst ist sehr einfühlsam und emotional sowie verstörend aufgebaut. Die nostalgisch, ruhige Musikuntermalung bleibt unaufdringlich im Hintergrund wodurch man sich völligst auf die Bilder konzentrieren kann.

Wer auf Blut und Qualen setzt wird hier nur geringfügig befriedigt. Regisseur Tommy O'Haver schockt das Publikum nicht mit Blutfontänen oder anderen bildlich dargestellten Gewalttätigkeiten. Die Folterungen selbst sind nur kurzzeitig oder im Off zu "sehen". Stattdessen wird die kurze Wirkung der Bilder durch Schmerzensschreie und eine trostlose, rauhe Umgebung untermauert.
Wenn man bedenkt, dass die Schläge und Folterungen durch Verbrennungen anhand einer Zigarette bis hin zu sexuellem Missbrauch tatsächlich so stattgefunden haben, entsteht der Schrecken sowieso bereits im Kopf. Hierzu ist eine bildlich überdimensionierte Darstellung also nicht notwendig.

Die Heiterkeit zu Beginn weicht recht schnell einer angespannten Situation, die sich immer weiter hoch bauscht und gegen Ende sehr dramatisch wird. Wer sich vorher noch nicht mit dem Fall beschäftigt hat den erwartet eine überaschende Wendung in Form einer Traumsequenz.

Ellen Page, die bereits in "Hard Candy" und "Juno" oscarverdächtig schauspielert, verkörpert das gepeinigte Opfer, anfangs noch mit einem heiteren, lebenslustigen Lächeln auf den Lippen, später mit verquollenen, halb zu gekniffenen Augen. Mit einem Wort: Genial! Catherine Keener ("Being John Malkovich", "Adaption", "8MM") schlägt als labile, verstörte Gertrude in die gleiche Kerbe, auch wenn ich sie für die Rolle einer Mittdreißigerin als beinahe 50-jährige unpassend finde. Durch dieses Gespann gehen die restlichen Akteure recht unter, insbesondere Ari Graynor und Harley McFarland denen noch recht viel Screentime zur Verfügung steht. James Franco ("Spiderman 1 bis 3") als Geliebter von Gertrude ist allenfalls als nette Dreingabe zu sehen.
Glücklicherweise lässt das Drehbuch den Darstellern genug Zeit ihre Figuren nahe zu bringen und auszuarbeiten, was dem Verständnis und dem Filmereignis zu gute kommt.

O'Haver zeigt uns eine rauhe Zeit voller menschlicher Abgründe, nicht plakativ aber durch die passend verstörende Atmosphäre wirksam genug. Die überragende Leistung der Schauspieler verdeutlicht die bedrückende Atmosphäre. Trotz allem habe ich mehr Dramatik bei diesem brisantem und anspruchsvollen Thema erwartet.

7 / 10

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