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Eine Stärke, die sich eine Schwäche verwandelt – das ist das signifikanteste Merkmal von Danny Boyles SF-Thriller „Sunshine“, einer Neuinterpretation des modernen Katastrophenfilms von kosmischen Maßstäben, der um größtmöglichen Realismus buhlt.

Die Sonne stirbt. Das ist das Hauptthema des Filmes, dessen einziges Thema die angeschlossene Rettungsmission ist. Eine Gruppe von acht Raumfahrern, Wissenschaftlern und Psychologen ist unterwegs, um bei der bereits zweiten Rettungsaktion das komplette restliche spaltbare Material unseres Planeten mittels einer Fusionsbombe in unseren Heimatstern zu schicken, auf das sich die atomaren Prozesse daraufhin regenerieren. Eine erste Mission ist verschollen und auch jetzt ist die Aktion mehr als zweifelhaft, allerdings ist die Gruppe gut ausgerüstet. Denken alle…

Geschrieben wurde die Geschichte von „The Beach“-Autor Alex Garland, der um eins in allererster Linie bemüht ist: eine Abkehr von den Konventionen des Genres, die urtypische Heldenklischees zur Weltenrettung benutzt. Immer gibt es sonst den Helden der sich aufopfert, die angeschlossenen Kollegen, die dem psychischen Stress nicht gewappnet sind und nicht zuletzt durch ihre Schwächen die Mission gefährden.

„Sunshine“ will mehr – hier sollen gut ausgebildete und mental geschulte Menschen gezeigt werden, die nicht beim ersten Anzeichen von Gefahr in unkontrollierbare Psychopathen mutieren.
Selbstverständlich geht es nicht ganz ohne die zu erwartenden Schwierigkeiten, denn bei der Annäherung an Merkur findet man das verschollene Schwesterschiff und entschließt sich, dort anzudocken, um mittels der zweiten stellaren Bombe eine doppelte Chance zu haben.

Hier ist der Plot endlich mal um Logik bemüht und kühlt die, unter der Oberfläche natürlich trotzdem erhitzten, Gemüter in der Hauptsache herunter, um die Handlung einigermaßen nachvollziehbar zu machen. Gute Absichten und die Erdrettung als höchstes Ziel stets im Blick, den Einzelnen hinten an stellend.

Und was noch viel besser ist: Kernpunkt der Handlung ist die menschliche Fehlbarkeit. Ohne unsterblich abgelutschte Ideen zu benutzen, wird die fatale Höllenfahrt der Crew durch einen simplen menschlichen Fehler verursacht. Aus einem technischen Defekt ergibt sich eine Reperaturaktion und aus der wieder ein Todesfall. Demzufolge wird die Annäherung an das Schwesterschiff zwingend, da es inzwischen wieder einen Unfall gegeben hat, der die Sauerstoffreserven stark beschränkt hat. Und als man vor Ort endlich das andere Schiff betreten, stehen neue Unwegbarkeiten vor einem.

Das Beste, was man sagen kann, ist, dass hier die Figuren wie die Flipperkugeln auf die äußeren Umstände reagieren müssen, ohne agieren zu können. Opfermut steht vor übermenschlichen Heldentaten, die kein Mensch je außerhalb eines Films vollbringen könnte und obwohl das Schwesterschiff durchaus die Rettung bringen könnte, ist der Schiffswechsel nur ein weiterer Schritt in Richtung Untergang.

Boyle inszeniert das alles zurückhaltend, auf die Personen fokussiert und dennoch mit enormem optischen Reiz. Die Bilder aus dem All und die Szenen in der Schwerelosigkeit waren seit Peter Hyams „2010“ nicht mehr so bedrückend.

Doch auf der Gratwanderung wider die Klischees kommt der Film dann ausgerechnet im letzten Drittel doch ein wenig zu Fall. Denn bald ahnt man als Zuschauer die Mechanismen der Aufopferung und zählt mit, wer denn wohl wann dran glauben muß, um die Mission aufrecht zu erhalten. Das beeinträchtigt die Spannungskurve und fördert die Vorhersagbarkeit.
Und in diesem Augenblick greift Autor Garland dann doch auf einen Kunstgriff zurück, der dem Film nicht gut tut: den marodierenden Wahnsinnigen, den letzten Überlebenden der ersten Mission, der auf der „Ikarus 2“ in religiösem Wahn amok laufen darf.
Plötzlich gestaltet sich das spannende Drama zu einem Füll-Thriller jenseits aller Wahrscheinlichkeiten. Boyle ist bemüht, das Klischee herunter zu tönen, zeigt den „Mutanten“, nie in aller Deutlichkeit, sondern arbeitet mit überblendeten, verwischten Bildern und subjektiver Kameraperspektive, doch das Gefühl, es hier mit einem dramaturgischen Störfaktor zu tun zu haben, der aus kühler Berechnung die Handlung erschwert, bleibt bestehen.
Und obwohl man den Ausgang der Mission erahnt, muß am Ende doch so etwas wie übernatürlich-göttliche optische Brillianz herhalten, damit der Showdown entsprechend angemessen visualisiert, wenn auch leider nicht erklärt werden kann. Die Chance, das mit physikalischen Unerklärbarkeiten, ruckelnder Handkamera, Bildeinfrierungen und sonstigem Schnickschnack schon der Nerv des Zuschauers getötet wurde, ist aber recht hoch.
Das ist schade, denn bis dahin, war der Film überraschend sauber und klar, ohne die Notwendigkeit von FX-Overkills.

So bleiben hervorragende zwei erste Drittel, ehe doch die üblichen Standards einkehren, die man nur unzureichend dramaturgisch kaschieren kann.
Das macht Boyles Film (der übrigens endlich mal nicht offensichtlich irgendwo anders deutlich abgekupfert ist) nicht schlecht, mindert jedoch das Vergnügen und schickt das Publikum weniger gesättigt nach Hause als beabsichtigt, als sei irgendeine Zutat schlecht gewesen.
Dennoch dürfte das der beste realistische SF-Thriller seit Jahren sein, der sein Publikum auf jeden Fall verdient hat und der so richtig sicher nur auf einer großen Leinwand seine Wirkung offenbart. (7,5/10)

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