Unmengen von Auszeichnungen können durchaus die Qualitäten eines Films repräsentieren, müssen es aber nicht. Joseph L. Mankiewiczs "Alles über Eva" (1950) wurde seinerzeit für 14 Oscars nominiert und konnte schließlich sechs der begehrten Preise ergattern. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seit der Entstehung dieses Klassikers vergangen und es stellt sich natürlich die Frage, welche Relevanz dieser Film heutzutage noch hat.
Die Handlung setzt bei der Verleihung des begehrten "Sarah Citizen"- Preises ein, der Jahr für Jahr die besten Theaterleute (u.a. Regisseure, Autoren und natürlich Schauspieler) des Landes auszeichnet. Für die junge, aufstrebende Aktrice Eve Harrington (Anne Baxter) geht ein Traum in Erfüllung, als ihr der Preis überreicht wird. Doch wie ist es zu diesem beispiellosen Aufstieg gekommen?
Einige Monate zuvor: Karen (Celeste Holm), der Frau des Bühnenautors Lloyd Richards (Hugh Marlowe), fällt eine junge Frau im Trenchcoat auf, die sie Abend für Abend vor dem Eingang des New Yorker Theaters stehen sieht. Karen erfährt, dass Eve, so der Name der Frau, eine große Bewunderin ihrer besten Freundin Margo Channing (Bette Davis) ist, welche als eine der derzeit berühmtesten Theaterdarstellerin gsehen wird. Aus lauter Freundlichkeit macht Karen Eve mit Margo bekannt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie noch nicht, welche Kreise diese gut gemeinte Geste ziehen wird. Denn Margo ist von Eve fasziniert und lässt sie alsbald für sich arbeiten. Dabei merkt die alternde Bühnendiva jedoch nach und nach, dass Eve nur nach außen hin wie die Unschuld in Person wirkt. Ihr Freund Bill Sampson (Gary Merrill) hält sie allerdings lediglich für überspannt. Als Margo bezüglich ihres Alters und ihrer Zukunft als Bühnenstar in eine Krise gerät, sieht Eve ihre große Chance gekommen, an die Stelle ihres angeblichen Idols zu treten...
Menschen, die für Geld und Ruhm über Leichen gehen und jegliche moralischen Grundsätze über Bord werfen, werden wohl nie aus der Mode kommen. Gerade in der heutigen Zeit scheint denn auch das Geltungsbedürfnis vieler die Schamgrenzen weit nach unten gesenkt zu haben, was sich in unzähligen unsäglichen TV-Formaten (álá "Big Brother") und dem Hervortun zahlreicher C-Promis, die lediglich über Skandale ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt sind, niederschlägt. So gesehen erweist sich "Alles über Eva" (ein eigenartiger deutscher Titel, da auch in der Sinchronfassung immer nur von "Eve" die Rede ist) als zeitlose Mixtur aus Drama und Satire, die, freilich auf subtile Art und Weise, vom Aufstieg einer jungen Frau erzählt, die ihre Mitmenschen für ihre eigenen Zwecke rücksichtslos ausnutzt. Besonders gelungen ist dabei der Aufbau der Handlung ausgefallen, der Eve zu Beginn als Person zeigt, die offenbar kein Wässerchen trüben kann und erst nach und nach, durch die Perspektive der anderen Charaktere (vor allem der Frauenfiguren Margo, Karen und Birdie) enthüllt, was für ein Mensch sie wirklich ist.
Der Fokus liegt eindeutig auf der von Bette Davis dargestellten Margo. Davis ist geradezu überragend in dieser Rolle und liefert eine beeindruckende Vorstellung ab, in der sie sich abwechselnd liebevoll, sarkastisch, verletzlich und neurotisch präsentieren darf. Dadurch wird ihre Figur zu einem dreidimensionalen Charakter, der wunderbar kantig daherkommt und nicht Gefahr läuft, zu eindimensional geraten zu sein, was sich übrigens auch vom Großteil der weiteren Rollen sagen lässt. Überraschenderweise ist es gerade Eve, die weniger gut ausgearbeitet daherkommt. Ihre Motive bleiben verhältnismäßig schwammig, was aber insofern akzeptabel ist, da der Charakter stellvertretend für solch durchtriebene Zeitgenossen funktioniert, wie es sie ja auch heutzutage noch in Massen gibt. Die gute Leistung von Anne Baxter ("Auf Messers Schneide") verhindert zudem, dass Eves Handeln an Glaubwürdigkeit einbüßt, wobei sie besonders in den Szenen glänzen darf, in denen Eve Karen erpresst oder den von George Sanders ("Ivanhoe") dargestellten Reporter Adison DeWitt hinters Licht zu führen versucht. Sanders gibt wiederum eine köstlich-zynische Vorstellung, als männliches Gegenstück von Baxters Figur, zum Besten. Überhaupt läuft das Ensemble zur Hochform auf und obgleich es in erster Linie Bette Davis ist, die sich den Streifen zu eigen macht, sollten die erstklassigen Leistungen von Celeste Holm ("Tabu der Gerechten"), Hugh Marlowe ("Liebling, ich werde jünger") oder Thelma Ritter ("Das Fenster zum Hof") nicht unter den Teppich gekehrt werden. In einer Nebenrolle lässt sich zudem noch Marilyn Monroe bewundern, die 1950 erst am Anfang ihrer Karriere stand.
Die Besetzung ist ohne Frage großartig, doch muss man in erster Linie dem grandiosen Drehbuch Tribut zollen (für das sich Mankiewicz ebenfalls verantwortlich zeichnete), das mit einer Vielzahl an brillianten, geschliffenen Dialogen aufwartet, die mitunter derart bissig ausfallen, dass die Nähe zur Screwball-Komödie mehr als offensichtlich wird. Letztendlich liegt in dieser Mischung aus Humor und Tragik denn auch die größte Stärke des Films. Wenn man etwas kritisieren möchte, dann höchstens, dass Bette Davis` Charakter im Finale zur Randfigur verkommt und eine gepfefferte letzte Konfrontation zwischen Margo und Eve, bei der beide Frauen ihre Krallen zeigen könnten, vermisst wird. Dies sind aber nur Abstriche am Rande. Das Sehvergnügen wird dadurch nicht getrübt.
Fazit: Nach wie vor ein sehenswertes Juwel von einem Film, welches, trotz seiner beachtlichen Laufzeit von mehr als zwei Stunden, zu keinem Zeitpunkt Längen aufkommen lässt. Ein hervorragendes Ensemble, eine fähige Regie, hinreißende Dialoge und eine zeitlose Geschichte. Was will man mehr von einem Klassiker wie diesem?
9/10 Punkten