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Bei dem dramatischen Psycho-Thriller „Restraint“, einer kleinen australischen Low-Budget-Produktion aus dem Jahre 2008, deren Titel sich übrigens doppelsinnig auf gleich mehrere eingebundene inhaltliche Aspekte bezieht, handelt es sich um das „abendfüllende“ Regiedebüt David Denneens – seines Zeichens einer der besten Werbefilmer des Landes. Entsprechend schick kommt der „umfassende Look“ des Werks daher, welches allerdings auch in anderen Bereichen erfreulich anständig „zu punkten“ vermag – etwa dank seines gut ausgearbeiteten Drehbuchs sowie der überzeugenden darstellerischen Leistungen seiner drei Leads. An dieser Stelle kann (und möchte) ich ruhig bereits vorab vermelden, dass sich in Gestalt der vorliegenden mal wieder eine weitere Veröffentlichung aus „Down Under“ als ziemlich sehenswert herausgestellt hat – so wie das in jüngster Zeit ja relativ häufig (in ganz unterschiedlichen Genres) der Fall ist...

Mit einer Leiche im Kofferraum ist das junge Pärchen Ron (David Fimmel) und Dale (Teresa Palmer) seit kurzem auf der Flucht vor der Polizei: Bei einem Halt an einer Tankstelle im Hinterland führt ein „Spontankauf“ letzterer irgendwann allerdings dazu, dass ihr noch übrig gebliebenes Bargeld auf einmal nicht mehr ausreicht, um die entstandene Rechnung zu begleichen – was zügig in einer bündigen Ereignisfolge resultiert, an deren Ende der Betreiber seinem Schöpfer gegenübertreten muss, nachdem Ron „kein anderer Ausweg mehr“ aus jener Lage in den Sinn gekommen war. Auf der Suche nach einem neuen Wagen sowie Ort zum „unauffälligen temporären Untertauchen“ stoßen sie wenig später auf das abseits gelegene Grundstück des ehemaligen Kunsthändlers Andrew (Stephen Moyer), der sich auf diesem in sein geräumiges altes Herrenhaus zurückgezogen hat, da er unter Agoraphobie leidet sowie seit dem „unglücklichen Ausgang“ der Beziehung mit seiner (damaligen) Verlobten Gabrielle ohnehin keinen weiteren Wert mehr auf soziale Kontakte legt. Frei einer Chance auf Gegenwehr, wird er prompt überwältigt und gefesselt – doch als sich zwar ein Mercedes in der Garage, dafür aber weder Schmuck noch Geld im Haus finden lässt, Ron´s Foto in den Nachrichten gezeigt wird und die Erkrankung Andrews eine Fahrt zum nächsten Geldautomaten nahezu unmöglich macht, wachsen die grundlegenden Belastungen mit jeder verstreichenden Minute unweigerlich an...

Einem gescheiterten Versuch anknüpfend, heimlich (per Anruf) Hilfe zu verständigen, präsentiert Andrew den beiden (im Angesicht des drohenden Todes) dann allerdings eine Chance, wie sie an 40.000 Dollar kommen könnten. Die Sache hat nur einen Haken: Fürs Beschaffen des Geldes, welches sich auf einem Treuhandkonto befindet, müsste sich Dale als Gabrielle ausgeben – denn nur so (in Kombination mit einer telefonischen Passwortabfrage) würde man ihr die Summe im Zuge zweier Scheckeinreichungen direkt in der betreffenden Bankfiliale auszahlen. Eigentlich ist sie dagegen, sich darauf einzulassen, traut sich das kaum zu – doch ihrem Freund zuliebe gibt sie schließlich nach. Infolge dessen bereitet Andrew sie auf ihren „zu spielenden Part“ vor – lässt sie ihre Haare blond färben, re-arrangiert ihr Styling und bringt ihr eine elaboriertere Sprachweise bei. Zugleich aber wirkt er auch zunehmend auf sie ein, da er merkt, dass sie unter ihrer „Schale“ ein „empfindsames Wesen“ ist, das selbst noch keine Verbrechen begangen hat: Subtil sät er bei ihr den „Gedankenkeim“, dass sie sich durchaus (leicht) von Ron lösen sowie ein besseres Leben führen könnte – und fördert ein „Ersprießen dieser Überlegungen“ fortan in Form regelmäßiger Kommentare und Ermutigungen. Ihrem Partner bleibt diese „Verzerrung der Machtverhältnisse“ allerdings nicht unverborgen: Ein Strudel aus Misstrauen, Angst, Hass, Eifersucht, sexuelle Anspannung sowie Gewalt entsteht, bei welchem die Nerven (ohnehin) blank liegen und eine brutale Eskalation nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint...

