Ein Marilyn Monroe-Film mit einer untypischen Monroe, ein US-Western ohne die standardisierten Western-Elemente und ein großer Otto Preminger, der weder für Western, noch für Monroe übermäßig viel übrig hatte (und wie Monroe gegen den eigenen Willen für diese Produktion verpflichtet worden war), mit nachgedrehten Szenen von Jean Negulesco: "River of No Return" lässt Typisches ins Untypische hinüberschwappen und ist dabei ganz bei sich selbst, wirkt nie in sich disparat.
"River of No Return" kommt [Achtung: Spoiler!] im CinemaScope daher, als einer der frühesten Filme - und schon die erste Einstellung nutzt das junge Format gekonnt aus: Mitchum fällt - in der linken Hälfte des Bildes - einen Baum, bis dieser in die rechte Hälfte des Bildes stürzt, in welche Mitchum anschließend schreitet während ein Schwenk ihm folgt und dann ein Landschaftspanorama bietet, das ins Tal hinabblickend dem titelgebenden Fluss ohne Wiederkehr bis zum Horizont folgt, wo er zwischen den Gebirgen verschwindet. Ein starker Einstieg in einen starken Film, welcher sich allerdings westernuntypisch nicht in spektakulären Landschaftspanoramen ergehen wird, welche den Titelsong durchaus noch beeindruckend bebildern: anders als etwa in "The Big Trail" (1930), Raoul Walshs frühem Breitbild-Western, ziehen hier keine Kolonnen in vielen Totalen durch die Weite der Landschaft; stattdessen konzentriert sich Preminger vielfach auf das, was nah dran ist an der Kamera, begibt er sich vielfach (ganz premingertypisch) in vergleichsweise kleine Innenräume, in Blockhütten, in Höhlen, in Zelte, in Saloons... gleich nach dem Titelsong wird Mitchum in ein lasterhaftes Goldgräber-Camp einreiten und die Kamera, die ihn dabei begleitet, achtet empfindlich darauf, dass sie mit einer leichten Aufsicht oder über die Zelte im nahen Hintergrund den Horizont - der ohnehin in der Schwärze der Nacht verschwinden würde - gar nicht mehr ins Spiel bringt. Gebirge, dichte Wälder, Felsvorsprünge und leichte Aufsichten verhindern den Blick in die Ferne vielfach: "Man kann schön sein und doch nichts taugen", heißt es (allerdings nur in der deutschen Synchro) einmal - und das könnte man auch auf die schwelgerische Landschaftsmalerei beziehen, der sich Preminger nur sehr eingeschränkt hingibt. Gewiss sind die Eindrücke des kanadischen Nationalparks, in welchem gedreht worden ist, überwältigend, an erster Stelle stehen sie hier aber nicht... (wenngleich die Monroe diesem Film vorgeworfen hatte, dass die Schauspielerei hinter CinemaScope und Landschaft stehen würde in diesem Cowboy-Film; das mag aber auch bloß eine Reaktion auf Premingers harsche Stichelei, dass die Monroe eine mäßig talentierte Schauspielerin sei, gewesen sein.) Kein Vergleich jedenfalls zu den Aufnahmen, die Kameramann Joseph LaShelle Jahre später für "How the West Was Won" (1962) eingefangen hat.
Gleichwohl ihm Frank Fentons Drehbuch nicht so recht zugesagt haben soll, richtet Preminger also sein Interesse in erster Linie auf das Figurengefüge aus, das hier ohne jeden Rückweg durch den Fluss des Lebens treibt.
Mitchum reitet also zu Beginn als Matt Calder in das Goldgräber-Camp, um dort seinen Sohn Mark wieder zu sich zu holen, den er viele Jahre zuvor aus seiner Obhut geben musste und der sich an seinen Vater schon gar nicht mehr erinnern kann: ein Freund hatte zuvor die längste Zeit auf Mark aufgepasst, dann die aufreizende Saloonsängerin Kay Weston (Monroe). Was der Sohn (und auch das Publikum) noch nicht weiß: der Vater saß die Jahre im Gefängnis, nachdem er einen Mann hinterrücks erschossen hat. Einem Mann in den Rücken zu schießen, war im Western (neben der Erschießung eines Unbewaffneten) seit jeher ein Zeichen für verachtenswerte Charakterschwäche: nur Feiglinge und Skrupellose handeln so. Matt hat also allen Grund, seine Vergangenheit vor seinem Sohn zu verbergen. Zunächst ist er also strahlendes Vorbild, zieht mit dem Sohn auf eine eigene Farm und bringt ihm dort Reiten und Schießen bei. (Beides wird - ebenfalls recht westernuntypisch! - die meiste Zeit gar keine Rolle mehr spielen.)
