Review

Nach einem noch halbwegs gelungenen "Hannibal" und einem leider unterdurchschnittlichen "Roten Drachen" geht mit "Hannibal Rising" nun die dritte Fortsetzung von "Schweigen der Lämmer" an den Start. Allerdings wagt sich Regisseur Peter Webber dieses Mal nicht weiter in die Zukunft, sondern beleuchtet die Kindheit des wohl berühmtesten Kannibalen der Filmgeschichte. Sein Ziel dabei ist, die Motivation für Lecters abscheuliche Taten zu explizieren, zu erklären, wie aus einem Kind ein derart perverser Massenmörder wurde.
Und genau hier liegt schon das erste Problem bei "Hannibal Rising"; Der Film erklärt in keiner Weise, warum der junge Lecter zum Kannibalen mutiert. Zwar ist die Motivation für seinen Rachefeldzug - seine kleine Schwester wurde vor seinen Augen getötet und gefressen - nachvollziehbar, jedoch wirkt dessen eigene Wandlung zum Kannibalen plump und aufgesetzt. Hieraus ergibt sich ein zweites Problem des Films: Gerade eben weil Lector menschlich dargestellt wird und man als Zuschauer seine Rachegelüste verstehen kann, wird die Figur des Kannibalen entmystifiziert. Die Stärke von "Schweigen der Lämmer" lag ja gerade in der Undurchschaubarkeit Lecters selbst. In "Hannibal Rising" ist er allerdings der Sympathieträger; mit ihm fiebert der Zuschauer mit. Überspitzt formuliert ist er der "Gute". Zwar mordet Lector mit einer übertriebenen Art von Brutalität und kennt bezüglich seiner Opfer keine Gnade; Seine Feinde, nämlich die Killer seiner Schwester sind jedoch noch sehr viel schlimmer und schrecken prinzipiell vor gar nichts mehr zurück. So leidet die neuste Folge der "Hannibal"-Reihe unter einer Perspektivverschiebung. Am Ende steht Hannibal nicht als der Bösewicht dar, den man in "Schweigen der Lämmer" kennen- und fürchten gelernt hat, sondern als Racheengel, dessen Taten trotz der Brutalität ihrer Ausführungen nicht unmotiviert sind.

Doch genug der Kritik. Als eigenständiger Film funktioniert "Hannibal Rising" erstaunlich gut. Er ist spannend, gnadenlos und - was den einen oder anderen Fan Anthony Hopkins' sicherlich wundern mag - fantastisch besetzt. Die Figur des jungen Lecter verkörpert der noch relativ unbekannte Gaspard Ulliel kongenial. Die Mischung aus Genie und Wahnsinn, charakteristisch für den Kannibalen, wirkt in jeder Sekunde überzeugend.

Insgesamt gesehen ist das große Problem von "Hannibal Rising" die Tatsache, dass der Zuschauer während der ganzen Zeit auf der Seite des eigentlich bösen Hannibal Lecter steht. Als Film der "Schweigen der Lämmer"-Reihe funktioniert er demnach nicht. Dass er als unabhängiges Werk dennoch einen gewissen Unterhaltungswert besitzt, liegt zum einen an der tollen Besetzung und um anderen an der spannenden Inszenierung. Auch wenn der Film sein Ziel - nämlich die Erklärung von Lecters Mutation zum meist gefürchteten Kannibalen der Kinogeschichte - eindeutig verfehlt, ist er unterhaltsam und für einen Videoabend mit Freunden bestens geeignet.
5/10 Punkten

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