Da Anthony Hopkins, der den kultivierten Kannibalen Hannibal Lecter dreimal verkörperte, offenbar keine Lust hat, das auch noch ein viertes Mal zu tun, blieben nur zwei Möglichkeiten, die Romanfigur weiter zu kommerzialisieren: Entweder ein neuer Hannibal Film mit einem neuer Darsteller oder aber ein Prequel, das erklären würde, wie Hannibal zu dem wurde, was er in den Filmen mit bzw ohne Hopkins (Rote Drache wurde schon in den 80ern verfilmt) ist.
Hannibals Geschichte beginnt also 1944 in Litauen. In den Kriegswirren verliert Hannibal seine Eltern und versteckt sich mit seiner kleinen Schwester in einer Hütte. Dort werden die beiden aber bald von ausgehungertene Soldaten überrascht, die Hannibals Schwester töten und verspeisen um zu überleben. Jahre später flieht der traumatisierte Hannibal nach Frankreich, wo er bei der Frau seines verstorbenen Onkels unterkommt. Er ist besessen von dem Gedanken, die Mörder seiner Schwester aufzuspüren und sich an ihnen zu rächen. Nachdem er einen Metzger tötet, der seine Gönnerin sexuell belästigt hat, gerät er ins Visier von Inspektor Popil, was ihn aber nicht davon abhält, seinen Plan in die Tat umzusetzen.
So weit, so einfach. Denn obwohl das Drehbuch von Thomas Harris, dem literarischen Vater von Lecter stammt, bekommen wir nur eine recht simple Rachegeschichte serviert, die spätestens nach Hannibals zweitem Mord in Litauen vorhersehbar ist und keine Wendungen bietet. Ein richtiger Gegenspieler für Hannibal hätte dem Film gut getan, für diesen Zweck hätte man die Rolle des Inspektor Popil, der zwischen den Pflichten seines Berufs und seinem Verständnis für Hannibal hin- und hergerissen ist, weiter ausbauen können. Die Dialoge zwischen Hannibal und dem Inspektor deuten darauf hin, dass so etwas vielleicht einmal geplant war, aber nicht umgesetzt wurde.
An den schauspielerischen Leistungen gibt es nichts auszusetzen. Dass man Gaspard Ulliel den Hannibal Lecter nicht so recht abnehmen will, liegt einfach daran, dass man diese Rolle eben einzig und allein mit Anthony Hopkins verbindet. Eine sehr interessante Figur ist Lady Murasaki, Hannibals Komplizin und Geliebte, die Hannibals Motive zwar verstehen kann, sich aber am Ende wegen seiner Rachsucht von ihm distanziert.
Hannibal ist in diesem Film vergleichsweise sympathisch gezeichnet und seine Morde wirken aufgrund der Tatsache, dass fast alle seine Opfer hochgradig miese Fieslinge sind, weniger verachtenswert.
Alles in allem kann man Regisseur Peter Webber nicht vorwerfen, einen schlechten Film gedreht zu haben. Die Figur Hannibal Lecter ist wohl einfach schon zu ausgelutscht. Da die Darsteller ihre Sache aber gut machen, der Film einige wirkungsvolle Szenen hat ( vor allem die Szene, in der Hannibal erfährt, dass auch er seine Schwester verspeist hat, ohne es zu wissen) geben ich 7 von 10 Punkten.