Doch dann beobachten beide eines Tages zwei Männer, die auf ihrem Floß in den gefährlichen Stromschnellen zu verunglücken scheinen. Matt hilft ihnen, rettet ihnen womöglich sogar die Leben und erkennt, dass der zweite Mann eine Frau ist: es handelt sich um Kay Weston, die gemeinsam mit ihrem Mann Harry unterwegs ist. Dieser hat es eilig, in Council City eine Goldmine eintragen zu lassen, folgt ihm doch womöglich jener Mann, dem er im (womöglich unfairen & betrügerischen) Kartenspiel ebendiese abgenommen hat. Doch Matt rät davon ab, den restlichen Weg per Floß zurückzulegen, was einem Selbstmordkommando gleichkäme; Harry, in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich, nimmt sich mit Waffengewalt Matts einziges Pferd und dessen einziges Gewehr, als dieser beides nicht an den Fremden verkaufen will - da er beides schließlich für sich selbst und seinen Sohn benötigt. Mit seiner Beute macht sich Harry davon, lässt Kay notgedrungen bei Matt (und Mark) zurück.
Als dann ein Indianangriff droht, bleibt den drei wehrlosen Personen nur noch die gefährliche Flucht per Floß. Matts Farm geht infolge des Angriffs in Flammen auf: es wird tatsächlich keine Wiederkehr geben. Es wird eine abenteuerliche Reise werden, mit mancherlei Gefahren und Überfällen, denen der Mann, die Frau und das Kind ganz auf sich allein gestellt gegenüberstehen; zugleich eine Reise, die alle Beteiligten unwiderruflich verändern, zumindest prägen wird: die verheiratete Frau wird ihre Gefühle für Matt entdecken, der das Ziel verfolgt, ihren Mann aufzusuchen und zur Rechenschaft zu ziehen. Matt wird die anfangs skeptisch beäugte Kay lieben lernen, wenngleich sich das zunächst unter anderem in einer kruden Nötigung zeigt, die durch das Auftauchen eines Pumas gestoppt wird - ganz so, als habe Matts tierisches Verhalten diese Widerspiegelung im Angriff eines wilden Tieres erst heraufbeschworen: eine Selbsterkenntnis folgt an dieser Stelle allerdings nicht, dafür einige Zeit danach.[1] Und Matt wird zufällig erfahren, dass sein Vater einen anderen Mann hinterrücks erschossen hat. Das wird zwar nicht zum alles verändernden Konflikt zwischen Vater und Sohn führen, eine große Enttäuschung ist aber nicht zu übersehen; und wenn Matt sich erklärt, er habe einen schlechten Menschen erschossen und zudem keine Wahl gehabt, dann muss er sich von seinem Sohn erzählen lassen, dass womöglich auch Harry keine andere Möglichkeit hatte, als Pferd und Gewehr gewaltsam an sich zu nehmen. Vielleicht ist Schuld nicht immer Schuld, vielleicht machen es sich Feindbilder zu häufg zu einfach.
Dieser Gedanke kulminiert dann im Finale: Matt findet Harry, dieser wird ihn beinahe ermorden - als Mark den Mann in auswegloser Lage von hinten erschießt, um seinen Vater zu schützen... ein blutiges Einschussloch klafft im Rücken des Mannes, ein kleiner Blutschwall spritzt aus ihm heraus: ein krasser Tod für das Jahr 1954, noch bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass von einem Kind geschossen worden ist - noch dazu von hinten und trotzdem nicht ungerechtfertigt. Der Sohn versteht den Vater nun besser, alle - auch das Publikum - gewinnen eine offenere, vorsichtigere Vorstellung von Schuld; obwohl Harry paradoxerweise ein eindimensionales, gewissenloses Schlitzohr ohne Skrupel ist. Vor allem aber wird der Begriff der Ehre, der im Zusammenhang mit Westernhelden oft so wichtig zu sein scheint, relativiert und gegen die Idee von Moral ausgespielt. Im Happy End bleiben sie dann einander erhalten: Matt und Mark und dessen Ersatzmutter Kay, die nun an Matts Seite bleiben wird. Ein recht süßliches Ende, untermalt vom wehmütigen Titelsong, den Monroe gegen Ende noch einmal gibt.
