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Hannibal Lecter dürfte für viele den wohl edelsten und zu vorkommensten Serienmörder darstellen, den die Welt je gesehen hat. Kein anderer Killer ging so Gentleman-like, clever und dennoch bestialisch mit seinen Opfern ins Gericht, wie er. Vor allem mit der kongenialen Verfilmung von "Das Schweigen der Lämmer" wurde er einem äußerst breiten Publikum bekannt gemacht und bis heute versprüht dieser Charakter eine Faszination, der man sich nur schwer entziehen kann. Vertieft wurden seine mörderischen Absichten dann im edel abgefilmten "Hannibal", sowie in "Roter Drache", dem Prequel zum Schweigen, welches zwar schon vorher einmal mit "Blutmond" ähnlich verfilmt wurde, dieses mal allerdings mit Anthony Hopkins die wesentlich passendere Verfilmung darbot. Doch das Publikum wollte noch mehr von Hannibal wissen, vor allem wie er überhaupt zum Kannibalen werden konnte. Diese Antwort gab Thomas Harris, geistiger Vater von Hannibal, nun vor kurzem mit seinem Roman, welcher allerdings direkt für diese Verfilmung verfasst wurde. Doch wo die ersten Filme wirklich mit zu den besten Serienmörder-Produkten der letzten 20 Jahre gehören, so bricht nun "Hannibal Rising" leider völlig ein und bietet ein schnarchlahmes Filmchen, das weder inhaltlich noch in Sachen Umsetzung sonderlich überzeugen kann.

Eigentlich klingt die Idee, die Vorgeschichte des Hannibal Lecter und seinen Drang nach menschlichem Fleisch aufzuklären, noch recht verheißungsvoll, doch schon beim Lesen der Inhaltsangabe kommen einem leichte Zweifel. Denn diese verrät uns bereits im Ansatz den Grund für sein Vorgehen. Der 8-jährige Hannibal muss, während des 2. Weltkrieges, mit ansehen, wie einige hungrige Soldaten seine kleine Schwester verspeisen. Einige Jahre später macht sich der von Alpträumen geplagte Hannibal nun auf den Weg, sich an den Soldaten für deren blutig bestialisches Vergehen zu rächen. Dabei erkennt er allerdings immer mehr, dass er, durch das erlittene Trauma, nun irgendwie selbst immer mehr Appetit auf Menschenfleisch bekommt. Doch diese Tatsache mildert seine Rachegelüste nicht ab, eher im Gegenteil... Dabei zusehen zu müssen, wie ein geliebter Mensch verspeist wird, führt Hannibal also selbst zum Kannibalismus. So oder so ähnlich soll wohl die Erklärung der Geschichte für Hannibals Leibgericht lauten. Nun gut mag man sich denken, wenn diese Idee im Verlaufe des Films noch weiter ausgebaut werden würde, könnte man vielleicht, trotz der eigentlichen Abstrusität, noch damit leben. Doch leider ist dem nicht so. Anstatt sich nämlich auf die Aufklärung der Kannibalismus-Frage zu konzentrieren, wird aus "Hannibal Rising" bereits nach gut einer halben Stunde ein reines Rachemovie, welches sich fortan nicht mehr um die Frage kümmert, sondern Hannibal bei seinem blutigen Feldzug begleitet. Logisch ist das Ganze dabei nie, höchstens einige nette Ideen hier und da können noch etwas reißen. Aber wirklich befriedigend ist der Inhalt, nach dem starken Anfang, schon ziemlich schnell nicht mehr. Rache ist das einzige Motiv, was durchgehend präsent bleibt, und das passt einfach nicht zum Gentleman-Killer, der seine Opfer ja ansonsten eher anderer Motive wegen auswählt. Zumal die üblichen Weltkriegs-Klischees, besonders gegenüber den Deutschen, auch ein wahrliches Fest abzuhalten scheinen. Da hätte man doch weit mehr bringen können.

Aber nicht nur inhaltlich flaut der Film merklich ab auch die ganze Umsetzung wirkt schal und nicht wirklich auf Spannung und Atmosphäre gebügelt. Eher im Gegenteil. Seit langem gab es wohl nur selten so einen langweilig geraten Film mehr im Kino, wie diesen hier. Denn außerhalb der Gore-Szenen, auf die ich gleich noch zu sprechen komme, hat der Streifen wirklich kaum etwas zu bieten, was irgendwo Interesse oder Spannung verheißt. Immer wieder zieht sich das Treiben extrem in die Länge, viele Szenen wirken entweder aufgesetzt oder wurden mit so fröstelnd schlaffen Dialogen verwurstet, dass man aus dem Gähnen manchmal nicht wieder herauskommt. Die Kulissen wirken nicht wirklich überzeugend, da sie eigentlich nur die üblichen Bauten zu bieten haben, wie man sie schon so oft gesehen hat und sie daher einfach keine Wirkung mehr zeigen können. An vielen Stellen hätte man diesen Streifen kürzen können, ohne dass der Zuschauer wirklich etwas Sonderliches verpasst hätte. Erst zum Ende hin fängt sich das Werk dann etwas und kann zumindest ein einigermaßen knackiges Finale bieten. Aber bis dahin muss man den langweiligen Plot erst einmal überstehen.

