“Falsche Fährten”
„Wie weit würden Sie gehen?“ Dieser Untertitel auf dem Filmplakat trifft den Kern des Films erheblich genauer, als der eigentliche, eher nichts sagende Titel: Verführung einer Fremden. Dieser lässt den Zuschauer am ehesten einen Erotikthriller im Stil von Basic Instinkt (1992) oder Sliver (1993) erwarten (der Originaltitel Perfect Stranger kommt ohne sexuelle Untertöne daher, passt allerdings noch weniger). Eine Erwartung, die sich nicht erfüllen wird. Zwar spielt Erotik durchaus eine Rolle, allerdings nicht als Leitmotiv. Vielmehr geht es um Lügen, Geheimnisse sowie das Ausloten bzw. Überschreiten diverser Grenzen.
Somit legt der Film bereits bei der Vorankündigung die erste falsche Fährte. Ob dies nun beabsichtigt war, wollen wir einmal dahingestellt sein lassen, riskiert man doch eine Menge enttäuschter Fans des oben erwähnten Genres. Jedenfalls kann man die Täuschung durch den Filmtitel durchaus als Teil des filmischen Wirkungsgeflechts sehen, ist doch die Irreführung - und zwar sowohl der Zuschauer wie auch der Charaktere innerhalb der Filmhandlung - ein zentrales Motiv des vorliegenden Thrillers.
Folgerichtig bekommen wir es auch mit einem Trio höchst zwielichtiger Protagonisten zu tun. Jede der drei Hauptfiguren hat in irgendeiner Form „Dreck am Stecken“. Halle Berry als sensationslüsterne Enthüllungsjournalistin ist in ihrem „Aufklärungseifer“ alles andere als zimperlich. Giovanni Ribisi als freakhafter Computerexperte im Hintergrund leidet unter Alkoholismus und diversen Obsessionen. Schließlich Bruce Willis als notorisch fremd gehender Werbeboss, der vornehmlich durch Überheblichkeit, Arroganz und Jähzorn „glänzt“. Keiner der drei ist ein Sympathieträger im klassischen Sinn. Jeder hat recht ordentliche Ecken und Kanten. Das mag für manchen Zuschauer verwirrend oder gar unbefriedigend sein, macht aber m.E. auch den Reiz des Films aus und wirkt letztlich lebensechter. Natürlich sind die Figuren in ihren „Schattenseiten“ klischeehaft und überzeichnet, aber zumindest nicht eindimensional.
Das Handlungsgerüst ist schnell erzählt und kann aufgrund der Gefahr zahlreicher Spoiler nur angerissen werden. Die Reporterin Rowena Price (Halle Berry) ist spezialisiert darauf, die dunklen Seiten bekannter Persönlichkeiten schonungslos offen zu legen. Als nach der brutalen Ermordung einer Jugendfreundin der New Yorker Werbehai Harrison Hill (Bruce Willis) in Verdacht gerät, nimmt sie die Fährte auf. Obwohl glücklich verheiratet, schart Hill zahlreiche attraktive Frauen um sich und verkehrt in diversen Partner-Foren im Internet. Auf diese Weise hatte er auch Prices Freundin kennen gelernt, mit der er anschließend eine kurze Affäre hatte. Mit Hilfe des Computerexperten Miles (Giovanni Ribisi) versucht die Journalisten sowohl über Online-Flirts wie auch als Neuzugang in Hills Firma an den Womanizer heranzukommen und ihn zu überführen.
Die Darstellerleistungen sind fast ausnahmslos überdurchschnittlich. Ribisi spielt solche Rollen scheinbar mühelos (Basic 2003) und bringt den ambivalenten und zerrissenen Charakter seiner Figur durch und durch überzeugend auf die Leinwand.
