Kanonade zum Sturm auf den Action-Thron - Chuck wills wissen
Das Jahr 1985 gehört ohne jeden Zweifel zu den wenigen klar erkennbaren Wendepunkten im Actionkino und war zugleich Seismograph, Wegweiser und Trendsetter für eine ganze Ära. Hier wurden endgültig Meisterschaften entschieden, Marktwerte von Stars festgelegt und Strukturen etabliert. Ein hoch motiviertes Teilnehmerfeld aus Studios, Produzenten und Heldendarstellern hatte sich seit Dekadenbeginn einen spannenden Kampf um die Genrekrone geliefert, nun war die Stunde der Wahrheit gekommen.
Mit INVSASION U.S.A. (1985) planten „Cannon Films“ und Chuck Norris die endgültige Erstürmung des Action Olymps. Bis dato war es stetig bergauf gegangen mit Karriere und Reputation des ehemaligen Karate-Champions. Doch das aus allen Rohren feuernde Spektakel enttäuschte an der Kasse und machte Chuck endgültig zum Billigheimer unter den Actionstars. Kultig ja, massentauglich nein. Während Konkurrent Sly Stallone mit RAMBO 2 (1985) längst in schwindelnde Höhen enteilt war, zog nun auch Arnold Schwarzenegger recht locker an ihm vorbei. COMMANDO (1985) war ebenfalls eine zirkusreife Ballerorgie bar jeglichen Realismus, konnte aber drei mal so viele Vorstellungen ausbuchen. Die ehrgeizigen Cannon-Mogule Menahem Golan und Yoram Globus mussten sich also mit der ungeliebten zweiten Reihe anfreunden, zumal sie neben Norris wenige Wochen später auch noch ihr zweites Ass für die Action-Oberliga verbrannt hatten. Der heute als Crash-Fest gefeierte DEATH WISH 3 (1985) bugsierte Charles Bronson in dieselbe Karikatur-Sackgasse wie Norris aus der er Zeit seines (Leinwand-)Lebens nicht mehr heraus kommen sollte.
Ein schönes Beispiel für die Gründe der Cannon-Misere ist Chucks nächster Streich DELTA FORCE. Er genießt unter Fans einen ähnlich legendären Ruf wie der unmittelbare Vorgänger INVASION U.S.A., er spielte fast exakt dieselbe Summe am US-amerikanischen Box Office ein (etwa $17,5 Millionen) und war gemessen an Golan-Globuschen Blockbuster-Ambitionen ebenfalls eine finanzielle Enttäuschung. Fairerweise muss man zugeben, dass die Dreharbeiten bereits vor dem INVASION-Kinostart begannen und man so keinerlei Lehren aus dessen Abschneiden ziehen konnte. Darüber hinaus handelte es sich dabei um das bis dato ehrgeizigste Cannon-Projekt bei dem Menahem Golan allerdings kurz entschlossen kurz vor Drehbeginn noch einmal alles kräftig durchmischte.
Seinem Film (er führte diesmal höchst persönlich Regie) über die amerikanische Spezialeinheit „Delta Force“ diente eigentlich die Entführung eines Reisebusses als Aufhänger für ein weiteres Actionspektakel im INVASION-Stil. Als im Juni 1985 ein voll besetztes TWA-Verkehrsflugzeug (Flug 847 von Rom nach Athen) von libanesischen Terroristen entführt wurde und weltweit für Betroffenheit sorgte, ließ Golan das DELTA FORCE-Skript den realen Ereignissen anpassen. Den geschäftstüchtigen Israeli motivierten dabei nicht nur monetäre Interessen, er sah damit wohl auch die Gelegenheit einer breiten Öffentlichkeit seine ganz persönliche Sicht des Nahost-Konflikts näher zu bringen. Anders ist die klischeehafte Schwarz-Weiß-Malerei bei Figuren, Motivation und Plot kaum zu erklären. Soll heißen unter den Elitesoldaten gibt es nur aufrechten Heldenmut, unter den Passagieren nur tapfere Gutmütigkeit und unter den Entführern nur brutalen Fanatismus. Natürlich ist eine solche Simplifizierung ein archetypischen Genremerkmal keinesfalls ausschließlich des US-Films (man denke nur an russische Produktionen über den Zweiten Weltkrieg), aber bei offenkundigen Bezügen zu zeitaktuellen Ereignissen und Konstellationen entsteht doch ein etwas unangenehmerer Beigeschmack.
