Charlie Sheen spielt einen idealistischen US-Studenten, der sich freiwillig für den Kampfeinsatz in Vietnam meldet. Diese Entscheidung bereut er jedoch früh: In ständiger Todesangst untersteht er dem Kommando zweier rivalisierender Sergeants: Einer eiskalten Bestie, die sowohl den Vietcong, als auch die Zivilbevölkerung grausam töten lässt, gespielt von Tom Berenger, und einem humanistischen, der gegen seinen Kollegen angeht, gespielt von Willem Dafoe.
Nachdem sich Michael Cimino mit seinem bewegenden Vietnamkriegsdrama "Die durch die Hölle gehen" vor allem mit Entwicklung dreier Männer beschäftigte, die nach dem Trauma Vietnam nicht mehr zu einem geregelten Leben finden konnten, befasste sich Francis Ford Coppola mit seinem Vietnam-Epos "Apocalypse Now" im Wesentlichen mit dem Wahnsinn des Krieges, mit einer enorm vielschichtigen Behandlung. Mit "Platoon" lieferte Oliver Stone Jahre später seinen Beitrag zum Vietnamkrieg, wobei er vor allem viel Wert auf einen möglichst realistischen Einblick in den Krieg legt.
Der Realismus, die Authentizität, gelingt Stone, der bekanntlich selbst Vietnam-Veteran ist, auch ganz gut. Die Handlung ist im Wesentlichen wirklichkeitsnah, zumal Stone vorgibt, sich dabei an seine eigenen Erfahrungen in Vietnam gehalten zu haben. Mit den Monologen der Hauptfigur vermittelt er dabei ebenfalls authentische Eindrücke über den Alltag eines Soldaten im Vietnamkrieg und schildert das Trauma, das Amerika bis heute noch nicht so recht verdaut hat, damit aus einem anderen Blickwinkel, als es Coppola oder Cimino taten. Wie schnell der Idealist, der sich sogar freiwillig verpflichtet hat, dabei erkennen muss, dass in Vietnam der Wahnsinn regiert und wie er allmählich daran zerbricht, bis er am Ende selbst zum Mörder wird, ist ebenfalls gut dargestellt. Kurz um: Die Hauptfigur und das alltägliche Leben in Vietnam sind gelungen konstruiert.
Schwächen hat Stones Drehbuch dennoch, was ein Grund dafür ist, dass "Platoon" seine beiden grandiosen Vorgänger nicht ganz erreicht. Zunächst einmal werden die gefallenen Soldaten auf amerikanischer Seite zu sehr als Helden glorifiziert, während der Tod der vietnamesischen Soldaten noch nicht einmal richtig hinterfragt wird. Immerhin lässt Stone seine Truppe in der ersten Hälfte des Films ein kleines Dorf überfallen und zeigt wenigstens hier, dass auch den Vietnamesen gewaltiger und unmenschlicher Schaden zugefügt wurde. Darüber hinaus zeigt der Film in der Charakterkonstruktion seine Schwächen. Die beiden rivalisierenden Sergeants sind zu sehr nach dem Klischee gestrickt und rein schwarz--weiß gezeichnet. Dafoes Charakter wird als Humanist und Idealist dargestellt, ohne jegliche Ecken und Kanten, während Berengers Figur als grausame Bestie hingestellt wird, die weit jenseits jeder Moral und Ethik tötet, wie es ihm gerade passt. Zu Gute muss man Stone hier halten, dass er den Konflikt Gut/Böse auf einen überschaubaren Konflikt zweier Sergeants differenziert, aber bei dermaßen übertriebenen Charakteren verliert der Film, der Realismus sehr groß schreibt, einen Teil seiner Glaubwürdigkeit. Die übrigen Soldaten gewinnen allesamt ein wenig an Profil und sind im Wesentlichen solide.
Nach seinem Oscar-Nominierten "Salvador" zeigt sich Stone als Regisseur schon bei seiner zweiten größeren Arbeit inszenatorisch überaus versiert. Die Schlachten bestechen durch hervorragende Kameraarbeit, die dem Zuschauer das Gefühl vermittelt, er sei direkt dabei, was die Authentizität des Films durchaus noch weiter erhöht. Mit einem hohen, abschreckenden, aber nicht übertriebenen Maß an Brutalität verstört er zudem des Öfteren. Auch wenn der Regenwald der Philippinen, wo der Film gedreht wurde, solide in Szene gesetzt ist, zeigt Stone kein wirklich gutes Auge für die surrealen Schönheiten der Landschaft, wie ihn Cimino und Coppola gezeigt hatten. Stone liefert dennoch einige Szenen ab, die noch lang im Gedächtnis bleiben, man denke nur an den Moment, in dem Willem Dafoe, auf der Wiese kniend, die Hände gen Himmel streckend, von hinten erschossen wird. Das Erzähltempo hält Stone angenehm ruhig, lässt sich Zeit, um die hervorragenden schauspielerischen Darbietungen und die vielschichtigen Monologe über den Alltag in Vietnam wirken zu lassen. Der Score ist eher unspektakulär, reicht aber aus, um den Film passend zu unterlegen. Mit Stones gelungener Regie, mit der er sich seinen Oscar durchaus verdient hat, unterhält "Platoon" von Anfang bis Ende und steigert die Spannung bis zum furiosen Finale stetig.
Wenn man sich heute "Scary Movie 3", "Scary Movie 4" und "Two and a half Men" so ansieht, vergisst man häufig, dass Charlie Sheen durchaus ein brauchbarer Charakterdarsteller ist, was er auch in "Wall Street" unter Beweis stellen konnte. Und auch bei seiner ersten Rolle unter der Regie von Oliver Stone überzeugt er mit einem überaus authentischen Spiel, mit dem er sehr gut in den Film passt. Dasselbe gilt auch für Tom Berenger, den man seit geschätzten zwei Dekaden fast nur in diversen B-Movies zu sehen bekommt, der hier in "Platoon" aber ebenfalls eine hervorragende Leistung als bestialischer Sergeant zeigt. Er liefert das perfekte Feindbild ab und steht so stellvertretend für den Wahnsinn Vietnams, wofür er sich seine Oscar-Nominierung redlich verdient hat. Willem Dafoe, der hier schon fast in einer Heldenrolle steckt, überzeugt vor allem durch seine sympathische Art, mit der er ein bisschen Vernunft im Chaos des Krieges darstellt, womit auch er sich seine Oscar-Nominierung durchaus verdient hat. Der restliche Cast überzeugt vor allem durch realistische Darstellungen, auch von Forest Whitaker und Johnny Depp, die hier in zwei ihrer ersten Rollen zu sehen sind.
Fazit:
"Platoon" ist ein spannender, realistischer und authentischer Vietnamkriegsfilm, der einerseits durch seinen überragenden Cast, andererseits durch Stones starke Inszenierung mit einer schonungslosen Darstellung des Alltags in Vietnam voll und ganz überzeugt. Da die Charakterkonstruktion, außer bei der Hauptfigur, recht flach ausfällt und auch die Glorifizierung der gefallenen Amerikaner leicht übertrieben ist, bleibt das Werk jedoch hinter "Apokalypse Now" und "Die durch die Hölle gehen" zurück.
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