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Es gibt Filme, die einfach falsche Erwartungen wecken müssen. Zu denen gehört auch "Rat mal, wer zum Essen kommt" von Stanley Kramer, der allein schon durch seine Besetzung und den Titel den Anschein erweckt, eine dieser typischen, leichtverdaulichen Komödien zu sein wie sie Hollywood in den 50er und 60er Jahren zuhauf produzierte, bevor sich der Wind drehte und die Zuschauer schonungslosere Kost vom Schlage eines "Bonnie und Clyde" verlangten. Nichts könnte dabei falscher sein, als "Guess who´s coming to dinner" (so der Originaltitel) in die seichte Comedysparte zu schieben. Und ein Blick auf den Inhalt, lässt denn auch erahnen, warum das so ist.

Die 23-jährige Joey (Katharine Houghton) schwebt vor Glück auf Wolke Sieben. Der Grund: John Wade Prentice (fabelhaft: Sidney Poitier), der erst vor wenigen Tagen auf Hawaii ihr Herz im Sturm erobert hat. Für Joeys Eltern Matt (grandios wie immer: Spencer Tracy) und Christina Drayton (Katharine Hepburn) völlig überraschend, tauchen die beiden in San Francisco auf und stürzen sie in eine regelrechte Krise. Abgesehen davon, dass das Liebespaar so bald wie möglich heiraten will, tut sich noch ein weiteres Problem für alle Beteiligten auf: Johns Hautfarbe, denn er ist schwarz...

Die Geschichte klingt für eine Komödie recht brisant. Und so verwundert es auch nicht, dass die ernsten Tönen überwiegen und humorvolle Szenen sehr dosiert daherkommen. Handelt es sich doch vielmehr um eine Tragikomödie. Immerhin dreht sich hier alles um Vorurteile und Intoleranz, wobei diese Gefühle selbst bei dem sonst so liberalen Ehepaar Drayton zu Tage treten. Darin liegt eine große Stärke des Films, denn wie leicht hätte man Joeys Eltern als engstirnige, rassistische Heuchler einführen können, neben denen Sidney Potier dann umso gutherziger gewirkt hätte. Gut, dass darauf verzichtet wurde, denn so ist "Guess..." viel differenzierter geraten, was das Interesse an dem Ausgang der Geschichte noch viel mehr steigert, als dies bei einer flacheren Charakterzeichnung möglich gewesen wäre. Dabei ist der Grundton überraschend ernst gehalten, was Stanley Kramer und Co. auch konsequent durchziehen. Dadurch erhält der Film streckenweise schon fast die Atmosphäre eines Kammerspiels, trägt sich der Großteil der Handlung doch im Hause der Draytons zu (wogegen nur wenige Szenen außerhalb spielen).

Das Drehbuch erweist sich in diesem Zusammenhang als sehr dialoglastig, was zwangsläufig auch kleinere Längen mit sich bringt, über die man, in Anbetracht der Story und Darsteller, aber problemlos hinwegsehen kann. Trotz einer Vielzahl beeindruckender Wortgefechte (was jedoch nicht im Sinne der Screwball-Comedys gemeint ist), u. a. prägt sich dabei die intensive Auseinandersetzung zwischen John und seinem Vater ein sowie sämtliche Szenen mit Johns Mutter, hapert das Skript jedoch auch an mancher Stelle. So wird z. B. die Figur der Haushälterin Tilly, ebenfalls eine Schwarze, mit ihren Kommentaren gegen John, den sie für einen arroganten Emporkömmling hält, etwas verschenkt. Zumal sich ihre Auftritte auf einem sehr schmalen Grat zwischen Humor und Ernsthaftigkeit bewegen, wobei die Geduld des Zuschauers mit dieser Person auch leicht überstrapaziert wird. Andere Momente (wie der, in dem Tracy und Hepburn in die Stadt fahren, Eis essen und unabsichtlich den Wagen eines anderen Farbigen rammen) sind grenzwertig, da mitunter in der Symbolik allzu offensichtlich, was aber nur zeigt, wie schwierig der Umgang mit diesem Thema in einem Film ist, der auch humorvolle Aspekte beinhalten soll. Darum muss man dem Drehbuch auch ein Lob aussprechen. Allein schon dafür, dass es eine solche Problematik vielschichtig beleuchtet und den Zuschauer somit nicht nur unterhält, sondern zum Nachdenken anregt.

In den Händen von Stanley Kramer wird daraus ein ordentliches Stück Starkino, obgleich der Regisseur von "Flucht in Ketten" (ebenfalls mit Poitier) und "Urteil von Nürnberg" schon besser inszeniert hat. Die Souveränität, intelligente Dialoge und starke Darsteller im rechten Licht erscheinen zu lassen, beherrscht er aber ohne Zweifel.

Spencer Tracy konnte schon in "Wer den Wind sät" und dem "Nürnberg"-Film unter der Regie Kramers brillieren. Hier tut er es erneut und liefert eine durchweg glaubwürdige, facettenreiche Darbietung ab, das Porträt eines Mannes, der mit seinen inneren Zwängen zu kämpfen hat. Sidney Poitier verblasst neben ihm keineswegs, sondern bietet eine beeindruckende Vorstellung und hat nicht nur die sympathischste Rolle inne, sondern den für die damalige Zeit womöglich auch noch am Hervorragendsten entwickelten afroamerikanischen Part. Katharine Hepburn kann da leider nicht ganz mithalten. Zumal ihr Charakter auch noch stark am Wasser gebaut ist und somit in so gut wie jeder zweiten Szene Tränen in den Augen hat, als würden ständig die Dämme zu brechen drohen. Ihrer Filmtochter Katharine Houghton fällt es ebenfalls schwer mit den Herren der Schöpfung mitzuhalten, was aber in erster Linie ihrer mitunter etwas zu naiven Figur geschuldet ist und der Tatsache, dass sie kaum etwas Essenzielles zu tun bekommt.

Fazit: Ein Meisterwerk ist Stanley Kramer mit diesem bedrückenden, anrührenden und stark gespielten Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit nicht gelungen. Wohl aber ein kleines Juwel, das auch mehr als 40 Jahre nach seiner Entstehung von Bedeutung ist. Hier wird nicht immer perfekt, aber dafür sehr ambitioniert beleuchtet, unter welchen Umständen Rassismus entstehen kann. Auch da, wo man ihn gar nicht für möglich hält. Trotz dem etwas konstruierten Handlungsverlauf (Joey und John haben innerhalb von gerade mal 10 Tagen beschlossen zu heiraten und geben Joeys Eltern einen knappen Tag Zeit für ihre Einwilligung, wobei zum Abendessen auch noch Johns Eltern eintreffen), bleibt der Zuschauer bis zum Ende und darüber hinaus gefesselt. Eben weil die Macher nicht immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen und stattdessen Mut zum Risiko beweisen, indem sie unangenehme Fragen aufwerfen, denen sich auch manch einer von uns gerne entziehen würde, weil das ja soviel einfacher wäre, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Somit immer noch ein wichtiger, sehenswerter Film. Gewissermaßen Hollywoodkino mit Herz und Hirn!
7,5/10 Punkten

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