Mit politischen Hintergründen oder mehrdimensionalen Figuren hält sich Golan jedenfalls gar nicht erst auf. Der knallige Beginn einer Geiselbefreiung etabliert die Delta Force um die beiden Alphatiere Colonel Nick Alexander (Urgestein Lee Marvin in seiner letzten Rolle) und Major Scott McCoy (Norris) binnen weniger Minuten als ebenso rechtschaffene wie heroische Draufgänger. Die entführten Fluggäste werden ebenfalls mit bekannten Sympathieträgern besetzt (u.a. George Kennedy, Shelley Winters und Martin Balsam), die im Handumdrehen Identifikation herstellen. Der für Cannon-Verhältnisse exquisite Cast wird von Fassbender-Star Hannah Schygulla als deutsche Stewardess komplettiert, bei der man am meisten rätselt, wie sie in dieses Spektakel geraten ist. Auf Seiten der Geiselnehmer regiert dagegen fiese Gesichtslosigkeit, allerdings mit einer Ausnahme. Robert Foster ist als Terroristen-Anführer Abdul die einzig facettenreiche Figur des Films und zeigt schon lange vor Tarantinos JACKIE BROWN (1997) Fosters Qualitäten.
Die Ansammlung mimischer Schwergewichte an Bord der Maschine sorgt aber auch für eines der zentralen Probleme des Films. Das eindringlich gespielte menschliche Drama Im Flugzeug steht im starken Kontrast zu der im typischen 80er-Wummen-Stil gehaltenen, finalen Befreiungsaktion, bei der die Delta-Jungs mit Panzerfäusten, Explosionen im Sekundentakt und Chuck auf einem Raketen abfeuernden Cross Motorrad eine Actionsause zünden, die auch den beiden Johns Matrix und Rambo gut zum stoischen Gesicht gestanden hätte.
Dieser offenkundige Anachronismus macht aus heutiger Sicht einen Großteil des eigenwilligen Charmes von DELTA FORCE aus, dürfte das zeitgenössische Publikum aber eher irritiert haben. Golan wechselt zudem meist recht unvermittelt zwischen den verschiedenen Erzählebenen und unterlegt die Delta Force-Auftritte gerne laut dröhnend mit Alan Silvesters eingängigem Titelthema, dessen beschwingter Synth-Rhythmus das Entführungsdrama fast schon karikiert. Der Mix aus Action-Kracher und Geiseldrama wäre auch für einen versierteren Regisseur eine Herausforderung gewesen, falls er sich überhaupt auf einen solchen Spagat eingelassen hätte, Golan jedenfalls wirkt hier reichlich überfordert. Den legendären Ruf der Cannon-Studios hat der krude Ansatz und vor allem dessen Umsetzung - zumindest auf lange Sicht - aber geradezu befeuert.
DELTA FORCE gilt heute als Paradebeispiel für die aus der Hüfte geschossene Megalomanie des Studios und rangiert in den Kultcharts der allermeisten Norris-Jünger gleich hinter MISSING IN ACTION. Und tatsächlich, sofern man die diversen Schwachstellen generös durchwinkt, ist der hohe Entertainment-Faktor nicht weg zu diskutieren. Norris und Marvin verstanden sich trotz gegensätzlicher politischer Ansichten ausgezeichnet, was man auch auf der Leinwand spürt. Als tiefenenstpannte Delta-Doppelspitze sind sie unwiderstehlich. Das im Vergleich zum Vorgänger noch Mal erhöhte Budget - zumal am logistisch und finanziell günstigeren Drehort Israel - ermöglichte ausladende Set-Pieres, das Filmen in und mit einer echten Boeing sowie ein Vielzahl spektakulärer Stunts und Pyrotechnik-Einlagen.
Mit DELTA FORCE scheiterte zwar Cannons Großoffensive auf den Action-Thron der 80er Jahre, aber immerhin gab man sich mit wehenden Fahnen und unter lautestem Getöse geschlagen. Aus der B-Kompanie wollte allerdings partout keine A-Kompanie werden, das galt auch für Zugpferd Chuck Norris. Fortan musste er sich mit der gar nicht mal so kargen Nische als reinrassiger Actionstar im mittleren Preis-Segment begnügen. Für den ehrgeizigen Norris war das sicher nicht das Reich seiner Karriere-Träume, seine treue Fangemeinde und Generationen nachgewachsener B-Aficionados dürften da aber ganz anders denken. Für sie firmiert DELTA FORCE als Blaupause für den Cannon-Output der 80er Jahre und zählt wenn zwar nicht unbedingt zu den besten, aber definitiv zu den beliebtesten Genrestreifen dieser ganz speziellen Ära. Da kann man nicht widersprechen.