Review

Jeder Krieg hat zwei Seiten und Eastwood scheint der Einzige zu sein, der das wirklich begriffen hat. Die Tatsache, dass er selbst mit propagandistischen Kriegsfilmen aufgewachsen ist, die nur Gut und Böse kannten, kennzeichnet ihn als intelligenten, selbst denkenden Menschen aus, denn seinen eigenen Wurzeln stemmt er sich nun entgegen und vervollständigt mit "Letters from Iwo Jima" nun ein einzigartiges Antikriegs-Epos, das als einziges mir bekanntes Werk Vollständigkeit für sich beanspruchen kann. Erst mit dieser zweiten Arbeit, die aus Sicht der Japaner und im Originalton erzählt wird, erreicht der vorangehende "Flags" seine wirkliche Klasse, denn von nun an komplettieren sich beide Filme, nehmen interdisziplinär aufeinander Bezug, kausal handlungstechnisch gesehen wie ideologisch, und endlich setzt es sich zusammen, das im Vorfeld erwartete Meisterwerk.

Denn nun sind es die Amerikaner, die dämonisiert werden: Sass man in "Flags" noch mit den US-Soldaten in den auf Iwojima andockenden Schiffen und wurde hinterlistig aus Tunnelgewölben heraus beschossen, stellt sich jene Armada aus US-Kriegsfahrzeugen nun als androhende Gefahr dar, denn man sitzt nun auf der Insel und muss mit ansehen, wie sich das Meer am Horizont mit graumetallenen Flecken deckt.

Die Dialoge sind wohl das Erhellendeste an "Letters", denn sie verraten zum einen die unterschiedlichen Ideologien der Japaner und Amerikaner (alleine der erste gesprochene Satz fühlt sich schon bemerkenswert in die japanische Kultur ein), und doch sind sie alle Menschen mit den gleichen Bedürfnissen, eine Erkenntnis, die auch mancher japanische Soldat im Laufe des Filmes zu realisieren beginnt. Gedreht auf japanisch, gesteht Eastwood den verwöhnten Amerikanern nun nicht einmal eine US-Tonspur zu, denn im Grunde ist die Tonspur ja die gleiche wie in “Flags”, nur dass der Anteil der japanisch sprechenden Charaktere nun umgekehrt proportional zu derjenigen aus dem Vorgänger ist. Die wenigen Worte, die in amerikanisch gewechselt werden (etwa zwischen dem japanischen Offizier und dem amerikanischen Kriegsgefangenen), sind an einer Hand abzuzählen.
So klug diese Entscheidung für das Land auch sein mag, dessen Beteiligung hier verarbeitet ist, so nachvollziehbar ist meiner Meinung nach allerdings auch die Entscheidung, dem deutschen Publikum eine Tonspur in der eigenen Sprache vorzulegen. Indem man nämlich die Japaner in der eigenen Sprache sprechen hört, verstärkt sich das Identifikationspotenzial gegenüber der Option, das Japanische mit deutschen Untertiteln zu verfolgen, erheblich - zumal die Synchronisation (erfreulicherweise ohne nennenswerte bekannte Synchronsprecher, die an der Authentizität genagt hätten) qualitativ relativ gut gelungen ist und vor allem nicht die kulturelle Herkunft unterschlägt. Entsprechende Ausrufe wie “Banzai” bleiben daher auch in der Übersetzung erhalten.

Rückblenden veredeln den menschlichen Faktor und verleihen der Geschichte äußerst komplexe Zusammenhänge, die es sehr schwer machen, irgendwelche Erklärungen zu finden für das immer wiederkehrende Muster. Kriegerische Auseinandersetzung zwischen Völkern kennt man, seit Geschichtsschreibung betrieben wird. Eastwood maßt sich nun nicht an, ein Rezept (sprich: eine Moral) zu entdecken, die in der Zukunft gegen Kriege helfen könnte; er verarbeitet lediglich Historisches und deckt auf, wie viele Graustufen existieren, die man bisher noch nicht entdeckt hat. Soziale und gesellschaftliche Normen stehen auf dem Prüfstand, wenn der japanische General in einer Rückblende bei einem US-Prominenten zum Essen eingeladen ist und von der Frau des Amerikaners die spekulative Hypothese in den Raum gestellt wird, dass Japan und Amerika gegeneinander im Krieg stünden und wie der Gast daraufhin handeln würde. Die Antwort ist im Gegensatz zur folgenden Realität diplomatischer Natur.

