Nachdem Luc Bessons erster Spielfilm „Der letzte Kampf“ noch eine Übung in Minimalismus war, in schwarz-weiß gedreht und quasi dialogfrei, sollte er mit folgenden „Subway“ in eine andere Richtung gehen: Bunt, poppig, ein prominenter Vertreter des Cinéma du look, dessen Vorzeigeregisseure Leos Carax, Jean-Jacques Beineix und eben Besson werden sollten.
In der Auftaktsequenz kann man auch den späteren Actionregisseur in Besson sehen, wenn der Punk Fred (Christopher Lambert) im Auto vor einem Verfolgerfahrzeug flieht, durch die Straßen und Tunnel von Paris kurvt, einen Metallzaun durchbricht und am Ende des Sprunges mit dem Auto in die Türen der Metro saust. Noch gibt es keine Erklärungen und keine Antworten, wer Fred und wer die Verfolger sind oder was sie von ihm wollen, es gibt pure Kinetik, es gibt Spektakel und es gibt den Weg in die titelgebende U-Bahn-Welt, die der Film im Folgenden kaum noch verlässt.
Nun erfährt man, dass Fred zuvor auf der Geburtstagsparty von Héléna (Isabelle Adjani) war, als Zufallsgast, dort allerdings den Safe mit Sprengstoff öffnete und wertvolle Dokumente stahl. Ihr Ehemann Raymond (Constantin Alexandrov) bleibt lange Zeit nur eine schattenhafte Präsenz, doch die Häscher vom Anfang, das sind seine Leute. Ein mindestens mächtiger und skrupelloser Geschäftsmann, vielleicht sogar ein Krimineller, da wird „Subway“ nie so wirklich konkret, aber das gehört hier zum Programm.
Fred jedenfalls fordert Geld für die Dokumente, ist gleichzeitig aber auch fasziniert von und verliebt in Héléna. Diese wiederum ist ebenfalls von seinem Charme betört, während sowohl die U-Bahn-Polizei als auch die Schergen ihres Mannes nach Fred suchen und sie einige der skurrilen Metro-Bewohner kennenlernen…
Cinéma du look, das war das Gegenstück zu schwermütigem Sozialrealismus, stattdessen ein auf Style over Substance bedachtes Oberflächenkino, das von Pop Art, Comics, New Hollywood und Musikvideos inspiriert wurde. Oft mit postmodernen Verweisen auf die Popkultur, die im Falle von „Subway“ allerdings auch nur Verweise ohne viel dahinter bleiben. Zwei der U-Bahn-Polizisten sind nach den Comicfiguren Batman und Robin, doch mehr gibt das Zitat nicht her, höchstens den Gegensatz, dass diese beiden Polizisten bei Besson alles andere als kompetente Verbrechensbekämpfer sind. Ähnlich wie in Walter Hills Action-Noir „The Driver“, in dem Isabelle Adjani einige Jahre zuvor ebenfalls mitspielte, sind viele Figuren nur nach Funktionen benannt: Der Florist (Richard Bohringer), der Skater (Jean-Hugues Anglade), der Drummer (Jean Reno) usw.
So ist „Subway“ dann auch eher abstraktes Kino, das sich wenig um die Konventionen des klassischen Erzählfilms schert. Der Mainplot um die gestohlenen Papiere ist eher eine Folie, um die illustren Figuren auftreten zu lassen und sie in mehr oder weniger memorable Situationen zu bringen. Großartigen Spannungsaufbau gibt es nicht, auch keine große Konsequenz: Wenn es am Ende vermeintlich zu einem tragischen Todesfall kommt, dann lässt die letzte Einstellung Zweifel daran, ob die Person tatsächlich tot ist. Nicht, dass dies viel Bedeutung hätte, denn großartige emotionale Bindung zu den Figuren gibt es nicht. Dafür sind diese zu abstrakt, aber auch zu wenig greifbar und zu unglaubwürdig. Fred ist das beste Beispiel dafür: Der Edelpunk sieht aus wie Billy Idol, sprengt anscheinend jeden Safe, den er sieht, aus Prinzip in die Luft, hat trotz schnieker Klamotten aber keine Bleibe, weshalb er halt illegal in der Metro haust. Oder vielleicht ist dies auch nur Teil seiner verzweifelten Flucht, das macht der Film nicht klar. Das Geld, das Fred rauben und erpressen will, scheint ihm egal zu sein, da er es bald für die Veranstaltung eines Spontankonzerts in der Metro verfumfeit, die Liebesgeschichte zwischen ihm und Héléna muss immer wieder im Dialog aufgerollt und erklärt werden, weil man sie dem Film und den Figuren nicht glaubt.