Es wird kaum geritten, es wird kaum geschossen; wenn geschossen wird, dann auf Unbewaffnete oder hinterrücks, was zwar in beiden Fällen unehrenhaft sein mag, in manchen Fällen aber moralisch vertretbar ist. Und Monroe, der große Star neben Mitchum, setzt ihren becircenden Charme nur in ihren Saloon-Auftritten ein und agiert ansonsten ungewöhnlich bodenständig, in Jeanshosen und mit bierernster Miene - man kennt sowas von ihr auch aus anderen Filmen, aus "Misfits" (1961) etwa oder aus "Niagara" (1953), ihrem großen Durchbruch... ihrem Image entsprach das dennoch nicht.
Preminger bewegt sich (wieder einmal) auf neuem Terrain, noch dazu widerwillig; da verwundert es kaum, dass dieser Genrebeitrag kein übermäßig typischer Genrebeitrag ist. Es verwundert eher, dass der Film dennoch so großartig geworden ist, zumal einige Nachdrehs unter der Regie Negulescos nötig waren, als Preminger nicht mehr zur Verfügung stand. Eine schlichte, recht geradlinig voranfließende, bisweilen auch etwas schwülstige Geschichte mit moralischer Botschaft, die von charismatischen Darstellern getragen und in wundervoller Kameraarbeit eingefangen worden ist: in langen Einstellungen begleitet die gemächlich geführte Kamera in Innen- und Außenszenen gleichermaßen das Geschehen, gelangt fließend von einer schönen Bildkomposition zur nächsten, egal ob dieses neue 2,55:1-Format nun Flüsse, Bergkämme, Innenräume, Menschenmassen, kleinere Figurengruppen oder Figuren in der Horizontalen zum Gegenstand hat. Und das Schwülstige des Films besitzt bisweilen eine unglaubliche Intensität, wenn Leigh Harlines und Cyril J. Mockridges Soundtrack sehnsüchtig schmachtend aufspielt und die Rückprojektionen während der Floßfahrt den Bildern eine träumerische Unwirklichkeit verleihen. Laura Mulvey hat in ihrem Aufsatz "Rear-Projection and the Paradoxes of Hollywood Realism" (2012) auf diese Schwebe zwischen Realismus und durchschaubarer Illusion hingewiesen... und wenn man sich z.B. die Rückprojektionen in Syberbergs romantischem Ludwig-Film "Ludwig - Requiem für einen jungfräulichen König" (1972) oder in Ptushkos märchenhafter Kalevala-Verfilmung "Sampo" (1958) in Erinnerung ruft, dann zeigt sich sehr deutlich, wie schnell die Rückprojektion eine märchenhafte Entrückung produzieren kann, wenn sie und das Geschehen vor ihr bloß unverhältnismäßig auseinanderklaffen. Und in "River of no Return" schwanken und drehen sich Floß und Kamera mehrfach uneinheitlich genug, um vom platten Naturalismus zur Fantasie beflügelnden Idee selbst zu führen: Gerade ein Publikum, das dem Irrglauben anhängt, das Kino würde mit immer neuen Techniken zugleich auch immer besser werden, hat es leider verlernt, die Kino-Magie in der heute oft belächelten oder verschmähten Rückprojektion aufzuspüren. Wer etwa während der 65. Minute in der Mixtur aus unwirklichen Rückprojektionen, sirenenhaften Frauenchören und amerikanischen Nächten keine süßliche Poesie zu entdecken vermag, wird die Größe von "River of no Return" sicherlich auch nicht zu schätzen wissen. Schließlich handelt es sich doch hierbei um die Verdichtung der Eigenart des ganzen Films, Typisches ins Untypische hinüberschwappen zu lassen, den Western seiner wichtigsten Charakteristika weitgehend zu berauben, die Monroe nur ganz selten Monroe-typisch zu inszenieren, den Preminger zum Negulesco werden zu lassen: und eben die Illusion von Realität vereinzelt durch die Realität von Illusion zu verdrängen. Das passt dann auch alles ganz wunderbar zu einer Moral, nach der Schuld und Ehre nicht sein müssen, was sie zu sein scheinen. Alles fließt...
8/10
1.) "You're a strange man. Sometimes not like a man at all.", äußert sich Kay später am Abend. Sich seiner Schuld bewusst, aber bloß ausgesprochen wenig reuig erwidert Matt: "Like an animal?"