„Restraint“ verfügt über eine Story, welche in ihren Grundzügen (also quasi „auf den ersten Blick“) einen ebenso altbekannten wie eher simpel gestrickten Eindruck heraufbeschwört, der sich so auch nicht wirklich von der Hand weisen lässt: Einige Schlenker und Offenbarungen des Plots werden nicht bloß echte Genre-Freunde nur wenig überraschen können – allerdings entpuppt sich der Streifen relativ zügig als einer, der zu jener Sorte gehört, bei denen „der Weg das eigentliche Ziel“ markiert. Drehbuchautor David Warner („Garage Days“), der in den vorangegangenen Jahren hauptsächlich Teleplays für Serien á la „McLeod´s Daughters“ oder „Canal Road“ geschrieben hatte, ist es gelungen, eine clevere Geschichte zu konstruieren, die mit diversen dezenten Nuancen sowie verschiedenen unter der Oberfläche verborgenen (erst nach und nach zutage tretenden) Handlungsschichten aufzuwarten vermag. Von dem Zuschauer wird dabei ein gewisser Grad an Aufmerksamkeit verlangt, denn die wenigsten Ereignisse, Blicke, Gesten, Worte und Reaktionen kommen frei bestimmter Bedeutungen daher…

Die Kammerspiel-artige Ausgangslage umfasst drei ungleiche „Persönlichkeitstypen“, die aufgrund spezieller Umstände an einem „räumlich beengten“ Ort eine Extremsituation durchstehen müssen: Beeinflussungen, das Aufdecken von Heimlichkeiten, Streben nach Überlegenheit sowie ein systematisches Angehen und Ausnutzen identifizierter oder preisgegebener Schwächen, Sehnsüchte und Abhängigkeiten sind nur einige der daraus hervorgehenden Verhaltensweisen, die schon bald eine kontinuierliche Veränderung der „Gruppendynamik“ erzeugen. Je weiter eben diese Macht- und Psycho-Spielchen voranschreiten, desto interessanter und intensiver werden die Geschehnisse – u.a. weil man die konkrete charakterliche Beschaffenheit jeder Figur zunehmend zu hinterfragen beginnt, zum Beispiel hinsichtlich solcher Dinge wie Schuld, Moral oder Motivation. Innerhalb des Verlaufs wird jedem der Beteiligten eine Überwindung eigener „Hemmnisse“ (siehe Titel) abverlangt, da es nur so für sie möglich ist, diese zehrenden Stunden zu überstehen sowie ihrem jeweiligen Ziel ein zusätzliches Stück näher zu kommen…

