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Die Infernal Affairs Macher Andrew Lau, Alan Mak und Felix Chong haben es nicht einfach, ihrer einschneidenden Trilogie etwas folgen zu lassen, was eine ähnlich magische Wirkung auf Kritiker und Zuschauer besitzt. Dass man mit der Animeverfilmung Initial D zwangsläufig eher nur beim Publikum aufzutrumpfen vermag und Rezensenten über die vermeintliche Simplizität und Nichtswürdigkeit des Projektes unweigerlich die Nase rümpften, hatte sicherlich auch seinen Einfluss dahingehend, sich wieder mehr an den Ausgangserfolgen zu orientieren. Das mit 80 Million HK $ budgetierte Confession of Pain wird normalerweise als "Erwachsenenkino" bezeichnet, wendet sich vorzugsweise an die ausgereifte statt heranwachsende Klientel und besitzt Themen, die Hingabe, Leidenschaft, Verlust, Einsamkeit, Angst und Verzweiflung betreffen und wenig der reinen Unterhaltung zu dienen vermögen. Der Arbeitstitel lautete Behind the Sin. Der Originaltitel bedeudet übersetzt "Wounded City" oder auch "Sad City". Der Film spielt in einer Stadt, die über weite Teile der Handlung elegisch, düster, gefährlich erscheint und seine Geschichte oftmals im diesigen Halbdunkel vollziehen lässt.
Das man mit einem Weihnachtsabend im Jahre 2003 beginnt, vergisst man dabei leicht. Das Fest der Liebe hat wie auch sonstige Formen von Wärme keine Chance, sich durch das Schattenreich geheimnisvoller Vorgänge und abgrundtiefer Ängste durchzudrücken.
- Revenge is a confession of pain. -

Detective Lau Ching Hei [ Tony Leung Chiu - wai ] hat zusammen mit seinem Freund und Partner Bong [ Takeshi Kaneshiro ] einen dreifachen Mörder observiert und schliesslich bei offener Tat gestellt. Hei schlägt den Täter mehrmals mit einem messingverzierten Kerzenständer. Als Bong heimkommt, findet er seine langjährige Lebenspartnerin nach einem Suizid sterbend vor und erfährt auch, dass sie kurz vorher abgetrieben hat.
Drei Jahre später hat sich vieles verändert. Bong hat den Dienst quittiert und arbeitet nun als Privatdetektiv, wenn er sich nicht gerade dem Alkohol hingibt, an dessen Sucht er mittlerweile hemmungslos verfallen ist. Erst ein Auftrag von Hei's Ehefrau Susan [ Xu Jinglei ] kann ihn wieder etwas erwecken: Ihr Vater Chow Yuan-sing [ Yueh Hua ] und sein Butler Man [ Vincent Wan ] wurden grausam ermordet und das Vermögen im Wert von 3,87 Millionen HK$ entwendet. Inspector Tsui Wing-kwong [ Chapman To ] führt die Ermittlungen, da Hei selber zu den Verdächtigen gehört. Zwar findet man schnell zwei ebenfalls tote Junkies als mutmassliche Täter, aber so einfach ist das alles nicht.

Der Film im neo noir Stil hat dabei wenig gemeinsam mit dem häufig als äußeren Vergleich herangezogenen Infernal Affairs, der immer noch als Maßstab betrachtet wird. Gemeinsam hat man vor allem die Relativierung der Eindeutigkeit von Gut und Böse, dessen undurchdringlicher Nebel diesmal auch den Betrachter erfasst und ihn so auf mehrere Spuren zu locken versteht. Zwar bekommt man einige Hinweise gereicht, die Eindeutigkeit und Klarheit vortäuschen vermögen, lenkt damit aber nur die Vorstellungen in die Irre. Man erhält Einzelheiten eines Puzzles, dass erst über die Zeit und verschiedene Sichtweisen verbunden mit anderen Teilstücken enträtselt wird. Der Film ist kein simpler Krimi oder straighter Cop Thriller, sondern eine Reise quer durch Hong Kong, ihre Menschen und die Zeit. Ein Rausch durch die verwirrende Welt der Verbrechen, in denen die Unterschiede zwischen "richtig" und "falsch" auf Anhieb nicht zu erkennen sind und die Beziehungen der Personen undurchschaubar aussehen. Dabei hängen Alle und Alles miteinander zusammen und werden Erlebnisse, Erinnerungen und Aussichten durch einen umflorten Blick getrübt.
Das Klima des Verderbens stellt den auf seinem eigenen Erdball gefangenen Privatdetektiv im wiederholten Dämmerzustand zwischen Wach und Schlaf in das Zentrum dieser Bestandsaufnahme. Und Hei als Gegenpol, Fährmann in die Realität und Überbleibsel seiner früheren Tage an seine Seite; lässt diesen aber auch eigenständig und unabhängig agieren.

