Der Italo-Western, der gar keiner ist
„Sie sind Abfall und das wissen Sie auch! Ein besoffener Landstreicher, der die Manieren eines Ziegenbocks hat!“
Clint Eastwoods nach einem Thriller zweite veröffentlichte Regiearbeit „Ein Fremder ohne Namen“ aus dem Jahre 1973 ist eine Rachewestern à la Italiano, in dem er persönlich die Hauptrolle verkörpert, die ihm Jahre zuvor Sergio Leone auf den Leib geschneidert hatte: Den namenlosen fremden Revolverhelden.
Dieser sucht eines Tages das Örtchen Lago auf, verteidigt sich schussgewandt gegen drei großkotzige Minenbeschützer, vergewaltigt eine Frau und macht den Einwohnern klar, dass er nicht die Absicht hat, allzu bald wieder zu gehen und dem verängstigten und nun schutzlosen Völkchen stattdessen gegen die Rückkehr drei auf Rache sinnender Pistoleros zu helfen bereit ist – wenn er in Lago schalten und walten kann, wie er will...
„Wozu eine Anklage? Vergeben und vergessen, das ist unser Motto!“
Mit Eastwood als Anti-Held mit verkniffenem Gesichtsausdruck und Zigarillo im Mundwinkel ist „Ein Fremder ohne Namen“ durch und durch italienisch, ebenso die Charakterzeichnungen, denn kaum jemand hat hier keinen Dreck am Stecken oder ist wirklich charakterlich integer. Eastwood hingegen ist supercool und kommentiert das groteske Geschehen mit lässigen Sprüchen, wenn er Amts- und Würdenträger entmachtet, ein Hotel für sich allein räumen lässt, sich einfach nimmt, was er braucht und die Bewohner Lagos gar Picknicktische aufbauen und die Gebäude rot anstreichen lässt. Dabei kommt es zu einer Menge zitierwürdiger Dialoge und Einzeiler, ohne ins Alberne abzudriften. Für etwas Komik sorgen ein, zwei Nebenrollen, vornehmlich Billy Curtis als ehemals verspotteter Kleinwüchsiger, den der geheimnisvolle Fremde zum Marshall machte sowie die Situation an sich, die das feige, heuchlerische, opportunistische Lagoer Völkchen erniedrigt und demütigt.
Nach und nach erfährt der Zuschauer, durch Rückblenden und Gespräche der Ortsbewohner, was sich vor des Fremden Ankunft wirklich in Lago abgespielt hat, das genaue Motiv offenbart sich ihm allerdings erst als Schlusspointe, die in der Originalsynchro übrigens weniger eindeutig ist als im deutschen Ton. Bis dahin wird man Zeuge eines überwiegend auch grafisch harten Westerns auf technisch und schauspielerisch hohem Niveau, der mit derbstem Sexismus schockiert und es schwierig macht, den Fremden als Sympathieträger anzunehmen, was in anderer Genrekost trotz der Unerbittlichkeit der Rollen in der Regel gelingt. Inwieweit dies genau so beabsichtigt war oder aber auch eine Vergewaltigung als „hart, aber gerecht“ angesehen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Authentizität leidet etwas, wenn der Fremde einige bedrohliche Situationen allzu leicht mit seinen Schießkünsten löst. Der großartige Showdown jedoch verwandelt Lago in eine infernale Hölle und zeichnet die Rache des Fremden als reinigende, aber verbrannte Erde zurücklassende Feuersbrunst. Die Kameraarbeit Bruce Surtees’ ist durchweg schön anzusehen, nimmt aber nicht die epischen Ausmaße eines Leones an, wie auch der Soundtrack Dee Bartons den Film zwar unterstützt, aber kein Vergleich zu den Werken großer italienischer Filmkomponisten ist.
Fazit: Clint Eastwoods Neuinterpretation von „Für eine Handvoll Dollar“, wenn man so will. Spannender, harter, technisch gänzlich überzeugender Western; eine gelungene Variation des bekannten Rachemotivs mit einigen frag- und diskussionswürdigen Szenen. Für Italo-Western-Freunde und Eastwood-Fans ein Muss und mir 7,5 von 10 Punkten wert.