Am gelungensten zeigt sich dieser Hannibal daher immer dann, wenn er seine Gore-Szenen auffährt, die dieses mal doch das Ah und Oh sind und diesen Film auch definitiv mit zum blutigsten und grausamsten der Hannibal-Filmografie machen. Auch wenn sich schon "Hannibal" nicht wirklich lumpen lies, wenn es um die filmischen Grausamkeiten des Gentleman-Kannibalen ging, so setzt "Hannibal Rising" doch gut und gerne noch einen drauf. Da werden dicke Männer mit Samurai-Schwertern "angeritzt" und geköpft, Soldaten an einen Baum gefesselt und ebenfalls auf recht drastische Weise enthauptet, Messer durch Köpfe gerammt und so weiter und so fort. Und gut sehen diese Szenen auch aus und wurden alles in allem einwandfrei und glaubwürdig inszeniert. Die KJ-Freigabe versteht sich nach Anblick jedenfalls von selbst. Doch dass diese Szenen die (heimlichen?) Höhepunkte in einem Hannibal-Film darstellen, ist eben doch wieder nicht ganz so positiv anzusehen, denn eigentlich legt man da ja doch mehr Wert auf Story und Atmosphäre, doch diese Werte sind leider, wie schon erwähnt, eben größtenteils nur unzureichend vorhanden. Einen kleinen Rettungsanker kann da höchstens noch der wunderbare Score werfen, doch wirklich viel genutzt hat das leider auch nicht mehr. Schade!

Eine filmische Glanzleistung kann "Hannibal Rising" aber dann, trotz aller Kritik, dennoch aufbringen und zwar was das Schauspiel angeht. Denn Hauptdarsteller Gaspard Ulliel spielt mit seiner Performance des jungen Hannibal Lecter wirklich alle an die Wand. Eigentlich hatte ich persönlich ja doch so meine Zweifel, ob er überhaupt auch nur annähernd dem guten Anthony H. das Wasser reichen kann, doch er kann es. Allein schon seine eiskalte Mimik bringt manchesmal kühles Schaudern zu Tage, die man von dem Film, nach all den enttäuschenden Punkten, nun gar nicht mehr erwartet hätte. Von vorn bis hinten ist seine Darsteller-Leistung wirklich astrein und er dürfte definitiv zu talentiertesten Neulingen gehören, die Hollywood in letzter Zeit so auffahren konnte. Ohne ihn wäre "Hannibal Rising" wohl endgültig im Boden versunken. Dazu kommt ein ebenfalls sehr gut aufgelegter Rhys Ifans, der seinen bösen Part ebenfalls so eiskalt mimt, dass man manchmal ins Grübeln gelangt, wer wohl hier die meiste Kälte versprüht. Auch wenn Ulliel dann doch nach Punkten gewinnt, so bringt auch Ifans seinen Part einwandfrei herüber. Alle anderen Darsteller schwanken dagegen in ihren Leistungen, können aber auch noch so weit überzeugen. Na immerhin etwas!

Fazit: Langweiliges und ziemlich banal geratenes Prequel zur elegantesten Serienmörderreihe aller Zeiten. Angefangen bei der Story, die kaum "Aufklärungsarbeit" verrichtet, sondern sich viel zu sehr auf die Rachegelüste seiner Hauptfigur beschränkt, und die wenigen gebotenen Antworten auf die Kannibalen-Frage dann auch noch mehr als unzureichend beantwortet. Umgesetzt mit einer derart biederen und langweilig ausgefallenen Inszenierung, die einem mehr Gähnen als Schweißperlen bereitet und zudem auch optisch nicht wirklich etwas zu bieten hat, sieht man einmal von den knackigen Gore-Szenen ab, die einem wenigstens hier und da vor dem wegnicken retten. Positiv aufgewertet wird "Hannibal Rising" dann aber immerhin doch durch ein paar nette Ideen, vor allem am Anfang und am Ende des Films, dem elegant gelungenen Score, sowie einem Hauptdarsteller, den man so drastisch gut, nie und nimmer erwartet hätte. Unterm Strich somit aber dennoch definitiv der (bis jetzt) einzige Hannibal-Film, den man ruhig verpassen darf.

Wertung: 4/10 Punkte

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