Finchers Fehlstart: Das Alien wird zum Schusshündchen
Wer im 22. Jahrhundert mordet und vergewaltigt, wird auf einen Gefängnisplaneten abgeschoben. Dort müssen die Kriminellen den Rest ihres erbärmlichen Lebens als Zwangsarbeiter absitzen. Fiorina ist ein solcher Gefängnisplanet. Eines Tages landet dort eine Rettungskapsel not. Die einzige Überlebende des Absturzes: Die Raumfahrerin Ellen Ripley (Sigourney Weaver), die seit Jahrzehnten gegen ein blutrünstiges Alien kämpft. Leider scheint Ripley das brandgefährliche Biest noch immer nicht abgeschüttelt zu haben. Denn bald verschwinden die Bewohner von Fiorina, einer um den anderen. Das Unternehmen Weyland-Yutani kündigt einen Rettungstrupp an. Doch Ripley ist misstrauisch, wurde sie doch schon mehrmals von ihrem Arbeitgeber betrogen. Mithilfe der Kriminellen will Ripley das Alien endlich erledigen Und zwar bevor die Leute von Weyland-Yutani es in die Finger kriegen.
Für den dritten Teil der Alien-Reihe haben die Produzenten einen Mann in den Regiestuhl gesetzt, der sich zuvor vor allem um Musikvideos verdient gemacht hatte: David Fincher. Mittlerweile gehört er zu den wichtigsten zeitgenössischen Regisseuren. Mit Filmen wie Zodiac (2007), The Social Network (2010) und Gone Girl (2014) hat er Meisterliches in Sachen Suspense und Sozialsatire geleistet. Sein Spielfilm-Debüt Alien³ (1992) lässt davon allerdings noch nicht viel erahnen. Hinter den Kulissen soll es viele Reibereien gegeben haben. Dem Endresultat merkt man das leider an.
Nach dem beunruhigenden Alien (1979) und dem bombastischen Aliens (1986) wirkt Alien³ wie eine Schlaftablette allererster Güterklasse. Dass sich der dritte Streich vom Action-Spektakel der Marke Cameron entfernen will, ist zwar löblich. Schade nur, dass wir als Ersatz eine Einöde von Film bekommen. Bereits in den ersten Minuten vertilgt das Skript die beiden Bezugspersonen Ripleys. Die Ersatztochter Newt und der potentielle Liebhaber Dwayne sterben bei der Notlandung. Das mag der Prämisse der Geschichte geschuldet sein. Dramaturgisch unglücklich ist es trotzdem, kappt dieser Einstieg doch sofort wieder alle Fäden zum Vorgängerfilm. Nun ist Ripley wieder allein. Das hatten wir doch schon.
Stilistisch vermag Fincher keine Schwerpunkte zu setzen, sieht man von einigen stimmigen Landschaftsaufnahmen und POV-Shots aus Sicht des Aliens ab. Der spätere Meister des Suspense fabriziert hier einen vorhersehbaren Jump Scare nach dem anderen. Fincher scheint den Horror an die zahlreichen Gore-Szenen delegieren zu wollen. Diese schockieren aber kaum; manchmal wirken sie gar lächerlich. Das liegt daran, dass Fincher das Alien oft in der Totale zeigt. Diese Entscheidung entblösst die veralteten Spezialeffekte aus dem Computer und macht das Alien zu einem herum humpelnden Klappergestell. Im Original war das Alien noch mysteriös und unvorhersehbar; im dritten Teil ist es nurmehr ein besseres Raubtier.
Im Drehbuch stecken einige spannende Ideen. Alien³ führt den thematischen Faden der Reihe fort; Ripleys Weiblichkeit ist weiterhin ein Fixpunkt, dieses Mal auf sehr direkte Weise. Zu Beginn wird eine grosse Sache daraus gemacht, dass es Ripley auf einen Planeten verschlägt, der nur von Männern bewohnt ist. Sie trifft Vergewaltiger, die seit Ewigkeiten keine Frau mehr gesehen haben. Sie rasiert sich den Kopf und wird zu einer androgynen Gestalt. Ihre Rolle als Mutter wird umgedeutet, und eine religiöse Färbung kommt ins Spiel. Das ist alles schön und gut, aber die Hälfte dieser Motive lässt das Skript auf halbem Wege fallen. Dass Ripley als Frau eine Aussenseiterin auf Fiorina ist, hat bald schon keine Bedeutung mehr.
Im ersten Akt reden sich die Leute die Lippen fusslig, ohne dass dabei was raus käme. Die Dialoge liefern meist nur pseudo-pointiertes Gestammel. Wieso Ripley am Anfang nicht über das Alien sprechen will, wird nicht nachvollziehbar. Überhaupt wird die Gefahr quälend langsam eingeführt, und die Figuren sind grösstenteils nur Kanonenfutter fürs Alien. Jonathan (Charles Dance) ist der Arzt des Gefängnisses und verliebt sich in Ripley. Leider führt die Beziehung nirgendwohin. Der Gefängniswärter Harold (Brian Glover) ist nicht viel mehr als ein idiotischer Mistkerl. Einzig Dillon (Charles S. Dutton) als spiritueller Anführer entwickelt sich zu einem Sympathieträger. Demgegenüber ist die Episode mit dem Verrückten Golic (Paul McGann) eher im „Was zur Hölle?“-Territorium anzusiedeln.
Das Finale ist ein lautes, chaotisches Irgendwas, das eher verwirrt als mitreisst. Der industrielle Look des Filmes ist mutig, kann aber kaum Gefühle wecken. Dafür sind die Geschehnisse zu überladen und ziellos. Ripley selbst ist nur noch das grimmige Abziehbild einer Märtyrerin. Auf dem Papier klingt das interessant, aber umgesetzt wurde es erstaunlich öde. Spätestens wenn man sich bei der melodramatischen Schlusspointe ein Gähnen verkneifen muss, merkt man: Da ist was schief gelaufen.
Alien³ ist eine herbe Enttäuschung. Das Debüt von Fincher überzeugt weder als Action-, noch als Horrorfilm. Das Skript ist konfus, die Figuren leblos und der Stil inkonsistent. Fincher hat viel Spannendes zum Frauenbild zu sagen, verdeutlicht seine Gedanken aber nur halbherzig.
4/10