Auch Bruce Willis glänzt wieder einmal durch enorme Spiellaune. Gerade wenn er nicht die Last des Hauptdarstellers tragen muss, läuft er häufig zu absoluter Höchstform auf (so geschehen in Pulp Fiction 1994, Sin City 2003 oder vor kurzem in Lucky # Slevin 2006). Darüber hinaus genießt er es offenbar, hin und wieder das arrogante Arschloch zu mimen (zuletzt 1998 in Ausnahmezustand). Weit davon entfernt lediglich kaputte Actionhelden spielen zu können, gibt Willis eine absolut glaubwürdige und überaus unterhaltsame Vorstellung als schillernder aber zwielichtiger Werbehai Harrison Hill. Er schafft es zudem, seine Figur trotz zahlreicher Fehler letztlich zu einer Art Sympathieträger zu machen. Man ist als Zuschauer dann auch regelrecht enttäuscht, dass Hill am Ende des Films so schnöde (vom Drehbuch) fallen gelassen wird.
Lediglich Halle Berry fällt etwas aus dem Rahmen. Obwohl oscarprämiert, offenbart sie wieder einmal ihre arg limitierten mimischen Fähigkeiten. Berry sieht in erster Linie verdammt gut aus, kann aber den ebenfalls undurchsichtigen Charakter ihrer Filmfigur nur bedingt glaubhaft darstellen. So hat sie zwar die meiste Screentime, bleibt aber letztlich die uninteressanteste und blasseste Figur des Hauptdarstellertrios.
Der mancherorts erhobene Vorwurf der Film würde sexuelle Obsessionen reißerisch, sensationslüstern und simplifizierend darstellen, geht m.E. an den Intentionen der Macher vorbei. Diese Problematik dient lediglich als Hintergrundthema. Verführung einer Fremden ist ein Whodunit-Thriller, und keine Psychostudie menschlicher Leidenschaften bzw. seelischer Abgründe. Entertainment steht im Vordergrund und hier kann der Film auch punkten.
Regisseur James Foley (Die Kammer 1996, Corruptor 1999) baut langsam aber stetig Spannung auf, legt diverse falsche Fährten und liefert einen Schlusstwist, der das Gesehene komplett auf den Kopf stellt. Natürlich wirkt der Plot um des finalen Überraschungscoups willen reichlich konstruiert und sicherlich auch etwas an den Haaren herbei gezogen. An dieser Problematik kranken allerdings viele Vertreter dieses Genres, was dem Unterhaltungswert der Streifen meist aber keinen Abbruch tut. Diese Filme sind keine realitätsnahen Verbrechensstudien, sondern Kommerzprodukte, die ihre Zuschauer für zwei Stunden fesseln wollen. Stirb Langsam (1988) zeigt auch nicht den ganz normalen Arbeitsalltag eines New Yorker Polizisten. Da würde das Gros der Kinobesucher nach spätestens 10 Minuten sanft entschlummern.
Diese Gefahr besteht bei Verführung einer Fremden nicht. Die bedrohliche Atmosphäre des Films - zusammen mit den zahlreichen Twists - hält den Zuschauer bis zum Schluss bei Laune. Wer undurchsichtige Krimipuzzles mag, kommt mit Sicherheit auf seine Kosten. Natürlich hat man Ähnliches schon häufiger und teilweise auch besser gesehen, unterhaltsam ist es allemal. Bestimmt kein Genreklassiker, aber ein klassischer Genrefilm.
Fazit:
Regisseur James Foley ist mit Verführung einer Fremden ein zwar konstruierter, aber durchweg spannender und unterhaltsamer Thriller gelungen. Der Film lebt von seiner sich langsam steigernden, bedrohlichen Grundstimmung sowie zahlreichen falschen Fährten, die den Zuschauer bis zum Schlussknall auf Trab und bei Laune halten. Die Charaktere sind zwar etwas schablonenhaft, aber erfreulich mehrdimensional angelegt und bleiben bis zum überraschenden Finale auch sämtlich undurchschaubar. Das Hauptdarstellertrio ist ideal besetzt. Giovanni Ribisi gibt eine gewohnt überzeugende Performance als ambivalenter Freak, Bruce Willis glänzt als arroganter Playboy und Wirtschaftsboss durch enorme Spielfreude und Leinwandpräsenz. Halle Berry schließlich kann zwar schauspielerisch nicht mithalten, ist aber erneut eine Augenweide.
(7,5/ 10 Punkten)