Man kann sich angesichts von „Hannibal Rising“ des Eindrucks nicht erwehren, Thomas Harris hätte noch ein paar Bücher durch vertragliche Verpflichtungen abzuliefern und hätte diesen Roman sozusagen pflichtschuldigst „hingerotzt“, ohne jegliches Interesse daran zu haben.
Inhaltlich fügt nämlich die Story den Mythos um den wohl berühmtesten Serienkiller der Literatur und des Films nichts Nennenswertes bei, so dass „Hannibal Rising“ wie ein perverses Jugendabenteuer wirkt, dem man noch ein paar Filme oder eine TV-Serie folgen lassen könnte.
Das wesentliche Interesse sollte auf der Frage „Was macht einen Menschen zum mordenden Kannibalen?“, doch Paul Webber bietet darauf nur ein paar knappe Antworten.
Ein traumatisches Kriegserlebnis und das Wissen, dass marodierende deutsche Söldner im Weltkrieg zwo die kleine Schwester verspeist haben.
Das ist zwar hinreichend schrecklich, um eine Uhr nicht mehr im Takt ticken zu lassen, wird aber nur als Aufhänger für eine 0-8-15-Rachegeschichte benutzt.
Lecter schlägt sich als Überlebender also schließlich nach Westeuropa durch, gräbt eine entfernte asiatische Verwandte in Frankreich aus, wird Medizinstudent und sucht nacheinander die Peiniger und Kriegskannibalen auf, die natürlich allesamt erzböse sind und ihrerseits versuchen, den Mitwisser zu beseitigen.
Was in Sachen Moral und Schuld wirklich beeindruckend hätte werden können, funktioniert hier nur auf den bloßen Effekt hin. Die Bösen müssen bestraft werden, aber deswegen gewinnt der Killer an sich leider nicht das geringste Bisschen Tiefe dazu.
Weder die ungewöhnliche Kultiviertheit, noch das Bedürfnis nach Menschenfleisch werden hier erklärt oder gut begründet, stattdessen taucht Hannibal ein bisschen in Samurai-Gefilde ab, setzt sich sinnfrei eine Maske auf, die schon mal an das Schutzallzweckgerät erinnert, das man in „Silence of the lambs“ sehen kann und erweist sich als raffinierter Mörder.
Webber ist wohl eher daran interessiert, kleine Fingerzeige und ironische Verweise auf die übrigen Filme auszustreuen, selbst die Wildschweine aus „Hannibal“ haben ihren Kurzauftritt.
Was aber dringend nötig gewesen wäre, fehlt: Einblicke in eine kranke Seele.
Möglicherweise hätte ein wenig begleitender Off-Kommentar des Protagonisten da dem Verständnis schon Tor und Tür geöffnet, in der jetzigen Form darf Gaspard Ulliel nur einen fies dreinschauenden, racheschnaubenden Chiffre-Killer zeigen, dessen Verhältnis zur Tante meistens nur Fragezeichen hinterlässt. Die emotionale Komponente ist jedenfalls ohne Basis und kann nie überzeugen.
Die Hinwendung zur Psychiatrie, die Vorliebe für gutes Essen, die Kultiviertheit, das bleibt alles ohne Grundierung oder wird gar nicht erwähnt und das schauerliche Paarlaufen mit einem französischen Polizisten, der Kriegsverbrecher mehr aus einem Schuldkomplex her jagt, bleibt schändlich unterentwickelt.
Am Ende ist „Hannibal Rising“ doch nur ein Revenge-Thriller nach Schema F, der eine einigermaßen brauchbare Spannungskurve aufweisen kann und ein paar harte Szenen – ein solides Qualitätsmerkmal, stände nicht in der Besetzung irgendwo der Name „Lecter“.
Und deswegen hat man den Film auch schon im Kino abgehakt und halb vergessen, ein netter Film ohne Sättigungswert.
Also, Mr. Harris, dann schreiben sie mal ein angemessenes letztes Kapitel ihrer Saga und verzetteln sich nicht weiter in dramaturgischer Redundanz. Wir wären dankbar. (5/10)