Warner ist es hoch anzurechnen, dass er alle Protagonisten rundum achtbar ausgearbeitet hat, weshalb keiner von ihnen je irgendwie belanglos oder gar eindimensional konzipiert anmutet – etwas, das dem Film Substanz, Glaubwürdigkeit und Anziehungskraft verleiht. Fortwährend verformt und vervollständigt sich das Gesamtbild – sehr zur Freude des (eben darauf Wert legenden) Publikums. Durch seine Phobie ist Andrew an seine (immerhin recht große) Villa „gebunden“: Ein Überschreiten der Türschwelle führt bei ihm stets zu Panikattacken, wie fast schon allein der Gedanke daran – den einzigen Kontakt zur Außenwelt stellt eine wöchentlich vorbeischauende Haushälterin dar, die ihn stets mit dem Nötigsten versorgt. In der Gewalt von Ron und Dale wird einem allerdings schnell klar, dass er in Wahrheit beileibe nicht so hilflos wie eingangs noch gedacht ist, sondern äußerst geschickt und berechnend vorgeht: In der Hinsicht gibt es gleich mehrere bezeichnende Schlüsselmomente, wie einen überaus tief blicken lassenden im Rahmen der „Verwandlung“ Dales in ein „Abbild“ seiner ehemaligen Verlobten (Stichwort: „Sprache“). Stephen Moyer (TV´s „True Blood“) verkörpert ihn überzeugend – inklusive aller nötigen (einnehmenden wie tendenziell zwielichtigen) Eigenschaften…

Das ehemalige „Calvin Klein“-Model David Fimmel (TV´s „the Beast“), der mit diesem Projekt hier übrigens sein Filmdebüt feierte, ist überraschend effektiv als eher schlicht gearteter, aber keineswegs dummer Ron: Obgleich er nicht immer „gut“ zu ihr ist, bedeutet Dale ihm einfach alles – in diese ganze Situation sind sie auch nur hineingeraten, da er sie mit Waffengewalt aus dem „Stripper-Milieu“ herausgeholt hat, um ihr eine Chance auf ein besseres Leben zu verschaffen. Sein oftmals impulsives, gewalttätiges Handeln macht ihn unberechenbar – und doch entwickelt man ebenfalls ein wenig Mitgefühl mit ihm, u.a. weil man ihn und seinen inneren Antrieb problemlos nachvollziehen kann. Das „Duell“ zwischen ihm und Andrew ist reizvoll mitzuverfolgen – und seine Schilderung eines tragischen Jugenderlebnisses bildet eine echt starke Szene. In der Rolle seiner Freundin ist Teresa Palmer wahrlich „umwerfend“: Ungemein talentiert und außerdem wie eine „hübschere Kristen Stewart“ ausschauend, ist es kein Wunder, dass sie inzwischen in Hollywood-Produktionen á la „the Scorcerer´s Apprentice“ oder „I am Number Four“ zu sehen ist. Dale ist eine unsichere „verlorene Seele“, die zum „Spielball“ beider Männer (und somit zum eigentlichen Opfer) wird – wobei ihnen ihre Sehnsüchte und Hoffnungen in der Hinsicht ja auch etliche „Angriffsflächen“ offerieren: Teresa meistert diese schwierige (emotionale) Balance zwischen Stärke und Verletzlichkeit jedenfalls perfekt…

Die Chemie zwischen Moyer, Fimmel und Palmer passt, ihre Performances sind hochklassig: Eindrucksvoll erwecken sie die (seitens der Vorlage) angenehm glaubwürdig und authentisch gestalteten Parts zu Leben. Es ist ein Vergnügen, ihnen zuzusehen – etwa dabei, wie Ron und Andrew wiederkehrend aneinander geraten, wie letzterer mit Dale umgeht, während er ihre „Erscheinung“ (ausgerechnet dem Vorbild seiner „verlorenen Liebe“ nach) verändert, oder wie jene auf die sich ergebenden (potentiellen) „neuen Perspektiven“ reagiert, welche sie allerdings aktiv (entgegen ihrer bislang eher „hinnehmenden“ Wesensart) angehen müsste. Angesichts der zahlreichen Pläne, Absichten, Darlegungen, Hintergedanken, Spekulationen und Geheimnisse verschiebt sich die Sympathie-Verteilung des Zuschauers unaufhörlich: Obgleich die „Grenze zwischen Schwarz und Weiß“ zunehmend verschwimmt, wird einem keiner von ihnen aber jemals egal. In Anbetracht der präsentierten Konstellation, sowohl von den Personen als auch zentralen Motiven her (Unterdrückung, Unterwerfung, Abhängigkeit, Macht und Manipulation), spielt der Faktor „Erotik“ (selbstverständlich) eine bedeutende Rolle: Im Prinzip dreht sich ja alles um Dale, die mal bewusst, mal unbewusst ihre Wirkung auf das männliche Geschlecht zum Erreichen ihrer Ziele einsetzt: Auf der einen Seite ist sie unglaublich begehrenswert, auf der anderen allerdings wenig selbstsicher – eine (für sie) nicht gerade „unprekäre“ Kombination…