Daraus resultierend ein Parallelstrang, in deren inneren Leere der Gefühllosigkeit beide Männer zur selben Gelegenheit ihre jeweilige Fährte verfolgen; andere Wege mit dem gleichen Ziel gehen oder auch gleiche Wege mit anderer Intention nachsetzen. Dabei hat die Inszenierung der Doppel - Regie erstaunlicherweise viel mehr mit Initial D gemeinsam als mit ihren triangularen Erstlingsprojekt. Dräuende emotionale Erregung ist nicht vorzufinden und hat Schwermut, Enttäuschungen und Stimmungstiefs Platz gemacht, in denen die Fähigkeit zum Erleben von Freude erloschen ist. Hier muss nicht jede Szene auf Akzent, Ton und Gewicht aus sein, sondern werden niedrige und weiche Einstellungen verwendet; weswegen man auch nicht krampfhaft erschlagend wirkt. Man verhält sich über einen grossen Zeitraum angenehm ruhig und still, konzentriert sich abseits seiner Figuren trotz kontrastreicher Ausleuchtung und launenhafter Kamerastrategie auf eine entspannte, unvergängliche Atmosphäre, die keinem Trend unterworfen ist und auch in fast jede Zeit passt. Ein trügerisches Lounge - Ambiente, mit fliessenden Bildverbindungen.

Kein Reflex gesellschaftlicher oder gar politischer Bedingungen und auch kein klassisches whodunit, sondern ein wie ewigbleibend währender Umstand, der im kreisenden Denken mehr an Charaktere und Milieu interessiert scheint als an Motiven und blanker kriminalistischer Arbeit. Eine Vielzahl vermeintlich recht willkürlich zusammengestellter allgemeingültiger Aufnahmen, persönlicher Blickwinkel mit begrenzter innerer Stimme und materiell obskurer Querverbindungen von Romantik, Entfremdung, Fatalität und Obsession entsperren eine schnörkellose Erzählweise. Wahngedanken, Sinnestäuschungen, Träume, projizierte Wünsche, Rückblenden und CSI - stilkonforme Plotvariationen mischen sich unter die chronologische Handlung. Vorübergehend entsteht eine Art vertieftes Gespräch, in dem unter die grünstichige Fassade geschaut wird und Empfindungen und Stimmungen schmerzlich und trübe erklingen.

Dabei verzichtet man weder auf leisen Witz, eine unpassend anbahnende Romanze noch auf eine nebenbei konventionelle Struktur, die die Optionen oberflächlicher Genrewerke kennt und ebenfalls heranzieht. Observationen, Polizeiaktionen, Befragungen, Nachforschen mysteriöser Anrufe, der ominöse Dritte Mann im Hintergrund, ein Stalking - Opfer, ein Brandanschlag, eine Verfolgungsjagd und ein Bei Anruf Mord - Attentat werden aufgefahren; allerdings auch hier im gedämpften Ton und formal gesehen eher distinguiert als dramaturgisch wirklich aufregend. Sowieso muss der Film Diejenigen unausbleiblich enttäuschen, die ein nervenaufreibendes Hochspannungskino mit attraktiver Akzentsetzung erwarten. Leider bleibt aber auch eine emotionale Eskalation aus. Die thematisierte Frage von Versagen, Schuld und Sühne und die anfangs unterschwellig virulente Bedrohung lösen sich nicht in einer Zuspitzung von Auseinandersetzungen, sondern nach und nach in Larmoyanz auf. Das letztliche Finale hat nichts Besseres zu tun, als eine simple verbale Erklärung abzuliefern und das hinter den gezeigten Vorgängen liegende Verbrechen, die Psychologie des Täters, seine Beweggründe und die Bestrafung auf einmal aufzuknoten; im Bekenntnis werden etwaige interessante Leerstellen und Mehrdeutigkeiten eher plump und unlogisch gefüllt. Da hätte man sich lieber einige Action im Divergence - Modus erlauben sollen.

Als ein für Interpretation sehr undankbares Objekt droht man nun beinahe, sich rückwirkend als etwas einfallslos und gewöhnlich zu entpuppen; wodurch man das bisherige Ineinandergreifen von sicherer filmischer Präsentation und assoziativer Inbesitznahme der Stimmungslage auch nachträglich noch schmälert. Die Ausblende in eine bessere Zukunft stand womöglich im Regelwerk für Blockbuster; gleich neben der unsäglichen Shu Qi - Figur, die vermutlich noch mit 65 die love interest Kleinmädchenrolle geben wird.

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