So geht es Besson wohl einzig und allein darum, was gerade besonders schnieke aussieht. Also lässt er Fred minutenlang durch den Unterbau der Metro schleichen, teilweise mit Neon-Röhre in der Hand, während überall Dampf hervorquillt. Héléna trägt mehrmals extravagante Klamotten und noch extravagantere Haarschnitte spazieren. Der cartoonhaft muskulöse Big Bill (Christian Gomba) bricht Handschellen mit bloßen Händen auf. In einigen Szenen strömen die Beamten in Überzahl durch die U-Bahn-Station, dass ihre Formation fast schon etwas von einem Musical hat. In anderen Momenten gibt es dann tatsächliche Gesangs- und Musikeinlagen, gerade bei der Vorbereitung und Durchführung des Konzerts. Manchmal ist der Film eher Romanze, manchmal eher Thriller und manchmal eher Komödie, etwa wenn sich Héléna bei einem Geschäftsessen ihres Mannes gegen die bourgeoisen Spießeretikette stemmt – die einzige Passage nach dem Auftakt, die noch außerhalb der U-Bahn spielt. Die Kameraarbeit von Carlo Varini ist bisweilen famos, etwa wenn sie Fred einer Verfolgungsjagd in langen Einstellungen folgt. Doch letzten Endes wirkt „Subway“ am Ende des Tages eher wie ein Sammelsurium von Szenen, weniger wie ein geschlossener Film, zumal die lose Handlung mal dieser, mal jener Figur folgt.
Christopher Lambert spielt den Rebellen aus Prinzip dann auch konsequent eindimensional als dauernd unberechenbaren Gegen-alles-Typen, was aber auch vielleicht zum Gestaltungsprinzip des Films gehört: Möglichst unergründlich und offen zu sein. Isabelle Adjani macht aus der weiblichen Hauptrolle macht aus ihrer Rolle etwas mehr als eine rebellische Kleiderpuppe – warum es für die beiden allerdings Nominierungen bzw. in Lamberts Fall sogar eine Auszeichnung mit dem César gab, scheint mit rund 40 Jahren Abstand doch etwas verwunderlich. In Nebenrollen sind Besson-Regulars wie Jean Reno und Jean-Hugues Anglade dabei, jeder bekommt mindestens eine markante Szene, etwa wenn sich die Charakterfressen Michael Galabru als ermittelnder Kommissar und Richard Bohringer als Blumenverkäufer, der die belastenden Dokumente versteckt, bei einem Gespräch belauern.
„Subway“ mag ein bedeutender Film für die Bewegung des Cinéma du look gewesen sein und sieht teilweise wirklich fabelhaft aus, gerade in Sachen Bildgestaltung sowie musikalischer Untermalung, für die Bessons Stammkomponist Eric Serra verantwortlich zeichnet, der hier auch als Bassist zu sehen ist. So ganz geht die Mischung aus Kunstkino und postmodernem Genrefilm aber nicht auf, wenn sie ihren Plot stiefmütterlich behandelt und eher auf mehr oder weniger markante Einzelszenen setzt. Dass Cinéma du look auch mit spannender Handlung und Charakterzeichnung geht, das sollte Besson bald darauf mit „Nikita“ zeigen.