Von flüchtigen Blickkontakten über einen ausgelassenen Tanz im Wohnzimmer bis hin zu einer unweigerlich in Erinnerung verbleibenden Sequenz, in welcher Dale den im Bad an eine Wanne gefesselten Andrew mit ihrer Nacktheit geradezu provoziert, hat Regisseur Denneen diverse Augenblicke mit einer prickelnden sexuellen Spannung aufgeladen, die mal direkter, mal subtiler Natur und Ausprägung ist. Dank der gewählten (bläulich-grauen) Farbpalette sowie exzellenten Kamera-Arbeit Simon Duggans („Knowing“), für welche er bei den „Australian Cinematographers´ Awards“ sogar mit einem Preis ausgezeichnet wurde, trägt speziell die Optik einen gewichtigen Teil zu der vorhandenen (erfreulich dichten) Gesamt-Stimmung des Streifens bei: Die einzelnen Perspektiven und Shots wurden allesamt inspiriert sowie mit einem unverkennbaren „Sinn für Details“ arrangiert, die Geschehnisse rundum beseelt ins rechte Licht gerückt – sei es im oftmals nahezu klaustrophobisch anmutenden Innern des (von Production Designer Bob Hill überaus schick ausgestatteten) Herrenhauses oder im Zuge verschiedener Außenaufnahmen der umliegenden Gegend. Abgerundet wird dieser hochwertige Eindruck schließlich noch von dem klangvollen Score Elliott Wheelers („Mr. Firth goes to Washington“), welcher die schönen Bilder in angeglichener Weise (akustisch) untermalt bzw. unterstreicht…

„Restraint“ markiert ein kompetentes Spielfilmdebüt David Denneens, welches er umfassend im Griff hatte und bei dem er sich auf die zuverlässige Unterstützung seiner (aus vorherigen Projekten vertrauten) „Stamm-Crew“ verlassen konnte. Die eingeschränkten finanziellen Ressourcen sieht man dem Ergebnis zu keiner Zeit an – und das nicht allein nur deswegen, weil sich ohnehin ja alles bloß in einem „begrenzten Rahmen“ abspielt. Psychologisch schlüssig ausgestaltet, bilden die Interaktionen zwischen den drei Hauptprotagonisten das Zentrum der Geschichte, welche sich straff entfaltet und zudem regelmäßig mit „klassischen Suspense-Momenten“ angereichert wurde – wie beim Auftauchen der Polizei auf dem Grundstück oder als sich Dale in der Stadt als Gabrielle ausgibt und dort auf einmal einer Frau begegnet, die Tage zuvor (unmittelbar vor dem Mord) auch an der besagten Tankstelle zugegen war. In seinem letzten Akt greift der Film zwar auf gewisse „Genre-Konventionen“ zurück – etwa beim Ablauf der „finalen Auseinandersetzung“ – mündet dafür jedoch in einer feinen Schluss-Einstellung, welche das Publikum gänzlich zufrieden in den Abspann entlässt. Kurzum: Alles in allem handelt es sich bei dem Werk, unabhängig kleinerer inhaltlicher Schwächen, um einen ebenso stilvollen, unterhaltsamen wie empfehlenswerten dramatisch-düsteren Psycho-Thriller, der mit starken Charakteren und fähigen Darstellern aufzuwarten vermag sowie obendrein auch noch atmosphärisch dicht, optisch ansprechend und durch die Bank weg gut in Szene gesetzt wurde…

„7 von 10“

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