Review

"Stiefel, die den Tod bedeuten" - im Ausdenken blöder Titel waren deutsche Verleiher immer schon spitze. "Blind Terror" bzw. "See No Evil" kommen der Sache doch schon bedeutend näher. Im Gegensatz zu seinem Vorläufer gelangte der Film allerdings schon kurz nach seiner Fertigstellung in die deutschen Kinos, in einer recht passablen Synchronfassung aus München (lediglich die korrekte Aussprache des Namens "Sarah" war offenbar ein Problem, sie reicht vom korrekt-britischen "Särra" über das deutsche "Sara" bis zu "Zara").

Auch diese Story gewinnt heute keine Originalitätspreise mehr, und selbst damals war sie nicht mehr neu, da der "Blinde-Frau-in-Not"-Klassiker überhaupt, "Warte, bis es dunkel ist", 4 Jahre vorher entstand. Sarah kehrt nach einem Reitunfall, der sie das Augenlicht gekostet hat, in den Schoß der Familie zurück. Sie wird von allen Seiten bemuttert und umsorgt, und ihr Freund Steve, der ein nahegelegenes Gestüt betreibt, schenkt ihr ein neues Pferd. Am nächsten Tag reiten beide zusammen aus, und als Sarah heimkehrt, glaubt sie sich im stillen Haus allein. Doch ihre Verwandten sind nicht ausgegangen, sondern liegen tot im Haus verteilt. Bis Sarah das jedoch herausfindet, ist der Killer schon wieder zurück, denn er hat etwas verloren...

Ebenso wie sein Vorgänger "And Soon the Darkness" a.k.a. "Tödliche Ferien" wirkt auch dieser Film heute wie eine oft kopierte Handlungsschablone, aber es ist halt ein Konzept, das trotz mangelnder Originalität immer noch für einen Schocker gut ist - wenn man weiß wie. Außer Clemens, der wieder das Drehbuch schrieb, war das Team hinter der Kamera ein gänzlich anderes, aber hatte durchaus das nötige Potential, aus der Geschichte etwas zu machen.

Und auch hier ist es die Inszenierung, wo der Film alles gibt. Die Kamera versucht (durchaus erfolgreich), einen Teil von Sarahs Blindheit (und damit ihrer Unsicherheit) auf den Zuschauer zu übertragen, indem sie Details immer knapp außerhalb des Bildausschnitts stattfinden läßt. Über weite Strecken wird auch ohne Musik gearbeitet, die Leichen werden so nüchtern und realistisch präsentiert, daß die Wirkung umso schockierender ist. So mutet es auch recht makaber an, daß Sarah unwissend eine ganze Nacht zwischen den Toten verbringt (ihre Cousine liegt nur ein Bett weiter) und mit traumwandlerischer Sicherheit barfuß zwischen Glasscherben herumspaziert. Identifikationspotential wie Pamela Franklin bietet Mia Farrow zwar nicht (dafür ist ihre Situation zu speziell), aber man mag sie und möchte nicht, daß ihr etwas passiert. Wo das Skript dann wieder schwächelt, ist die Auflösung, nachdem sich der Hauptbelastete, ein Zigeuner, der ein Auge auf Sarahs Cousine geworfen hatte, als unschuldig entpuppt. Der Täter wird einfach aus dem Hut gezaubert, obwohl er zuvor nur kurz am Rande aufgetaucht ist. Auch seine Motivation bleibt im Dunkeln, abgesehen won einer gewissen Gewaltbereitschaft (man sieht ihn, bzw. seine titelgebenden Stiefel am Anfang ein Kino verlassen, in dem Filme mit Titeln wie 'Rapist Cult' und 'The Convent Murders' laufen, später vergeht er sich am Auto von Sarahs Onkel, bis es schließlich zum komplett off-screen stattfindenden Familienmassaker kommt). Die Idee mit den Stiefeln lieh sich Spielberg übrigens ein Jahr später für sein Spielfilmbedüt "Duell" aus, viel mehr bekommt man vom dortigen Schurken auch nicht zu sehen.

Mia Farrow war schon im Genre bewandert, immerhin drehte sie 4 Jahre zuvor mit Polanski "Rosemarys Baby", und ihre Performance kann man guten Gewissens als gelungen bezeichnen. Sie ist dann auch schon der zugkräftigste Name im Cast, ansonsten sind es wieder die bewährten englischen Film- und Seriengesichter, denen man ihre Arbeit nicht erklären muß. Den Mittelteil muß Farrow dann auch größtenteils allein tragen (sieht man mal von den Beinen des Killers mit ihren totschicken (höhö!) Stiefelchen ab), und das gelingt ihr auch recht gut.

Fazit:
"See No Evil" (so lautet der Titel der mir vorliegenden DVD aus UK, die aber auch den deutschen Ton enthält) erfindet sicher das Rad nicht neu, liefert aber spannende Unterhaltung und einige memorable Szenen ab. Was ihm gegenüber "And Soon..." vielleicht fehlt, ist Identifikationspotential bei der Hauptfigur, und manchmal läßt er sich doch etwas zuviel Zeit (der Ausritt von Sarah und ihrem Freund; der allgemein lange Zeitraum zwischen dem ersten Zeigen der Leichen und deren Entdeckung durch Sarah; die Episode mit den Zigeunern). Dennoch ein mehr als achtbarer Genre-Beitrag. Als einstündige Serienepisode wäre er vermutlich perfekt.

7,5 von 10 blutigen Glasscherben.

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