Die Rangordnung der japanischen Armee verleiht “Letters” seinen Spannungsbogen, der dieses zweite Werk auch formell seinen Vorgänger übertrumpfen lässt. Wenn Männer unterschiedlicher Grade aufeinander stoßen und ihre Standpunkte nicht immer übereinstimmen, ergeben sich Spannungsspitzen, die zeitweise vom ungeliebten Gegner ablenken und in tiefliegende Auseinandersetzungen mit sich selbst ausarten. Die mit Ehrgefühl verbundene Selbsttötungsszene, der emotionale Höhepunkt der Geschichte, wirkt eigentlich ehr- und sinnlos und stellt so etwas wie die "unsichtbare Hand des Krieges" dar, die Manifestation einer unsichtbaren, teuflischen Gottheit, die nur durch das Handeln der Menschen ihre Existenz einnimmt. Ein Handeln, das aus guten Absichten resultieren kann, aber stets im Bösen endet. Ein Handeln, das in diesem speziellen Fall in Japan gar als Tradition durchgehen kann; das “Seppuku” kennt man hier bereits seit dem 12. Jahrhundert. Und das ist das eigentlich Schockierende in diesen Momenten, die Selbstverständlichkeit, mit der eine Kultur dem kollektiven Selbstmord einen positiven Wert wie “Ehre” auferlegt - unfassbar für unsereins.

Darüber vergisst man auch, dass “Letters” irgendwo im Nichts zu schweben scheint, sich weitestgehend von zeitlichen Lokalisierungen fernhält und den Fokus auf kleinere Soldatengruppen richtet, die keine Vorstellungen davon zulassen, wie der Kampf um Iwojima aus der Makroperspektive ausgesehen haben muss. Der Blickwinkel ist klar mikroperspektivisch und nähert sich von dort aus der angestrebten Wahrheit, und vielleicht schaut jene Wahrheit genau deswegen ein wenig anders aus als diejenige, die man als Ergebnis einer makroperspektivischen Betrachtung gewinnen würde.

“Letters” ist gegenüber "Flags" der in sich geschlossenere und stärkere Film, der außerdem über die besseren Schauspielleistungen verfügt (allen voran Ken Watanabe spielt hervorragend). Allerdings hat er auch den wichtigen Vorteil, erst an zweiter Stelle zu kommen und sich bereits auf das Komplementäre beziehen zu können. Denn rückblickend reicht "Flags" wieder recht nahe an "Letters" heran.

Insgesamt liefert Clint Eastwood den Beweis dafür, dass das Ganze oftmals weit mehr als die Summe seiner Teile ist. "Flags of our Fathers" und "Letters from Iwo Jima" sind für sich betrachtet zweifellos gute Antikriegsfilme, aber nur gemeinsam ein Meisterwerk. Ein erschreckender Parallelismus auf den Krieg, denn von ihrer funktionalen Seite aus betrachtet ist die Armee ohne ihren Feind rein gar nichts. Doch Armeen bestehen aus Menschen und Menschen sind weit mehr als Soldaten. Zum Beispiel Eltern, Kinder, Ehepartner. Eine Randnotiz, in “Flags” und “Letters” versteckt in Subplots. Eastwoods Botschaft (sofern man das hieraus zu ziehende Substrat “Botschaft” nennen darf bzw. will) ist es, dass diese Subplots es eigentlich verdient hätten, die Haupthandlung zu sein.

Flags of our Fathers: 7/10
Letters from Iwo Jima: 8/10
Das Gesamtwerk: 9/10

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