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Ein Mitarbeiter eines Waisenhauses in Indien, der auf Besuch bei seinen Geldgebern in Dänemark eine Überraschung erlebt, ein Großindustrieller mit einem Plan für seine Angehörigen und der Umgang mit einem familiären Verlust, das sind die Zutaten in Susanne Biers „Nach der Hochzeit“, einer dramatischen Aufarbeitung des Themas Verantwortungsbewusstsein und Aufopferung.

Gedreht im inzwischen relativ unmodern gewordenen Dogma-Stil, mit wackeliger Handkamera und natürlichen Licht, was den Bildern semidokumentarisch-realistisches Gewicht verleiht, konzentriert sich Bier auf ihre Schauspieler in einer Extremsituation und wie mit Veränderung in ihrem Leben umgehen müssen.

Mads Mikkelsen, den viele kürzlich noch als Bösewicht „Le Chiffre“ im letzten Bond gesehen haben, gibt den unsteten Jacob, dessen kariative Tätigkeit untergraben wird, als er mit der Tatsache konfrontiert wird, das er doch eine Familie besitzt, denn seine ehemalige Freundin ist jetzt Frau seines Geldgebers und die hübsche Tochter ist sein leibliches Kind.
Doch dies ist nur die Ausgangsposition, die eine Reihe von Ereignissen in Gang setzt, die hier viele Charaktere in ihren Grundfesten erschüttert.

Biers Film, dessen Plot rein theoretisch auch auf einen Bierfilz passen würde, ist ein hochdramatisches, wenn auch sehr statisches Werk, das Intensität durch Kameranähe zu seinen Figuren erzeugen möchten. Karge Dialoge, Wortlosigkeiten und immer wieder Nahaufnahmen von Augenpaaren und Blicken führen den Zuschauer ins Geschehen, erzeugen aber nur eine irritierende Nähe – denn erschließen kann man sich die Figuren als Betrachter nur selten.

Das führt dazu, das man nie genau weiß, worauf der Film hinaus will und sorgt für etwas Grundspannung, das Ergebnis ist aber letztendlich vorauszusehen und gerät mit zunehmender Filmlänge zunehmend zur Strapaze, denn das schleppende Tempo und die brachial vorgetragene Gefühlgewalt bedeutet einiges an Arbeit – „Nach der Hochzeit“ wird zur Geduldsübung und Emotionsmühle.

Der hohe Grad an erzählerischem Realismus ist begrüßenswert, jedoch mangelt es an stringenter Dramaturgie, kaum wird der Film einmal bissig oder witzig kommt es wieder zu tragisch-introvertierten Durststrecken.

Für Arthouse-Freunde ist dies dennoch ein puristisches und unterhaltsams Werk, dem generell am Unterhaltungsfaktor interessierten Publikum wird der Film aber eher wie ein Kraftakt vorkommen.
Und die Schauspielerleistungen finden leider Gottes keine Entsprechung in einer Regisseurin, die nicht wusste, wo sie in ihrem Werk mal die Schere ansetzen musste, um etwas wie „Das Fest“ zu generieren. (6/10)

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